Chris Froome tauchte erst spät auf der großen Radsportbühne auf. Im U23-Bereich fuhr er unauffällig, wurde bei der Zeitfahr-Weltmeisterschaft 2006 in Salzburg nach Sturz 36. Ein Jahr später bei der WM in Stuttgart belegte er im Zeitfahren Platz 41, im Straßenrennen wurde er immerhin 21.

Chris Froome bei der U23-WM in Salzburg 2006 (Foto: Roth&Roth)
Chris Froome bei der U23-WM in Salzburg 2006 im kenianischen Nationaltrikot (Foto: Roth&Roth)

Auch in den ersten Profi-Jahren konnte der gebürtige Kenianer wenig Akzente setzten. Zwar nahm er bereits 2008 mit dem Team Barloworld an der Tour de France teil, fuhr jedoch unauffällig und beendete die Rundfahrt auf Rang 83. Auch im Jahre 2009 und 2010 drängte er nicht ins Rampenlicht. Das änderte sich im September 2011, als er als große Überraschung der Vuelta den Gesamtsieg nur knapp verpasste.

Seit 2012 ist er bei der Tour der stärkste Kletterer im Peloton und die Radsportwelt stellt sich jedes Jahr die Frage: Wie kann man diesen Froome schlagen? Die Antwort ist nach jeder Tour de France die gleiche: gar nicht, wenn er nicht stürzt oder krank wird.

 

Ein Team wie auf Schienen

Froomes großer Vorteil gegenüber den reinen Bergfahrern ist seine Stärke im Kampf gegen die Uhr. Bei der ersten Bergankunft das Gelbe Trikot übernehmen, dann im Zeitfahren ein Polster schaffen und anschließend kontrolliert das bärenstarke Sky-Team das Rennen bis Paris – mit diesem Rezept hat Sky 2012 Bradley Wiggins zum Toursieg chauffiert und so klappte es auch 2013 mit Chris Froome, der mit dem Sieg am Mont Ventoux endgültig den Sack zumachte. Das erinnerte an die Armstrong-Ära, in der das US-Postal-Team ähnlich dominierte.

Chris Froome beim Giro 2009 im Barloworld Trikot (Foto: Roth&Roth)
Chris Froome beim Giro 2009 im Barloworld Trikot (Foto: Roth&Roth)

Ohne lange Einzelzeitfahren war die Große Schleife des Jahres 2015 nicht nach Froomes Geschmack. Doch sein Sky-Team verschaffte ihm auf der vom Wind geprägten Etappe einen Vorsprung auf Nairo Quintana, den dieser nicht mehr aufholen konnte. In den schweren Alpenetappen hatte Froome stets Nicolas Roche, Richie Porte und Geraint Thomas an seiner Seite. Sie neutralisierten nahezu jeden Angriff.

Über die Stärke seiner Helfer bei der Tour 2016 muss man nicht viel sagen. VIER Fahrer hat das Team in den Top-17 der Gesamtwertung, mit Wouter Poels wohl den zweitbesten Kletterer der Tour in den eigenen Reihen. Sie schlugen in den Anstiegen ein Tempo an, das Attacken nahezu unmöglich machte. Und wenn sich doch jemand traute, ließ sich Poels eine Coke reichen, zischte sie runter und schloss dann in aller Ruhe die Lücke – absolute Dominanz. Irre.

 

Froome kann alles

Die Stärke des Sky-Teams war seit 2012 allen bekannt, doch man zweifelte lange an den Allround-Fähigkeiten von Chris Froome. Der Brite war schließlich weder in der U-23, noch bis zum Alter von 26 Jahren als großes Talent bekannt. Klettern & Zeitfahren kann er, aber das ist schließlich nicht alles.

Vor der Tour 2015 zweifelte die Radsportwelt an Froomes Pflaster-Fähigkeiten. Doch der klapperdürre Brite donnerte übers Pflaster, als würde er jeden Morgen über den Carrefour de l’Arbre fahren, um Brötchen zu holen. Eine mögliche Pflaster-Schwäche konnte man von der “Schwächen-Liste” streichen.

Chris Froome bei der Tour de France 2015 auf dem Kopfsteinplaster (Foto: Roth&Roth)
Chris Froome bei der Tour de France 2015 auf dem Kopfsteinplaster (Foto: Roth&Roth)

In den Abfahrten schien Froome häufig unsicher. Sein eigenwilliger Fahrstil lässt ohnehin nicht den großen Abfahrtskünstler vermuten. Doch spätestens nach seiner Attacke in der Abfahrt vom Peyresourde ist klar, eine große “Schwäche” lässt sich da nicht ausmachen. Froome wird kein Savoldelli oder Alaphilippe, aber David Moncoutié wird ihn in der Abfahrt auch nicht abhängen.

 

Auf die Kante, fertig, los!

Die Liste der möglichen Schwächen wird kürzer. Und seit dieser Tour de France kann man zwei weitere Punkte streichen. Auf der 11. Etappe zeigte Chris erneut, dass er nicht nur der abwartende Watt-Treter ist, sondern durchaus zu überraschen weiß und taktisch clever agieren kann. In einer Windkantensituation nutzte er die Chance, sprang an Peter Sagans Hinterrad und hängte die Konkurrenz ab. Wind kann er also auch – überraschend.

Chris Froome lässt sich 2016 nicht aufhalten, auch nicht durch einen Sturz (Foto: Roth&Roth)
Chris Froome lässt sich 2016 nicht aufhalten, auch nicht durch einen Sturz (Foto: Roth&Roth)

Zeitfahren, Klettern, Wind, Pflaster – all das beherrscht Chris Froome, dazu ein starkes Team. Und auch mental ist er extrem stark. Selbst nach einem Sturz lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Den unbedingten Willen zum Sieg hat er ohnehin, zur Not rennt er eben den Berg hinauf.

Froome scheint ohne Schwäche, mit seinem starken Sky-Team überlegen und unantastbar. Um Froome und sein Team zu schlagen, braucht es einen Fahrer der besser ist. Im Moment scheint weit und breit niemand in Sicht.

Chris Froome – wer soll ihn schlagen (Foto: Roth&Roth)
Chris Froome – wer soll ihn schlagen (Foto: Roth&Roth)