Richie Porte – der Stärkste am Berg, Froomes härtester Gegner?

Nicht nur der Sieg im Einzelzeitfahren hat gezeigt, dass Richie Porte beim Critérium du Dauphiné der stärkste Fahrer war. Vor allem seine Berg-Form ist beeindruckend. Dass Porte am Ende das Gelbe Trikot auf den letzten Metern doch noch abgeben musste, lag am Rennverlauf, nicht an mangelnder Stärke. Die letzte Etappe der Dauphine war ein wunderschönes Beispiel, wie vielschichtig und taktisch höchst interessant Radsport sein kann. Blicken wir auf die Tour de France, müssen wir das kann betonen, denn Porte hat mit seiner Analyse recht, dass alle gegen ihn gefahren sind. Dass dürfte bei der Tour im Juli anders sein, denn dort wird wohl kaum ein Fahrer einen 5. Platz bei der Tour leichtfertig riskieren, um mit der Brechstange die Minimalchance auf einen Podestplatz zu nutzen. Das ist schade, aber die Tour ist eben zu wichtig.
Was Porte betrifft, darf man wirklich auf die Tour gespannt sein. Wenn er gut durch die erste Woche kommt, könnte er Froome durchaus gefährlich werden. Jedoch nur, wenn er nicht zu früh seinen Formhöhepunkt erreicht hat. Es wird sicher einige Radsportfans geben, die Porte in den ersten Tour-Tagen kräftig die Daumen drücken. Denn der Australier scheint bei Grand Tours das Pech magisch anzuziehen.  Etwas mehr Spannung als in den vergangenen Jahren kann die Tour durchaus vertragen, ein Porte in Höchstform kann dazu beitragen.

 

Chris Froome – der neue Abfahrtskünstler

Wie sich Chris Froome im Laufe seiner Karriere verändert hat, ist sehr bemerkenswert. Zunächst blieb er unauffällig, doch dann explodierte er förmlich und war bei der Tour de France 2012 der stärkste Fahrer im Peloton. Doch auch seit dem er zur Weltspitze gehört, hat sich Froome enorm weiterentwickelt. Taktisch und auch in Sachen Fahrtechnik. Früher waren technisch anspruchsvolle Abfahrten nicht so nach seinem Geschmack, jetzt hängt er bergab das gesamte Fahrerfeld ab. Bei der Dauphine war Froome in der Abfahrt vom Mont du Chat der schnellste Mann. Es ist ihm zuzutrauen, dass er sich die Abfahrt bereits angeschaut hat und dort nicht nur ein Mal heruntergefahren ist. Denn auch bei der Tour im Juli muss er diese Abfahrt meistern.  
Auch wenn es am Ende nicht von Erfolg gekrönt war, Froomes taktische Leistung auf der Schlussetappe war herausragend. Zunächst attackierte er mehrfach und isolierte Porte. Dann blieb er bei Porte und ließ ihn kurz vor dem Gipfel des vorletzten Anstiegs stehen und sprang in die Gruppe davor. Am Ende ging ihm einfach die Kraft aus. Wenn man die letzten Jahre betrachtet, ist zu erwarten, dass Froome im Juli noch ein paar Prozent mehr Leistung auf die Pedale bringen wird. Froome ist und bleibt der Top-Favorit auf den Toursieg, auch weil er mit einem bärenstarken Team am Start stehen wird.

 

Emanuel Buchmann – einfach großartig, aber bitte nicht wieder so ein Hype

Zunächst muss man festhalten, dass die Leistung von Emanuel Buchmann beim Critérium du Dauphiné herausragend war. Wie er sich taktisch verhalten hat und dennoch mutig gefahren ist, hat durchaus einen Superlativ verdient. Das war beeindruckend und hat auch etwas überrascht. Blicken wir nun auf die nächsten Wochen, ist Buchmann zu wünschen, dass der Mega-Hype diesmal ausbleibt. Denn mit dem Sieg bei der Deutschen Meisterschaft 2015, ist er plötzlich auch den Kollegen vom TV und Radio aufgefallen. Als Buchmann dann bei der Tour aus einer Gruppe Rang drei belegte, musste er dem Kollegen der ARD auf die Frage antworten, wann er denn um den Toursieg mitfährt, nachdem er Chris Froome viele Minuten abgenommen hat. Zielinterviews sind nur für Außenstehende ein leichter Job, aber während der Tour 2015 ging der Hype viel zu weit. Ebenso im Jahr 2016, als es im deutschen Fernsehen nur um Buchmann ging, als die Spannung ganz wo anders lag.

Seit Jan Ullrich ist der Wunsch nach einem neuen Klassementfahrer so groß, dass es teilweise absurd wird. Das Fachpublikum, ob in Belgien, Italien oder Frankreich, kann den Roubaix-Sieg von John Degenkolb richtig einordnen. In Deutschland zählt bei der breiten Masse leider nur die Tour. Es spricht für Emanuel Buchmann, dass er trotz des irren Hypes nicht abgehoben ist. Er ist kein Lautsprecher, sondern im Umgang mit den Journalisten ruhig und zurückhaltend, vielleicht auch als Schutz. Nach dieser Dauphine wäre es angebracht, einen Hype zu entfachen und sich auf die Tour zu freuen. Doch mehr als einen Top-20 Rang zu erwarten, wäre überzogen. Wenn wirklich alles perfekt läuft, die Radsportgötter im Zeitfahren etwas mitschieben und die Taktik für ihn läuft, darf man vielleicht, und auch nur heimlich, von den Top-10 träumen. Drei Wochen auf Top-Niveau mitfahren ist etwas ganz anderes, als eine Dauphine als Siebter zu beenden. Buchmann ist 24 Jahre alt, er muss noch lernen und hat viel Zeit – hoffentlich wird sie ihm gegeben.

 

Jakob Fuglsang & die Astana-Gang – Mischen sie die Tour auf?

Die Astana-Mannschaft geht mit der Doppelspitze Jakob Fuglsang und Fabio Aru in die Tour de France. Fuglsang ist in der Form seines Lebens und sollte er bei der Tour so stark sein, wie bei der Dauphine, könnte er um die Top-5 mitfahren. Dazu hat man mit Fabio Aru einen starken Kletterer dabei, der nach einer Knieverletzung den Giro absagen musste und nun bis zur Tour sicher noch etwas stärker werden wird. Mit zwei Top-Fahrern kann man ein Rennen ordentlich aufmischen, das hat man bei der Dauphine gesehen. Dazu stößt im Juli auch noch “Superman” Miguel Ángel López und man darf gespannt sein, was das Team bei der Tour zeigt. Sie sind stark genug, für ordentlich Wirbel zu sorgen und könnte reichlich Würze ins Rennen bringen.

 

Tonys Traum von Gelb – der Sieg in Düsseldorf wird ein hartes Stück Arbeit

Nicht nur Tony Martin und sein Katusha-Alpecin-Team wünschen sich einen Sieg zum Auftakt der Tour de France. Auch die Radsportfans und Veranstalter würden den Zeitfahrweltmeister gern in Düsseldorf in Gelb vom Podium winken sehen. Doch das wird alles andere als ein Selbstläufer. Der Druck ist enorm und allein das zu verarbeiten, oder besser zu verdrängen ist eine große Herausforderung. Martin hat mit dem Team auch den Ausrüster gewechselt und das neue Canyon dürfte einiges schneller sein, als seine alte Zeitfahrmaschine. Aber die Vorzeichen für den Auftakt in Düsseldorf sind nicht besonders gut. Der Kurs ist nicht 100% nach seinem Geschmack, denn mit nur 14 Kilometern ist es ein recht kurzes Zeitfahren. Zudem hat Martin in diesem Jahr noch kein Zeitfahren gewonnen. Bei der Algarve-Rundfahrt wurde er von Jonathan Castroviejo geschlagen, bei der Belgien Tour landete er hinter Matthias Brändle und nun war er auch beim Zeitfahren des Critérium du Dauphiné 12 Sekunden langsamer als Richie Porte. Dazu könnte Rohan Dennis, der 2015 in Utrecht Gelb holte, Martins größter Konkurrent sein. Doch der Australier ist nach dem Sturz beim Giro auch bei der Tour de Suisse zu Fall gekommen und man muss abwarten, wie er sich davon erholt. Es bleibt für Martin noch etwas Zeit bis zum Start der Tour und er wird alles daran setzten, bis dahin in absolute Top-Form zu kommen. Doch für ihn und sein Team zählt in Düsseldorf nur der Sieg.