Nairo Quintana – am Berg der Stärkste, aber die Spannung bleibt

Die Bergankunft am Blockhaus war mit Spannung erwartet worden. Quintana war gefordert, denn es stehen noch zwei Zeitfahren aus und für diese braucht der Kolumbianer ein Polster auf die Konkurrenz. Movistar machte das Tempo, knallte in den Berg und der Bergfloh holte sich den Etappensieg und Rosa. Quintana hat geliefert und seine Stärke demonstriert. Doch der Abstand ist nicht groß genug, um verwalten zu können. Beim Zeitfahren wird Quintana einiges an Zeit verlieren und wohl auch Rosa abgeben müssen. Er muss also in den Bergen wieder Zeit gutmachen, denn der Giro endet bekanntermaßen mit dem zweiten Zeitfahren. Für das Rennen und die Spannung ist das hervorragend.

 

Tom Dumoulin – die Überraschung

Ja, Tom Dumoulin hat schon vor zwei Jahren bei der Vuelta bewiesen, dass er ein sehr guter Allrounder ist. Dort kam er bei den schweren Anstiegen gut mit, musste nur reißen lassen, wenn es sehr steil wurde. Was Dumoulin am Sonntag am Blockhaus gezeigt hat, war überragend und überraschend stark. Denn Dumoulin kassiert auf den mindestens 10 kg leichteren Quintana weniger als 30 Sekunden. An einem Berg, der vergleichbar mit Alpe d’Huez ist. Dumoulin hat extrem an seinen Bergfähigkeiten gearbeitet und sich speziell auf den Giro vorbereitet. Er war mehrfach im Höhentrainingslager und ist zudem leichter, als in der Vergangenheit. Doch der Niederländer hat dadurch vielleicht auch etwas an seiner Zeitfahrfähigkeit eingebüßt. Zumindest war man nach dem für ihn schwachen Auftritt bei Tirreno-Adriatico enttäuscht. Wir werden am Dienstag sehen, ob Dumoulin immer noch die absolute Weltspitze im Kampf gegen die Uhr ist. Zu den Top-Favoriten um den Giro-Gesamtsieg gehört er ohnehin. Dass er seinen stärksten Helfer Wilco Keldermann durch den blöden Sturz verlor, ist bitter.

 

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Vincenzo Nibali – immer im Sattel und längst nicht abgeschrieben

Dass Vincenzo Nibali am steilen Blockhaus-Anstieg etwas Zeit auf Nairo Quintana verlieren würde, war zu erwarten. Nibali konterte zunächst die Angriffe des Kolumbianers und konnte lange dranbleiben. Er fuhr in eine kleine Krise und kassierte eine Minute Rückstand. Das ist nicht wenig, aber auch kein Weltuntergang für den Titelverteidiger. Nibalis Stärke sind nicht die ganz steilen Rampen, Mann gegen Mann. Der Sizilianer ist extrem clever und von den Klassementfahrern vielleicht der beste Allrounder. Nibali wartet nicht ab, er greift überraschend an und sucht seine Chance. Solange der Hai von Messina im Rennen ist, darf man ihn nicht aus den Augen lassen.

Zudem ist im Blockhaus-Anstieg aufgefallen, dass Nibali fast komplett im Sitzen gefahren ist und einen relativ kleinen Gang bewegte. Der Italiener, der schon in der U23-Klasse zur Weltspitze im Kampf gegen die Uhr gehörte, hat offenbar wieder verstärkt an seinen Zeitfahrqualitäten gearbeitet. Man darf auf den Dienstag gespannt sein, was er dort abliefert. Und es gibt noch etwas, was für Nibali spricht: Er wird in der dritten Woche eher stärker, als schwächer. Während Nairo Quintana gern gegen Ende des Giro etwas rausnehmen würde, um sich Körner für die Tour aufzuheben, wird Nibali hinter jeder Häuserecke einen Angriff starten, wenn er die Chance sieht, die Konkurrenz abzuhängen. 1:10 Minuten Rückstand sind viel, aber nicht uneinholbar.

 

 Vorfreude auf ein Zeitfahren mit extrem viel Bedeutung

Eigentlich sind Zeitfahren für die Zuschauer eher langweilig. Man sieht den Fahrern nicht an, wie schnell sie sind und es ist mehr ein Warten auf die nächste Zwischenzeit. Doch alle 10 Jahre gibt es ein Zeitfahren, dem man mit großer Vorfreude entgegenfiebert. Beispielsweise 2003, Armstrong gegen Ullrich. Es ist die Spannung, die den Reiz ausmacht. Beim ersten Zeitfahren des Giro ist es mehr, als nur die Frage nach dem Sieger und den Zeiten der Klassementfahrer. Das Ergebnis des Zeitfahrens am Dienstag bestimmt maßgeblich den weiteren Verlauf des Giro. Bleibt Quintana überraschend in Rosa, kann er verwalten, Körner sparen und bei der nächsten Bergankunft wieder 30 Sekunden holen. Doch muss er es abgeben, ist er in den folgenden Bergetappen besonders gefordert.

Wie stark ist Tom Dumoulin im Zeitfahren? Was ist mit Thibaut Pinot? Kann Nibali 1:10 min auf Quintana gutmachen? Wie stark ist Bauke Mollema? Bringt sich Bob Jungels wieder in Schlagdistanz zum Giro-Podium? Die Antworten auf diese Fragen werden die Richtung für die nächsten Etappen vorgeben. Aus Radsportfan-Sicht wäre es ideal, würde es an der Spitze der Gesamtwertung wieder zusammenrutschen und Quintana hätte Rückstand. Dann wäre für die nächsten Etappen Rambazamba garantiert.

 

Davide Formolo – ganz vorn angekommen 

Der 24-jährige Italiener gilt seit Jahren als großes Rundfahrtalent. Er hatte 2015 eine Giro-Etappe gewonnen und beendete die Vuelta 2016 als Neunter. Er deutete an, wozu er in der Lage ist. Zuletzt eindrucksvoll bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Nun fährt er beim Giro im Weißen Trikot und ganz vorn mit. Im Zeitfahren wird er leiden, wohl auch Zeit und Weiß verlieren. Aber er scheint stabil und gereift. Vielleicht kann er das Weiße Trikot noch einmal zurückerobern. Würde er beim 100. Giro am Ende sogar in Mailand im Weißen Trikot auf dem Podium stehen, hätte er die Herzen der Italiener entgültig erobert. Zuzutrauen ist es ihm.