Ein spannender, harter Giro – leider ohne perfektes Finale

Dieser Giro bot ein spannendes Rennen und fast jeden Tag gab es Action vom Start bis ins Ziel. Das Rennen war extrem hart, aber nicht nur wegen der Topografie. Denn während vor einigen Jahren noch Monsterbergetappen mit fast 7000 Höhenmetern und 250 km Länge den Giro zur härtesten Rundfahrt machten, sind es nun die Fahrer, die das Rennen so hart machen. Ausreißer hatten kaum eine Chance, auch weil Elia Viviani und Sam Bennett die Sprints dominierten und eine starke Mannschaft an ihre Seite hatten. Die vielen Vollgasetappen haben ihre Spuren hinterlassen und einige Opfer gefordert. Esteban Chaves, Simon Yates und am Ende leider auch Thibaut Pinot brachen komplett ein. Der Giro war einmal mehr überraschender und unterhaltsamer als meistens die Tour de France. 

Die Fahrer haben für ein großes Spektakel gesorgt und da passte der Abschluss in Rom irgendwie nicht zu den drei vorangegangenen Wochen. Die Zeit fürs Gesamtklassement wurde nach drei Runden gestoppt und dann gurkten die Top-Fahrer der Gesamtwertung hinter dem Feld rum, das noch um den Etappensieg kämpfte. Dass man bei den schlechten Straßen und dem gefährlichen Kurs im Sinne der Sicherheit entscheidet, ist nachvollziehbar, aber so wurde es nicht zum großen Finale eines sehr unterhaltsamen Giros, sondern zum unwirklichen Vergleich eines rasenden Sprinter-Feldes mit der Sightseeing-Ausfahrt des Gesamtsiegers. Als dann Esteban Chaves noch überrundet wurde, war es endgültig absurd. Für das kommende Jahr wird man sich etwas anderes einfallen lassen müssen. Ein Einzelzeitfahren muss es nicht zwangsläufig sein, denn für die drei Wochen Spektakel hatten die Fahrer eine Ehrenrunde ohne Druck durchaus verdient.

 

 

Chris Froome – Rosa Trikot mit Sternchen

Der ungeklärte Salbutamol-Fall des Siegers legt einen Schatten auf diesen Giro. Es waren drei tolle Wochen Radsportunterhaltung vom Feinsten, doch irgendwie trübt der ungeklärte Fall die Stimmung. Dabei muss man festhalten, dass streng nach Regeln und Gesetzen der Start Froomes berechtigt ist. Man kann darüber diskutieren, dass die Regelung falsch ist, dass Froome bis zur endgültigen Klärung des Falls hätte nicht zu Rennen zugelassen werden dürfen. Aber Fakt ist, dass er starten durfte. Fast zweienhalb Wochen störten sich nur wenige daran, doch als Froome das Trikot übernahm, war der Aufschrei groß. Mitrollen darf er, aber nicht gewinnen? Bleibt es ein sportlich fairer Wettkampf, oder sind wir längst in der Sportpolitik?

Dieser Fall ist auf so vielen Ebenen nicht gut für den Sport, aber vor allem sind es die Begleiterscheinungen die schwer zu akzeptieren sind. Die Grundlage dieser Sportart sind die Fans. In nur ganz wenigen Sportarten findet man solchen Zusammenhalt, solch tolles Miteinander unter den Fans, wie an der Strecke der großen Rennen. Die Leistung wird respektiert, von allen Sportlern, und man feiert zusammen ein Fest. Doch nun sehen wir “Fans” am Streckenrand die Fahrern ins Gesicht spucken. Man muss Froome nicht mögen und man darf durchaus der Meinung sein, dass es für den Radsport besser wäre, er wäre nicht dabei. Aber Beleidigungen, Anfeindungen oder gar körperliche Gewalt helfen diesem Sport definitiv nicht weiter. Nur Transparenz, tiefgehende Analyse, klare Regeln und eine strikte Umsetzung können einen Schritt nach vorn bringen.

 

Unfassbar, ja – aber kein Landis

Wir haben in der Vergangenheit bereits Leistungen von Chris Froome gesehen, die schwer zu begreifen sind, am Ventoux etwa, in den Pyrenäen. Das gesamte Sky-Team hat einen zweifelhaften Ruf, schon seit Bradley Wiggings Fabeljahr 2012 und der irren “Jiffy Bag” Geschichte. Dass man nun besonders kritisch hinschaut und herausragende Leistungen in Frage stellt, ist definitiv berechtigt. Der 80km-Ritt von Froome ins Rosa Trikot am 19. Renntag ist eine solche herausragende Leistung, die man kritisch betrachten kann. Schnell kam der Vergleich zur Fabelfahrt von Floyd Landis bei der Tour 2007. Der Amerikaner war damals gedopt und wurde später überführt und ihm der Sieg aberkannt.

Doch der Vergleich mit Landis hinkt. Klar, auch Froome ritt eine Monsterattacke und holte sich das Leadertrikot, doch das wars auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Denn während 2007 ein ganzen Feld hinter Landis herjagte, wo eine ganze Reihe von Mannschaften mit vielen Helfern das Tempo machte, war es auf dem Weg nach Bardonecciha fast Tom Dumoulin allein, der versuchte, das Loch zu schließen. Während Landis den damals vermutlich ebenfalls mit Beschleunigern ausgestatteten Patrick Sinkewitz einholte und dann vom Hinterrad verlor, holte Froome die Zeit auf Dumoulin vor allem bergab heraus. Denn Dumoulin, wie er später erklärte, hatte auf Sebastien Reichenbach gewartet, der allerdings bergab fuhr, “wie eine alte Oma”. Landis musste 2007 ständig seinen Motor kühlen und fuhr am letzten Anstieg noch die zweitschnellste Zeit. Dabei hatten sich einige der Favoriten (z.B. Andreas Klöden) im Feld lange ausgeruht. Froome büßte im letzten Anstieg Zeit auf seine Verfolger ein. Dumoulin hatte nur die Hilfe vom bereits erschöpften Sebastien Reichenbach und sowohl Lopez, als auch Pinot und Carapaz fuhren nur im Windschatten mit. Sicher hat Dumoulin in der Ebene nicht Vollgas gegeben um bei den Angriffen am Schlussanstieg noch reagieren zu können, denn das gelang ihm dann tatsächlich.

Kurz zusammengefasst: Das war eine sehr beeindruckende Leistung, aber kein “Landis”.

 

 

Zwei junge Deutsche, die Spaß machen

Fünf Tage trug Maximilian Schachmann bei seiner ersten Grand Tour das Weiße Trikot des besten Jungprofis. Dass er es sich im Zeitfahren zum Auftakt holte, war dabei keine große Überraschung, denn Schachmann zählt zu den besten Zeitfahrern im Peloton. Wie er sich dann trotz Stürzen und Pech auf den schwierigen ersten Etappen in Sizilien präsentierte, war beeindruckend. Leider wurde der 24-Jährige krank und konnte lange Zeit nicht sein volles Leistungsvermögen abrufen. Umso beeindruckender dann der Etappensieg bei der Bergankunft in Prato Nevoso. Ein Hammer-Debüt beim Giro für diesen jungen Alleskönner, der den Fans wohl noch viel Freude bereiten wird.

Genau wie Nico Denz, der sich auf der 10. Etappe in Szene setzte, als er abgebrüht und  ein wenig schlitzohrig seine Chance auf den großen Coup suchte. Ohne Fehler reichte es dennoch nicht ganz zum Etappensieg. Er wurde im Sprint knapp geschlagen, vom superstarken Matej Mohoric. Doch Denz zeigte mehrfach, was er mit “Form meines Lebens” meinte und ging auch im Gebirge in die Ausreißergruppen. – Insgesamt starke Auftritte des sympathischen AG2R-Helfers. 

Doch auch Sky-Helfer Christian Knees, Tony Martin und das Bora-hansgrohe Helfer-Duo Christoph Pfingsten und Andreas Schillinger haben einen guten Giro gezeigt. Vor allem Christoph Pfingsten fuhr beeindruckend stark und hat sich das Lob des Teams und der Kollegen voll verdient.

 

Die Entdeckungen des Giro 2018 – Ben O’Connor & Richard Carapaz

Den 24-Jährigen Ecuadorianer Richard Carapaz trennten nach drei harten Wochen nur 47 Sekunden vom Giro-Podium. Konstant stark, vor allem am Berg ist er die große Entdeckung dieses Giro. Sein Etappensieg am achten Renntag war beeindruckend und er konnte sein enormes Leistungsniveau bis nach Rom abrufen.

Ganz unbekannt ist Carapaz vor dem Giro nicht gewesen. Bei der Vuelta 2017 deutete er an, was in ihm steckt. Sowohl bei der Bergankunft in der Sierra de La Pandera , als auch am Angliru fuhr er unter die ersten 15. Dass er aber bei diesem knüppelharten Giro konstant vorn mitfahren konnte, überrascht schon sehr.

Die zweite Entdeckung des Giro 2018 ist deutlich jünger. Der Australier Ben O’Connor feiert erst im November seinen 23. Geburtstag. Bis zu seinem Sturz auf der 19. Etappe konnte er sich konstant in den Top-15 des Gesamtklassements halten. Zeitfahren ist nicht die Lieblingsdisziplin des großgewachsenen Kletterers. Der Giro war seine erste Grand Tour und es ist schade, dass er sie nicht beenden konnte. Doch er nimmt ganz sicher reichlich Motivation aus den ersten 18 Etappen dieser Rundfahrt mit.

Schön auch zu sehen, dass der Österreicher Patrick Konrad wieder einen Schritt nach vorn gemacht hat und sich am Ende mit Gesamtrang sieben für ein konstantes und starkes Rennen belohnte.