Sky nicht nur beeindruckend stark, sondern dominant wie nie

Nachdem Chris Froome im vergangenen Jahr den Vuelta-Sieg knapp verpasste, auch weil sein Team bei der entscheidenden 15. Etappe nicht stark genug war, reiste der Brite in diesem Jahr mit einer bärenstarken Truppe zur Vuelta. Mit Ian Stannard und Christian Knees hatte man zwei unkaputtbare “Tretviecher” fürs flache Terrain dabei und für die Berge mit Mikel Nieve, Wouter Poels, David Lopez und Diego Rosa eine brutal starke Truppe. Dazu mit Gianni Moscon einen Fahrer, dem wir uns weiter unten noch ausführlicher widmen.

Sky reiste mit einem starken Team an und kontrollierte das Rennen. An sich nicht ungewöhnlich, aber die Art und Weise, wie die britische Equipe das Rennen gestaltete war dennoch beeindruckend, selbst für Sky-Verhältnisse. Denn diese Vuelta wurde fast jeden Tag hart gefahren. Anders als bei der Tour, wo die Sprinterteams in der Verfolgung der Ausreißer oft Sky den Job abnahmen, musste bei der Vuelta jeden Tag Froomes Team ran. Stoisch, vehement und ausdauernd – da wurden selbst 10-Mann-Fluchtgruppen von Stannard und Knees über Stunden in Schach gehalten. Schon allein das mehr als beeindruckend. In den Bergen lief es nicht anders.

Aber wie sehr das Sky-Team dominierte, wurde auf der Angliru-Etappe deutlich. Es kam zum erwarteten Gemetzel, nachdem erst eine starke Gruppe ging und dann Contador angriff. Es formierte sich eine kleine Favoritengruppe mit den stärksten Fahrern des Rennens. Insgesamt fünf der 12 Fahrer waren vom Team Sky. Später zogen Poels und Froome gemeinsam dem Rest davon und hätten beinahe noch Contador eingeholt. Dieses Vuelta-Sky-Team war eine der stärksten Mannschaften bei einer GrandTour seit einigen Jahren.


 

Gianni Moscon – der Traktor und Düsenjet

Über sein Talent und das große Potenzial das in ihm steckt, hatten wir schon häufiger geschrieben, nicht zuletzt nach seinem beeindruckenden Frühjahr. Gianni Moscon ist eine absolute Ausnahmeerscheinung. Ein Fahrer, der alles kann – Pflaster, bergauf, bergab, Sprint, … . Im April beendete er Paris-Roubaix in der ersten Gruppe und wurde Fünfter, wenig später machte er im Finale von Lüttich-Bastogne-Lüttich noch das Tempo an der Spitze. Nun fuhr er seine erste GrandTour und beeindruckte erneut. In den Anstiegen machte er lange das Tempo für Froome und im Sprint der 13. Etappe musste er sich nur Matteo Trentin geschlagen geben. Dieser italienische “Traktor” ist erst 23 Jahre alt und hat das Potenzial die Radsportwelt künftig ordentlich aufzumischen

 

Die Vuelta a España 2017 – aus dem Schatten von Giro und Tour

Lange Zeit brauchte man schon eine große Portion Radsport-Liebe oder Faible für Spanien um die Vuelta genießen zu können. Zum einen lag es am selbstverschuldeten Image der Rundfahrt, die trotz einiger spannender Etappen für menschenleere Autobahnen und wenig Stimmung stand. Zum anderen lag es an Fabel-Leistungen einzelner Sportler, deren Erklärungsversuch schnell in eine Richtung führte. Die Vuelta stand im Schatten der beiden anderen GrandTours, sehr sogar. Doch das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Spannende Rennen, kurze, aber knackige Etappen, Rampen die für Spektakel sorgen. Kein Klammern an Sprinter-Top-Stars, die am Ende einer langen Saison und nach der Tour ohnehin schwer für Spektakel sorgen. 

Es scheint so, als habe die Vuelta ihren Platz gefunden und an ihrem Profil erfolgreich gefeilt. Sie nutzen es aus, dass viele junge Fahrer nach Spanien kommen, sie planen einen Parcours, der das Rennen spannend hält, aber auch Platz für Ausreißer und Spektakel schafft. Die asphaltierten Ziegenpfade mit fast 30% Steigung gehören dazu. Diese Vuelta 2017 war große Radsport-Unterhaltung, was natürlich zu einem großen Teil an den Fahrer liegt, die das Rennen animiert haben. Aber auch die Organisatoren haben einiges richtig gemacht, indem sie ihnen das passende Terrain dafür boten. Einzig die langen Transfers werden als Makel hängen bleiben, der Zuschauer bekommt davon kaum was mit. Die Vuelta wird wohl nie der Tour den Rang ablaufen, aber sie hat einen Schritt nach vorn gemacht.

 

Alberto Contadors großer Abschied – die perfekte Geschichte

Hätte man für den Abschied von Alberto Contador ein Skript bei einem Drehbuchautoren in Auftrag gegeben, gut möglich, dass es die Vuelta 2017 genau so vorgezeichnet hätte. Contador kämpfte zu Beginn mit gesundheitlichen Problemen, hatte früh einen Rückschlag zu verkraften. Doch er gab nicht auf, griff an wo es ging, oder auch nicht ging. Er musste früh einsehen, dass der Kampf um den Gesamtsieg chancenlos ist. Aber er wollte sich mit einem Erfolg von der großen Radsportbühne verabschieden. Verbissen attackierte Contador, dem immer wieder Besessenheit und Mangel an Lockerheit nachgesagt wurde. Sein Ziel waren nie die Partys. Er war einer dieser Profis, die schon völlig austrainiert im Winter-Trainingslagen ankommen.

Doch am Beispiel Contadors konnte man sehen, dass manchmal auch Glück nötig ist. Immer wieder griff er an, versuchte diesen einen, letzten Etappensieg zu holen und als Held abzutreten. Doch es klappte einfach nicht. Mal ging zu früh die Kraft aus, mal schnappte ein Ausreißer den Etappensieg weg. Mit jedem missglückten Versuch stieg die Sympathie beim Publikum.

Und dann schließlich die letzte Chance, bei der letzten Bergetappe seiner Karriere. All In. Contador versucht alles, spannt seine Helfer früh ein, bekommt Unterstützung von Landsleuten anderer Teams und haut raus, was noch in ihm steckt. Als die Kräfte schwinden rückt die übermächtige Sky-Armada immer näher. Die Fans an der Strecke schreien ihn den Berg hinauf, genau wie unzählige Fans vor den heimischen Fernsehgeräten. Contador hat diesen Sieg verdient, auch wenn er mal wegen Dopings gesperrt war. Er hat es sich verdient, mit seiner angriffslustigen Fahrweise und wegen seines Kampfgeistes – so die Meinung der Fans.

Und wie es sich für eine große Helden-Geschichte gehört – es reicht. Contador feuert die letzte Kugel ab und rollt am letzten Tag seiner Karriere mit einem breiten Grinsen bis Madrid. Dass dann das komplette Poloton ihm bei der ersten Zieldurchfahrt den Vortritt lässt und er nach Rennende noch eine Abschiedsrunde auf der Strecke nach Rennende drehen darf, ist einzigartig. Ein großer Sportler geht, der Radsport hat ihn hart gefeiert.

 

Mit guter Form aus der Vuelta – Favoriten für die WM in Bergen?

Früher galt die Vuelta als gute Vorbereitung auf die WM. Doch in den vergangenen Jahren machten die WM-Favoriten einen kleinen Bogen um die Spanien-Rundfahrt, so auch in diesem Jahr. Das mag am Kurs von Bergen, der Strecke der Vuelta und dem zu erwartenden harten Rennverlauf der Vuelta gelegen haben. Für die Vuelta ist das sicher kein Nachteil, nicht “nur” das Vorbereitungsrennen auf die WM zu sein. Doch vielleicht sehen wir einen der Vuelta-Protagonisten auch in Bergen jubeln. Denn es  gibt einige Fahrer, die sich bei der Vuelta in eine Mitfavoritenrolle für die WM gefahren haben. Matteo Trentin beispielsweise. Oder auch Julian Alaphilippe. Aber auch Wilco Kelderman und Chris Froome für das WM-Zeitfahren, bei dem im Finale eine fiese Rampe erklommen werden muss. Auch für das U23-Straßen-Rennen konnte man sich einen Namen notieren. Ivan Garcia Cortina zeigte eine starke Leistung, war bei den kurzen Anstiegen nicht abzuhängen ist endschnell im Sprint. Allemal ein Kandidat für eine Medaille.