Beim Team Giant-Alpecin dürfte man ziemlich froh sein, dass nun endlich die Zeit der Rundfahrten beginnt. Für das deutsche WorldTour-Team unter niederländischer Führung lief die Klassikersaison katastrophal. Das begann schon mit dem schlimmen Unfall im Trainingslager im Januar. Klassiker-Kapitän John Degenkolb fiel das komplette Frühjahr aus und machte den Team-Plänen einen Strich durch die Rechnung.

Zu Beginn der Klassikersaison mussten sogar wichtige Rennen in Belgien, wie Omloop Het Nieuwsblad komplett abgesagt werden, weil man nicht die nötigen sechs Fahrer zusammenbekam – für ein Erstligateam mit großem Anspruch sicher eine Schmach. Ohne Degenkolb konnte die Mannschaft kaum Akzente setzen.  So steht das Team nun als einzige WorldTour Mannschaft ohne Sieg mächtig unter Druck. Beim Giro muss die Mannschaft liefern. Denn ohne Club-Struktur und Eintrittsgelder ist Aufmerksamkeit die Währung des Radsports. In den Rennen waren die Giant-Alpecin-Fahrer wenig zu sehen, in der Ergebnisliste tauchen sie so gut wie nie weit vorn auf. Das dürfte nicht nach dem Geschmack der Sponsoren sein.

 

Teamleitung ist ins Risko gegangen

Dass man vor dem Giro nun mit dem Rücken zur Wand steht, liegt auch an der Neuausrichtung des Teams. Zwar konnte man mit solch einem Unglück, wie dem Unfall im Januar, nicht rechnen, doch wie schnell alle Pläne ihren Wert verlieren können, wusste das Team. Als Top-Star Marcel Kittel im letzten Jahr durch Krankheit die halbe Saison verpasste, überdeckten die Riesenerfolge von John Degenkolb im Frühjahr und der Überraschungssieg von Simon Geschke bei der Tour die entstandene Lücke. Als Kittel sich mit einem WorldTour-Etappensieg bei der Polen-Rundfahrt zurückmeldete, waren die Vertragsverlängerungen der beiden Rundfahrer Warren Barguil und Tom Dumoulin bereits in der Öffentlichkeit ein Thema.

Das Verhältnis zwischen Teammanagement und Kittel war zu diesem Zeitpunkt wohl schon in die Brüche gegangen. Jedenfalls entschied man sich im Team, den laufenden Vertrag mit dem Erfurter aufzulösen. Das freigewordene Budget konnte man gut für die Verträge von Barguil und Dumoulin gebrauchen. Doch Kittel ziehen zu lassen, war auch ein Risiko. Der Sprinter hatte das Team einst mit seinen Siegen zur Tour gebracht und dann die WorldTour-Lizenz beschert und mit seinen acht Tour-Etappensiegen das Interesse der Sponsoren geweckt. Ohne den Sprinter mit dem Sunnyboy-Image blieb nur Degenkolb als echter Sieggarant. Dafür setzte man auf die Rundfahrt-Talente Dumoulin und Barguil.

Kittel eilt in diesem Jahr wieder von Sieg zu Sieg, doch nun im Etixx-Quickstep-Trikot.

 

Dumoulin ist beim Giro gefordert

Für das Team mit deutscher Lizenz war der Ausfall von John Degenkolb ein harter Schlag. Denn auch für den deutschen Hauptsponsor dürften trotz internationaler Ausrichtung Kittel und Degenkolb das Hauptargument für den Einstieg 2015 gewesen sein. Selbst ein Top-10 Klassementergebnis durch Warren Barguil dürfte nicht annähernd die gleiche Aufmerksamkeit erzeugen, wie ein Etappensieg einer der Publikumslieblinge.

Nach dem katastrophalen Frühjahr helfen jetzt nur Siege. Siegt Tom Dumoulin beim Auftakt des Giro und fährt dann einige Tage im Rosa Trikot, ist alles gut. Dann kann man auch die Fragen, warum man Kittel hat ziehen lassen, einfacher beantworten. Doch gelingt das nicht, wird der Druck immer größer. Strahlt Tom Dumoulin am Ende des Giro gar vom Siegerpodest, wäre das Balsam für die Seelen der Teamleitung. Denn dann hätte man reichlich Argumente, auch für die Sponsoren. Ruhige Tage sind für Manager Iwan Spekenbrink ohnehin nicht in Sicht, denn die auslaufenden Verträge von John Degenkolb und Simon Geschke dürften ihm zusätzlich zu denken geben.