Italiens Herz - der Giro d'Italia (Foto: Roth&Roth; www.Roth-Foto.de)
Italiens Herz – der Giro d’Italia (Foto: Roth&Roth; www.Roth-Foto.de)

Für Pessimisten ist die Sache klar: Sie werden sich den Giro d’Italia nur in den ersten fünf Tagen ansehen, um sich bestätigen zu lassen, was sie eh schon zu wissen glauben. Das Szenario, das ihnen im Kopf herumschwirrt, ist denkbar einfach. Die Entscheidung über den Gesamtsieg fällt schon auf der fünften Etappe am Abetone. Auf diesem Anstieg in der Toskana hat der legendäre Fausto Coppi die Basis für seinen späteren Ruhm gelegt, als er dort 1940 im zarten Alter von 20 Jahren attackierte, die Etappe gewann und ins Rosa Trikot schlüpfte, das er bis zum Ende nicht mehr hergab.

Solo für Contador?

So ähnlich wird es Alberto Contador 75 Jahre später auch machen, glauben die Pessimisten. Der Spanier wird den 17,3 Kilometer langen Anstieg nutzen, um den Konkurrenten davon zu fahren, das Rosa Trikot übernehmen und danach das Rennen kontrollieren, bis der Giro 18 Tage später in Mailand mit dem Triumph des Spaniers zu Ende geht.

Doch ganz so einfach wird die Sache bestimmt nicht. Sicher, die Etappe auf den Abetone wird eine wichtige Rolle spielen im Kampf um das Maglia Rosa, aber vorbei ist dieser danach noch lange nicht. Zum einen gibt es durchaus ein paar Kandidaten, die Contador am Berg Paroli bieten können, allen voran der Australier Richie Porte (Einen Überblick über die alle Favoriten findet ihr hier). Zum anderen ist der Kurs des 98. Giro d’Italia derartig vielseitig und kompliziert, das eine frühe Entscheidung kaum seriös vorher gesagt werden kann (Einen Überblick über alle Etappen des Giro findet ihr hier).

Moderne Rundfahrt

Die Macher des Giro haben eine Strecke entworfen, die man durchaus als modern bezeichnen kann. Viele kurze, knackige Etappen (nur drei mal geht es über mehr als 200 Kilometer), nur wenige, punktuell eingeworfene, komplett flache Teilstücke (weswegen die meisten Topsprinter in diesem Jahr einen Bogen um den Giro machen) und schließlich eine spektakuläre Finalwoche in den Alpen. Diese Rezeptur soll spannende Rennaction an jedem Tag garantieren und ist ein Konzept, das inzwischen auch die ASO und Christian Prudhomme für die Tour de France verfolgen.

Tatsächlich hat vor allem schon die erste Woche in sich. Nach dem üblichen Mannschaftszeitfahren zum Auftakt, in dem sich die ersten Sekundenabstände zwischen den Favoriten ergeben, und einer Sprintetappe nach Genua bietet sich schon auf dem nur 136 Kilometer langen dritten Teilstück die Gelegenheit für einen Überraschungsangriff. Mit einer Mittelgebirgs-Etappe geht es weiter, dann die Ankunft auf dem Abetone. Es folgt noch einmal eine Chance für die Sprinter, bevor das mit 263 Kilometern längste Teilstück mit einer stark ansteigenden Zielgeraden zum Schluss an die Substanz der Fahrer geht.

Schlag auf Schlag im Finale 

Nach dieser ersten Woche wird sich eine Hierarchie gebildet haben und vielleicht wird Contador tatsächlich schon in Rosa gewandet sein. Aber auch in der zweiten, nicht ganz so aufreibenden Woche wird es kaum Zeit zur Erholung geben, bevor es in der 3. Woche ernst wird. Den Auftakt zum großen Finale bietet das mit 59,2 Kilometern sehr lange Einzeilzeitfahren, nach dem mancher Kletterspezialist seine Hoffnungen auf einen Podiumsplatz in Mailand möglicherweise schon ad acta legen muss, bevor es überhaupt in sein ureigenes Terrain – die Berge – geht. Diese folgen dann Schlag auf Schlag mit Ankünften in Madonna di Campiglio, in Aprica (wohin die Strecke zuvor über den gefürchteten Mortirolo führt) in Cervinia und in Sestriere.

Es gibt also keinen Grund für Pessimismus. Klar, der Sieger kann am Ende Contador heißen, der danach auch noch die Tour gewinnen soll, weil sein exzentrischer Teambesitzer Oleg Tinkov das gerne sehen möchte. Doch der russische Oligarch selbst hat seinem Mannschaftskapitän das Double mit dem Rauswurf von Manager Bjarne Riis schon erschwert. Contador und Riis waren eng verbunden und der Spanier, der Ende 2016 seine Karriere beenden wird, muss nun ohne den Vertrauten auskommen. Wie gut ihm das gelingt, wird sich auch zeigen auf den italienischen Straßen. Und sollte es nichts werden mit dem Girosieg darf man sich schon auf die Tinkov-Tweets freuen.