Nicht zu fassen: John Degenkolb jubelt in Roubaix (Foto: Roth & Roth; Roth-Foto.de)
Nicht zu fassen: John Degenkolb jubelt in Roubaix (Foto: Roth & Roth; Roth-Foto.de)

John Degenkolb hat den Kopfsteinklassiker Paris-Roubaix gewonnen. Nach einer taktischen Meisterleistung setzte er sich nach 253,5 Kilometern im Sprint einer siebenköpfigen Spitzengruppe vor Zdenek Stybar (Etixx-Quick Step) und Greg VanAvermaert (BMC). “Ich kann es gar nicht glauben. Ich musste hart arbeiten für dafür”, sagt Degenkolb, für den es nach seinem Sieg bei Mailand-Sanremo der zweite Klassikererfolg in dieser Saison war. Degenkolb ist der zweite deutsche Sieger nach Josef Fischer, der die erste Ausgabe des Rennens 1896 gewonnen hatte.

Hohes Tempo, viel Wind 

Die 113. Ausgabe begann in hohem Tempo. In der ersten Rennstunde lag die Durchschnittsgeschwindigkeit bei 50,4 Stundenkilometern. Rückenwind und der Kampf um die richtige Gruppe machten den Auftakt zu einer schnellen Sache. Nach 34 Kilometern hatten sich neun Ausreißer zusammengetan. Mit dabei, wie schon bei der Flandernrundfahrt, Ralf Matzka vom Team Bora-Argon18. Bis auf 9’40 Minuten ließ das Feld den Vorsprung der Fluchtgruppe anwachsen. Hinten kotrollierten zunächst die Favoriten-Teams Etixx-Quick Step und Sky das Rennen.

Als es nach 98,4 Kilometern auf die erste Kopfsteinpflaster-Passage ging, begann der harte Teil des Tages. Bald schon forderte die “Hölle des Nordens” die ersten Opfer. Im zweiten Pavé-Sektor Viesly to Quiévy erwischte es Stijn Devolder. Der Kapitän des Teams Trek Factory Racing konnte nach einem Sturz nicht mehr weiter fahren. Damit war auch die Taktik der Equipe, die mit dem Schweizer Gregor Rast einen Fahrer in der Spitzengruppe platziert hatte, über den Haufen geworfen.

Geschlossene Bahnschranke

Auch das Team Sky um die beiden Mitfavoriten Bradley Wiggins und Geraint Thomas hatte zu kämpfen. Zwei Defekte vermasselten Thomas den Tag schon bevor es nach 158 Kilometern in den Wald von Arenberg ging, der ersten Schlüsselstelle des Rennens. Das Team BMC führte das Feld durch die Fünf-Sterne-Passage und auch John Degenkolb blieb dort im Bilde. An dritter Position kam Degenkolb durch den Wald, in dem sich auch Heinrich Haussler (IAM) an der Spitze behauptete.

Für Aufregung sorgte wenig später eine geschlossene Bahnschranke, die einige Fahrer ignorierten – eine lebensgefährliche Entscheidung, die aber glücklicherweise ohne Folgen blieb. Anders als der Sturz von Geraint Thomas bei der Anfahrt auf den Pagé-Sektor Hornaing 85 Kilometer vor dem Ziel. Der Brite verlor dadurch den Anschluss. Das dezimierte Sky Team hatte mit Ian Stanard und Bradley Wiggins nur noch zwei Fahrer vorne dabei. Die Verantwortung für das Rennen verlagerte sich damit alleine auf das Team Etixx-Quick Step.

Etixx-Quick Step übernimmt Verantwortung

Und die belgische Equipe nahm die Aufgabe an. Vor der Kopfsteinpflaster-Passage Tilloy to Sars-et-Rosières 72 Kilometer vor dem Ziel schickte das Team gleich vier Fahrer an die Spitze des Feldes um nach dem 2,4 Kilometer langen Pavé-Abschnitt den Seitenwind zu nutzen. Tatsächlich zerriss das Feld, Topfavorit Alexander Kristoff und auch Wiggins fanden sich plötzlich in hinteren Gruppen wieder, konnten den Anschluss aber wieder herstellen.

Vorne verließ die Ausreißergruppe unterdessen zunehmend die Kraft. Auch Ralf Matzka musste auf dem Fünf-Sterne-Abschnitt Mons-en-Pévèle 45 Kilometer vor dem Ziel reißen lassen. Der Vorsprung der nun nur noch fünf Mann starken Gruppe schmolz auf etwas mehr als eine Minute, während hinten die taktischen Strategiespiele begannen. Etixx-Quick Step schickte Stijn Vandenberghe aus dem noch knapp 40 Mann starken Peloton nach vorne, um die anderen Teams zur Arbeit zu zwingen. Der Auftakt des Finales.

Wiggins attackiert vergeblich

Bradley Wiggins nutzte das nur 500 Meter langen Kopfsteinpflaster Stück Templeuve zu einer Attacke. 34 Kilometer waren es da noch bis ins Ziel. Der Toursieger von 2012 fuhr schnell zu Vandenbergh auf, der belgische Meister Jens Debuschere (Lotto-Soudal) und Zdenek Stybar (Etixx-Quick Step) schlossen auf. Doch zur Zusammenarbeit konnte sich das Quartett nicht entscheiden. Die Favoriten waren bald wieder zusammen.

23 Kilometer vor dem Ziel waren die Ausreißer endgültig gestellt. Borut Jozic (Astana) und Jürgen Rolandts setzten die nächste Attacke. Bozuc hielt nicht lange durch, anders als der Belgier vom Team Lotto-Soudal. Am Ausgang des gefürchteten Carrefour de l’Arbre betrug Roelandts Vorsprung jedoch nur 12 Sekunden. Kurz nach war es auch für ihn vorbei.

Degenkolbs Schachzug

Greg Van Avermaert (BMC) und Yves Lampaert (Etixx-Quick Step) setzten die nächste Attacke. Degenkolb, taktisch den ganzen Tag im Bilde,  schickte seinen Teamkollegen Bert De Backer nach vorne und setzte dann selbst nach – der Schlüssel zum Sieg. Sechs Kilometer vor dem Ziel hatte Degenkolb den Anschluss hergestellt. 25 Sekunden betrug der Vorsprung des Trios. Nur Lampaert und Van Avermaert wollten nicht mit Degenkolb nach Roubaix fahren.  So machte Zdenek Stybar drei Kilometer vor dem Ziel aus dem Trio ein Quartett. Kurz darauf schafften auch Lars Boom, Martin Elminger und Jens Keukeleire noch den Anschluss. Doch im Sprint im Velodrom von Roubaix war Degenkolb schließlich der Stärkste.