Nach der zehnten Etappe wissen wir es: Chris Froome ist bei der 102. Tour de France das Maß der Dinge. In der ersten Woche präsentierte er sich erst im Zeitfahren, dann an der Mur de Huy und auch auf dem Pflaster stark. Die Hoffnung der Konkurrenz, dass er in den Bergen etwas schwächer ist, hat er eindrucksvoll widerlegt. Sein Vorsprung im Gesamtklassement auf Nairo Quintana darf man als sehr komfortabel beschreiben. Bezogen auf Contador und Nibali ist der Vorsprung riesig.

Diese Konstellation wird große Auswirkungen auf die Renntaktik haben. Wie will man Froome außer Tritt bringen, wenn er und auch sein Team so extrem stark sind? Auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass man Froome das Trikot noch einmal ausziehen kann, weder Movistar noch Saxo-Tinkoff werden schon nach der ersten Bergetappe die Segel streichen und den Briten kampflos nach Paris eskortieren.

Ein Angriff in der Abfahrt

Froomes Schwachstelle könnte das Abfahren sein. In der Vergangenheit zeigte er sich nicht so sicher und weniger risikofreudig, wenn es schnell und technisch anspruchsvoll bergab ging. Hängt man ihn in der Abfahrt ab, kann man Zeit gut machen und den Druck erhöhen. Vielleicht ist das der Plan der Konkurrenz für die elfte Etappe – in der Abfahrt vom Tourmalet attackieren und Froome abhängen. Doch präsentiert sich Sky so stark wie heute, können sie auf den letzten Kilometern zum Ziel einiges an Zeit zurückholen.

Doch vielleicht setzt Movistar den Briten schon vor dem Tourmalet unter Druck. Alejandro Valverde ist gut platziert und darf nicht zu weit weggelassen werden, würde er am Col de Aspin attackieren, müsste Sky schon früh viel Kraft investieren. Dann könnte Quintana am Tourmalet den isolierten Froome attackieren. Es wäre eine Möglichkeit, doch so stark wie Froome sich heute präsentiert hat, dürfte er die Attacken der Konkurrenz locker mitgehen können und so im Keim ersticken. Ob Movistar schon bei der zweiten Bergetappe mit dem Messer zwischen den Zähnen zum Start rollt, ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass es viele Fahrer auf den Etappensieg abgesehen haben, gerade weil die Favoriten nun wissen, wie die Kräfteverhältnisse im Peloton sind.

Es gibt eine ganze Reihe von Fahrern, die nach herben Verlusten bei der ersten Bergankunft auf Revanche aus sind und am liebsten mit einem Etappensieg die Enttäuschung vom Vortag wieder gutmachen wollen. Wer mehr als 15 Minuten Rückstand hat, kann aus Sky-Sicht ruhig wegrollen.

 

Wir erwarten: Ein frühe Gruppe, die gute Chancen hat durchzukommen, weil Sky vor allem die Favoriten kontrollieren will. So könnte es ein harter Kampf um die Gruppe zu Beginn der Etappe geben.

Die Favoriten: Aus einer Gruppe: Adam Yates, Daniel Martin, Rein Taaramäe, Tim Wellens, Tanel Kangert / Aus dem Feld: Quintana, Froome, Valverde

Profil Col du Tourmalet
Profil Col du Tourmalet