Elia Viviani – der mit Abstand stärkste Sprinter

Er ist als Top-Favorit für die Massensprints ins Rennen gegangen und er hat geliefert. Zwei Etappensiege bei zwei Massenstart-Etappen. Ausbeute 100%. Klar, Viviani, bei diesem Sprinterfeld, aber wie er die Siege geholt hat, war beeindruckend. Denn es war nicht der perfekte lead-out und er musste auf den letzten Metern einfach 100 Watt mehr treten, als der Rest. Vielmehr war Cleverness, Ruhe und Instinkt gefragt. Beim ersten Etappensieg schnappte sich Viviani das Hinterrad von Jakub Mareczko und siegte souverän. Am Sonntag ließ er sich von Sam Bennett weder überraschen, noch einbauen. Er schob den Iren mit der Schulter sanft zur Seite und sprintete zum Sieg. So cool bleiben nur die Besten. Viele Sprints gibts bei diesem Giro nicht mehr, aber Viviani wird für jede Massenankunft der Favorit sein. 

Für die nächsten Sprints ist zu hoffen, dass wir Bilder wie in Tel Aviv nicht wieder sehen. Dort ragten unzählige Telefone und Fotoapparate auf die Strecke. Das ist enorm gefährlich.

 

Tom Dumoulin – stark, konzentriert und in super Ausgangsposition

Ein wenig zweifeln konnte man schon, an den Absichten des Vorjahressiegers beim Giro. Denn die Strecke der Tour de France ist ideal für ihn und böte die Chance auf den Sieg. Den Giro hat Dumoulin bereits gewonnen, die Tour wäre für das Team, die Sponsoren und den Athleten das nächst ganz große Ding. Kommt Dumoulin also nur semi-motiviert zum Giro? Im Moment macht es nicht den Eindruck. Das Zeitfahren hat er gewonnen, damit ist klar, dass er in sehr, sehr guter Form ist. Aber auch wie er sich bewegt, zeigt seine Ambitionen. Beim nicht ungefährlichen Finale am Sonntag hielt er sich immer weit vorn auf, wurde 17. Er will keine Sekunden verlieren – das ist offensichtlich. 
Es gibt noch ein Indiz, dass er es ernst meinst, mit dem Projekt Titelverteidigung: Hätte er nur ein paar Tage beim Giro geplant, hätte er das Rosa Trikot sicher nicht so einfach hergegeben. Klar, das BMC-Team hat das beim Zwischensprint am Samstag sehr gut gemacht, aber von Dumoulin war nix zu sehen. Es machte den Eindruck, als wäre es ihm ganz recht, die Verantwortung los zu sein und sein junges Team noch schonen zu können. Wir sind gespannt, wie dieser Giro für den Niederländer weitergeht.

 

 

Oh, Froomey

Zuerst der Sturz bei der Streckenbesichtigung vor dem Zeitfahren, dann das schlechte Ergebnis. Es läuft nicht, bei Chris Froome. Die anhaltende Diskussion um den Salbutamol-Fall und die intensive Kritik an seinem Start beim Giro gehen sicher nicht spurlos an ihm vorbei. Doch abschreiben sollte man den Briten noch längst nicht. Er liegt nur 38 Sekunden zurück und sein Team ist voll auf ihn ausgerichtet. Der frühe Ruhetag dürfte ihm entgegenkommen um sich von den Sturzverletzungen zu erholen. Spätestens am Ätna wird man sehen, wie stark Froome wirklich ist. Gut möglich, dass er mit dem Blick auf die Tour seinen Formhöhepunkt erst in der letzten Woche erreichen wird. Für ihn wird dieser Giro auch mental zur Herausforderung. Ruhig wird es um ihn definitiv nie werden, denn das Thema “mögliche Dopingsperre” wird ihn bis zum Finale des Giro begleiten. Mindestens.

Chris Froomes Sturz im Video:


 
 

Dennis & Viviani beim Zwischensprint – ein coole Geste

Das BMC-Team investierte auf der zweiten Etappe viel Kraft, um die Ausreißer vor dem Zwischensprint zurückzuholen. Dann bereitete man den Sprint um die Bonussekunden für Rohan Dennis vor und der Plan ging auf – der Australier eroberte mit dem Sieg beim Zwischensprint das Rosa Trikot des Gesamtführenden. Elia Viviani beteiligte sich beim Zwischensprint ebenfalls, denn er will das Sprintertrikot dieses Giro gewinnen. Viviani, der zu diesem Zeitpunkt noch keine Etappe gewonnen hatte, musste sich aber Dennis im Sprint geschlagen geben. Oha. “Er ist nicht voll gesprintete”, sagte Rohan Dennis mit einem breiten Grinsen. Viviani hatte ihm den Vortritt gelassen, denn wer deutlich endschneller ist, ist allen klar. Nun kann man sagen, solange keiner der Sprinter vor ihm ist, kann es Viviani recht sein, dass Dennis die Punkte bekommt. Das stimmt, doch gab es in der Vergangenheit einige Sportler, die in solchen Situationen kopflos den eigenen Vorteil gesucht hatten. Viviani stört es nicht, dass Dennis das Trikot hat und er hat sich mit seiner Zurückhaltung definitiv keinen Feind gemacht. Eher das Gegenteil. Es ist immer gut, Freunde im Peloton zu haben. Viviani hat auch in dieser Situation alles richtig gemacht. 

 

Die Überraschungen – Pozzovivo und Schachmann

Dass Max Schachmann nach dem starken Zeitfahren das Weiße Trikot überstreifte, war keine Sensation. Der junge Berliner war U23-Vizeweltmeister im Zeitfahren und hat gezeigt, was er drauf hat. Dass er beim Zeitfahren aber vor Tony Martin landete, war nicht unbedingt zu erwarten. Die TV-Kommentatoren sprachen vor einer anstehenden Wachablösung an der Spitze der deutschen Zeitfahrerelite. So weit ist es vielleicht noch nicht, aber wie sich Schachmann trotz seines üblen Fersenbruchs im vergangenen Sommer entwickelt hat, ist beeindruckend. Auch für uns toll, dass der 24-Jährige täglich unsere Fragen beantwortet.   

Die große Überraschung des Auftaktzeitfahrens war Domenico Pozzovivo. Der kleine Italiener zählt ganz sicher nicht zu den Watt-Brummern, landete aber zeitgleich mit Tony Martin auf Rang 10! Oha, das geht nur mit mächtig Druck auf dem Pedal. Der Routinier hatte bei der Tour of the Alpes bereits angedeutet, dass er in super Form ist. Das bestätigte er nun im Zeitfahren eindrucksvoll. Hält diese Form bis zum Ende des Giro, ist eine große Überraschung möglich.