Auch ohne Marcel Kittel wird es auf der Zielgerade heiß. Nicht nur Cavendish, Degenkolb, Greipel und Kristoff, sondern auch Leute wie Bennett und Bouhanni werden um die Sprintsiege bei der 102. Tour de France kämpfen. Allerdings gibt es diesmal nur wenige Chancen für die reinen Sprinter.
Sprinterfreundlich ist die 102. Auflage der Tour de France sicherlich nicht. Im Großen und Ganzen gibt es nur etwa sechs Etappen, bei denen die Chance auf einem Massensprint besteht – die Hälfte davon schon in der ersten Woche. Das sind nicht die besten Voraussetzungen für all die Top-Sprinter, die auch diesmal alle dabei sind.
Ein Mann wird fehlen: Marcel Kittel. Der schnellste Mann der letzten beiden Jahre, wird im niederländischen Utrecht nicht am Start stehen. Der 27-Jährige Deutsche, der schon acht Etappen bei der Grand Boucle gewinnen konnte, kämpfte durch die ganze Saison mit einer schweren Viruserkrankung. Am Ende entschied sich sein Team Giant–Alpecin gegen eine Teilnahme der Deutschen, womit Kittel und sein Manager Jörg Werner unzufrieden sind. Der Sprinter glaubt, er wäre fit genug für den Start bei der Tour de France, aber die Teamleitung um Iwan Spenbrink wollte trotzdem nicht riskieren.

Mark Cavendish (Foto_Roth&Roth roth-foto.de)
Mark Cavendish (Foto: Roth&Roth roth-foto.de)

Cavendish vs. Greipel – das alte Duell
Ohne Kittel gehen die Experten davon aus, dass die Sprintentscheidungen offener werden. In erster Linie wird dabei auf ein altes Duell geschaut. Der Brite Mark Cavendish (Etixx–Quick Step) und der Deutsche André Greipel (Lotto–Soudal) werden wohl nie Freunde, wobei die Zeit der ausufernd zelebrierten Rivalität zwischen den beiden Top-Sprintern vorbei ist. Nur einmal kam es in diesem Jahr zur Auseinandersetzung zwischen Cavendish und Greipel. Bei der Türkei-Rundfahrt gewann der Brite dreimal, der Lotto-Kapitän konnte nur einmal erfolgreich sein. Allerdings schied Greipel nach seinem Etappensieg aus – und zu einem Eins-Eins-Sprint kam es in der Türkei nicht.
In Sachen Siege ist Cavendish mit 13:9 klar vorn, auch wenn der Manxman in diesem Jahr noch kein einziges World Tour-Rennen gewann. Greipel konnte dagegen jeweils eine Etappe bei Paris–Nizza und Giro d’Italia gewinnen, wobei der Deutsche sich von der Italien-Rundfahrt sicher mehr erhoffte. Doch Greipel ist in einer hervorragenden Verfassung: Bei der Luxemburg-Rundfahrt gewann er zwei Etappen, die starke Leistung bei Ster ZLM Toer krönte der Lotto-Kapitän sogar mit dem Gesamtsieg. Aber auch Cavendish fährt nach Utrecht mit einem starken zweiten Platz im Straßenrennen bei der Nationalmeisterschaft. Der Kurs wäre für den Briten normalerweise zu schwer.
Im Sprint ist es wohl vor allem die Frage der Tagesform, ob Cavendish oder Greipel vorne ist. Der Vorteil von Manxman ist aber seine größere Flexibilität. Mit Matteo Trentin und Mark Renshaw hat Cavendish zwar erstklassie Anfahrer, der Brite kann aber auch allein um die Position auf der Zielgerade kämpfen. Seinerseits braucht Greipel dagegen immer einen funktionierenden Zug. Mit Adam Hansen, Jens Debusschere, Marcel Sieberg und Greg Henderson hat er dafür genug Unterstützung im Tour-Aufgebot. Außerdem hat Lotto–Soudal diesmal keinen Klassementfahrer, was für den 32-Jährigen Deutschen sicher kein Nachteil ist.
 
Alexander Kristoff (Foto: Roth&Roth roth-foto.de)
Alexander Kristoff (Foto: Roth&Roth roth-foto.de)

Kristoff kann Sagan im Kampf um Grün ärgern
Der erfolgreichste Sprinter des Jahres ist bisher aber weder Cavendish noch Greipel. Der Norweger Alexander Kristoff vom russischen Team Katusha hat fast unglaubliche 18 Siege auf seinem Konto. Dazu gehören die Etappen von Paris–Nizza und Tour de Suisse, der bemerkenswerte Sieg beim Scheldeprijs und bisher der größte Erfolg seiner Karriere – die Flandern-Rundfahrt. Der Katusha-Kapitän ist der beste Allrounder unter den Sprintern und kann sogar bei sehr schweren Etappen mit Peter Sagan mithalten.
Kristoff wird im Sprint vor allem von Jacopo Guarnieri, Marco Haller und Luca Paolini unterstützt. Es ist zwar im Vergleich zu Etixx–Quick Step und Lotto–Soudal nicht der beste Sprintzug, doch der erfahrene Norweger braucht nicht unbedingt die ideale Sprintvorbereitung. Das hat Kristoff schon im letzten Jahr bewiesen, als er zwei Etappen bei der Tour de France gewann.
Mit seinen Fähigkeiten ist Kristoff die Figur, die die Vorherrschaft von Sagan in der Punktewertung beenden könnte. Der Slowake, der seit diesem Jahr für Tinkoff–Saxo rund um den Spanier Alberto Contador fährt, ist zwar nach wie vor der ganz große Favorit für das vierte Grüne Trikot in Folge. Die Frage ist aber, ob Sagan die nötigen Freiheiten erhält, um wirklich für den Sieg in der Punktewertung zu kämpfen. Der Teambesitzer Oleg Tinkov betonte schon mehrmals, dass für ihn nur der Gesamterfolg von Contador zählt. Außerdem scheinen die Beziehungen zwischen Sagan und Tinkov nicht gerade einfach zu sein. Es ist nicht auszuschließen, dass der slowakische Star sein neues Team am Ende des Jahres verlässt.
 
John Degenkolb gewinnt Mailand-Sanremo 2015
John Degenkolb siegt bei Mailand-Sanremo 2015 (Foto: Roth&Roth roth-foto.de)

Chance für Degenkolb?
Im Kampf zwischen Kristoff und Sagan könnte John Degenkolb zum lachenden Dritten werden. Der Kapitän von Giant–Alpecin, der nach der Nichtnominierung alleine die Führung in seinem Team übernimmt, fährt bisher die Saison seines Lebens. Es gibt viele Etappen, die Degenkolb liegen könnten – darunter vor allem die 4. Etappe mit Kopfsteinpflaster-Passen. Ohne Kittel träumt der Deutsche aber auch vom Grünen Trikot. Das sollte allerdings schwierig sein, da Degenkolb in flachen Sprints wohl nicht gegen Kristoff und unter Umständen sogar gegen Sagan punktet.
Das andere Team mit deutscher Lizenz, Bora–Argon 18, rechnet vor allem mit seinem Tour-Debütanten Sam Bennett aus Irland. In diesem Jahr gewann der junge Sprinter schon zwei Etappen bei der Bayern-Rundfahrt – im direkten Duell mit Degenkolb – und auch die Schlussetappe der Katar-Rundfahrt. Cofidis will dagegen mit Nacer Bouhanni, der zum ersten Mal einen richtigen Sprintzug hat, punkten. Der Franzose kommt aber nicht mit bester Moral zur Grande Boucle. Bei der Nationalmeisterschaft konnte Bouhanni ziemlich leicht den Sieg holen, fiel aber auf den letzten Metern und verpasste damit das preisträchtige Trikot.
Außerdem ist mit MTN–Qhubeka eine afrikanische Mannschaft dabei, die vor allem auf die Sprints setzt. Mit Edvald Boasson Hagen und Tyler Farrar sind die Südafrikaner ganz gut besetzt, auch Orica – GreenEdge könnte mit Michael Matthews einiges erreichen – sowohl bei den mittelschweren Etappen, als auch im Kampf um die Punktewertung.
Fast die ganze Sprintelite steht also am Samstag im Utrecht am Start. Schon am Sonntag werden die Sprinter die erste Möglichkeit für einen Etappensieg erhalten. Die zweite Etappe wird als erste richtige Standortbestimmung nach der Nichtnominierung von Kittel dienen. Danach wissen wir vielleicht schon, wer als Nachfolger der Deutschen als bester Sprinter der Tour de France am Ehesten in Frage kommt.