Gemeinsam mit Peter Sagan bis 19 Kilometer vor dem Ziel zum Fuße des Oude Kwaremont zu fahren, ist nur für die Fahrer eine gute Strategie, die dann bei dessen Antritt folgen können. Doch davon gibt es derzeit nicht sehr viele. Mit Abstrichen vielleicht Greg van Avermaet und Philippe Gilbert, das wars. Doch die müssen dann wenige Kilometer später, am extrem steilen Paterberg, dem letzten Hindernis des Rennens, ebenfalls bei Sagan bleiben, wollen sie eine Chance auf den Sieg haben. Uff, das scheint fast unmöglich.

Doch niemand startet bei der Ronde um Zweiter zu werden, solange es die Chance auf den Sieg gibt. Doch wie anstellen? Wie wird man Sagan los?

 

Szenario 1 – Feuer frei nach der Muur

Eine taktische Möglichkeit wäre es, das Rennen früh zu eröffnen. Vor allem das Quick-Step-Team könnte nach der Muur von Geraardsbergen, also rund 70-80 Kilometer vor dem Ziel, eine Gruppe mit 1–2 starken Helfern “losschicken“. Wir würden mal Yves Lampaert und Matteo Trentin einteilen. So hätte man vor den zwei finalen Schleifen über Oude Kwaremont und Paterberg Fahrer voraus. An der vorletzten Kwaremont-Passage (55 km vor dem Ziel) würde dann der Angriff einer der Kapitäne erfolgen, vielleicht Philippe Gilbert. Nun muss Sagan sich entscheiden, ob er mitgeht, oder wartet. Vermutlich würde Sagan Gilbert nicht fahren lassen, schon gar nicht, wenn er noch zwei Helfer vorn dabei hat. 

Schnell würde die Gruppe Sagan/Gilbert die Helfer-Gruppe erreichen. Diese machen dann weiter das Tempo, bis klar ist, dass aus dem abgesprengten Feld keine Bora-Fahrer zurückkommen. Wenn dann zwischen den Hellingen Trentin und Lampaert abwechselnd angreifen, muss Sagan die Lücke immer schließen, bzw. dann das Tempo machen. Gilbert muss nur mitrollen und spart Kräfte für die finale Attacke.

Natürlich funktioniert der Plan nur, wenn Gilbert Sagan wirklich abhängen kann. Zudem fahren ja auch noch andere Teams mit und würden vielleicht mit Sagan kooperieren. Aber entscheidet sich beispielsweise ein Fahrer wie John Degenkolb dazu, bei der ersten Helfer-Attacke 70 km vor dem Ziel mitzugehen, bekommt das Ganze natürlich noch mehr Dynamik. Vor allem dann, wenn Sagan nur noch mit einer Handvoll Kapitäne vorn ist. Dann ist er bei jeder Attacke gefragt.

 

Szenario 2 – vorn überleben und dann absprinten

Ja, es ist etwas kühn als Taktik auszugeben, Sagan im Sprint schlagen zu wollen. Aber Fahrer wie John Degenkolb und Alexander Kristoff ist das zuzutrauen. Für sie gilt es, nach dem Paterberg noch bei Sagan am Rad zu sein. Das dürfte vielleicht nur gelingen, wenn sie mit Vorsprung in den letzten Helling gehen. Sie müssten also vor dem Finale angreifen und sich aus dem Feld mit Sagan absetzen.

Am Helling wegzufahren ist sicher nicht so leicht, aber vielleicht zwischen Koppenberg und Steenbekdreis. Oder nach dem Taaienberg, auf dem Weg zum Hotond. Können Degenkolb oder Kristoff dann eine Lücke reißen und Hilfe eines Teamkollegen aus einer frühen Ausreißergruppe von vorn bekommen, könnten sie mit 30 Sekunden Vorsprung in den Paterberg gehen. Das müsste reichen, um danach noch bei Sagan zu bleiben. Eine Frage bleibt – lässt Sagan Dege oder Kristoff 40 km vor Ziel wegfahren?  

 

Szenario 3 – den “Terpstra” machen

Ja, man kann sich schnell unbeliebt machen im Feld. Zum Beispiel, in dem man attackiert, eine Gruppe initiiert, dann aber die Mitarbeit verweigert. In der Folge wird sich die Gruppe große Mühe geben, den Bremsklotz loszuwerden. Es beginnen erneut Attacken. Mal wird eine Lücke gelassen, mal duckt man sich ab – im Ekelkasten für Fluchtgruppen lassen sich fiese Tricks finden. Solche Situationen sind schwer zu kontrollieren, auch für die starken Leute.

Was würde passieren, wenn beispielsweise Zdenek Stybar am Oude Kwaremont, 50 Kilometer vor dem Ziel Vollgas hinauf fährt und dann in der Mini-Gruppe mit Sagan und Co. den “Toten Mann” macht – alle sind maximal genervt und keiner will führen. Alle gucken Sagan an. Rollt dann eine Gruppe von hinten heran, geht sofort wieder das Gespringe los. Alle gucken Sagan an. 

Das kann man dann natürlich am Koppenberg wiederholen und am Taaienberg. Irgendwann geht vielleicht eine Gruppe ohne Sagan und der Weltmeister muss selbst das Loch zumachen und Kräfte verschleudern. Oder ihm brennt die Sicherung durch und er fährt die letzten 40 einfach allein von vorn und schon ab dem Paterberg im Wheelie zum Ziel. Kann sein, wissen wir aber nicht.

Ein unkontrolliertes Ziehharmonika-Rennen mit drei Quicksteppern, die abwechselnd attackieren, dann die Backen aufblasen und auf Tom im Feld verweisen, ist sicher nicht nach dem Geschmack von Sagan. Auch van Avermaet würde keine Sympathiepunkte sammeln, wenn er in der Spitzengruppe auf den Platzmangel in der Siegerpokal-Vitrine verweist und sich vornehm zurückhält. Angreifen und dann nur lutschen, damit macht man sich nicht beliebt. Aber darum geht es bei der Ronde auch nicht.