Es ist die letzte schwere Bergetappe dieser 105. Tour de France. Wer noch etwas im Gesamtklassement bewegen möchte, muss angreifen. Nach drei harten Wochen spüren alle Fahrer die Strapazen. Da könnte dieses 200 Kilometer lange Teilstück über die legendären Anstiege der Pyrenäen durchaus für Überraschungen sorgen. Es geht über den Aspin, den Col du Tourmalet und auch über den Aubisque. Das ist vielleicht sogar die Königsetappe dieser Tour, mit noch einmal satten 5000 Höhenmetern. Bekommt einer der Favoriten richtig Probleme? Überraschend wäre es nicht.

Nach der kurzen und sehr harten Etappe am Mittwoch ging es am Donnerstag zwar mit einer flachen Etappe weiter, aber die Hitze setzte den Sportlern zu. Das System “Athlet” ist am Limit, der Treibstoffanzeiger steht auf Reserve. Schafft es der Körper nicht mehr, sich zu regenerieren, bleibt schlicht die Kraft aus. Hat man einen schwachen Tag auf einer Flachetappe, kann man es kaschieren und ohne Zeitverlust ins Ziel kommen. Aber hat man am Freitag auf dem Weg nach Laruns  einen “jour sans“, verliert man schnell mehr als 15 Minuten. 

Geraint Thomas schien bislang bärenstark und unangreifbar, doch er ist noch nie eine Grand Tour beständig zu Ende gefahren. Das gilt auch für Primoz Roglic. Selbst wenn Thomas souverän bleibt, gibt es weiter Spannung im Rennen. Rang zwei und Platz acht trennen nur etwas mehr als drei Minuten. Vielleicht versucht ein Fahrer das Rennen mit einer frühen Attacke zu sprengen. Von Nairo Quintana hätte man das erwarten können, denn für den Kolumbianer zählt nur der Sieg. Aber Quintana ist am Donnerstag gestürzt und wird nicht volle Leistung bringen können. Romain Bardet scheint nicht stark genug, auch wenn sein Team glaubt, dass er sich erholt hat. Daniel Martin liegt zu weit zurück, als dass eine frühe Attacke von ihm das Rennen sprengen könnte.

Es bleiben Mikel Landa, Primoz Roglic und Steven Kruijswijk, geht man davon aus, dass Chris Froome nicht angreifen wird, wenn sein Teamkollege im Gelben Trikot ist. Gibt es den ganz großen Angriff, der diese Tour auf den Kopf stellt? Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, denn das Terrain dieser Etappe ist ideal für einen epischen Ritt

 

Die Strecke

Karte der 19. Etappe der Tour de France 2018

Nach dem Start in Lourdes geht es zunächst gen Osten. Leicht wellig führt der Parcours entlang der Pyrenäen. Nach der ersten Bergwertung (Kat 4) ist Bagnères-de-Bigorre erreicht. Es geht weiter gen Osten, über die zweite Bergwertung (Kat 4) ins Tal der Neste.

In Arreau beginnt dann nach 66 Kilometern der erste ernstzunehmende Anstieg. Es geht hinauf zum berühmten Col d’Aspin. 12 Kilometer geht es mit durchschnittlich 6,5% bergauf. Es folgt eine kurze Abfahrt nach Sainte-Marie de Campan, ehe es zum legendären Col du Tourmalet geht. Ein Anstieg voller Tradition und Tour-Geschichte. Mit Genuss werden die TV-Kommentatoren die Geschichte von Eugène Christophe und seiner gebrochenen Gabel erzählen. Die er nach langem Fußmarsch 1913 in einer Schmiede in Sainte-Marie-de-Campan selbst reparieren musste. Unfassbar, dass er eine Strafe bekam, weil ein Junge den Blasebalg bediente. 

Doch nicht nur wegen der tollen Geschichten ist dieser Anstieg sehr interessant. Die Ost-Auffahrt über den unattraktiven Ski-Ort La Mongie ist vielleicht die schwerere Seite. Denn nur die ersten Kilometer sind moderat steil. Die 12 weiteren bis zum Gipfel nie flacher als 8%. Insgesamt geht es 17,1 Kilometer mit 7,3% im Schnitt bergan. Das ist ein übler Berg, der keine Schwäche verzeiht und zur Attacke einlädt.

Profil des Tourmalet

Nach dem Tourmalet geht es 20 Kilometer bergab und es folgen 15 flache, bzw. leicht abfallende, Kilometer zum Fuße des nächsten Anstiegs. Eigentlich muss man sagen, zu den nächsten drei Anstiegen. Denn es geht über den Col des Bordères (8,6 km|5.8%) zum ebenfalls legendären Col d’Aubisque (16,6km|4.9%), an dem Gesamtsieger Octave Lapize 1910 die Tour-Organisatoren als Mörder beschimpfte. Es ist ein legendärer Anstieg, der am Freitag über den Col du Soulor erklommen wird. Bis zum Soulor ist es knackig, der letzte Rest zum Gipfel des Aubisque ist nicht mehr ganz so wild. Doch zusammen sind die drei Anstiege brutal und ein würdiger Abschluss in Sachen Kletterei dieser Tour.

Anstieg zum Aubisque

Die Abfahrt zum Ziel ist fast 20 Kilometer lang, schnell und hat einige enge Kurven. Die letzten rund 3 Kilometer sind flach und vor dem Ziel gibt es einige Kurven. Doch es ist nicht davon auszugehen, dass eine große Gruppe um den Tagessieg sprintet.

Anfahrt zum Ziel der 19. Etappe der Tour de France 2018

 

Die Favoriten

Durch den moderaten Start kann es durchaus eine stark besetzte Ausreißergruppe geben, die am Ende den Kampf um den Tagessieg unter sich ausmacht. Natürlich kann man wieder die üblichen Verdächtigen in der Gruppe erwarten. Rafal Majka, Thomas De Gendt, Bauke Mollema, Felipe Martinez, Mikel Nieve, Gorka + Ion Izagirre, Damiano Caruso, Adam Yates, Julian Alaphilippe und natürlich auch Warren Barguil.

Doch ob die Gruppe eine Chance hat, liegt auch an der Taktik der Favoriten. Will einer der Favoriten bereits am Toumalet attackieren, könnten am Ende auch die Top-Klassementfahrer um den Tagessieg kämpfen. 

 

Der Kampf um Gelb – wie kann man Sky angreifen?

Vermutlich wollen viele Kapitäne einen Fahrer in der Ausreißergruppe platzieren, um nach dem Tourmalet noch einen Helfer zu haben. Sky wird das Rennen versuchen zu kontrollieren und es ist eher nicht damit zu rechnen, dass es am Aspin schon Angriffe der Favoriten gibt. Die Abfahrt zum Tourmalet ist sehr schnell und ideal für eine größere Gruppe. Doch was passiert am Tourmalet? Wie kann man Sky schlagen, bzw. es zumindest versuchen?

Die Konkurrenz muss versuchen, Geraint Thomas zu isolieren. Schafft man es, die Sky-Helfer abzuhängen, kann man im letzten Anstieg wechselseitig angreifen und auch die Abfahrt zum Ziel nutzen, um Thomas Zeit aufzubrummen. Aber wie schafft man das? Eine Idee könnte es sein, Helfer in die Gruppe zu schicken, die dann am Tourmalet warten. Der Kapitän attackiert selbst am Tourmalet und versucht den Sky-Zug zu sprengen. Chris Froome scheint nicht in der Lage zu sein, das Niveau vom Giro bis Paris zu bringen. Vielleicht erlebt der Titelverteidiger einen schweren Tag und muss früh reißen lassen. Vermutlich wird mindestens Egan Bernal lange bei Thomas bleiben können. Ihn muss man auf dem Weg zum letzten Anstieg beschäftigen und arbeiten lassen. Dann könnte der Angriff am Col des Bordères oder in der Abfahrt zum Soulor auch Bernal den Stecker ziehen. So wäre Thomas allein und man könnte ihn angreifen. Geht die Lücke mal auf, ist vieles möglich. Aber bleibt “G” so stark wie die vergangenen drei Wochen, rollt er mit den Besten ins Ziel. Doch wer es nicht probiert, der hat schon verloren. 

In den Anstiegen war es bislang sehr schwer, Sky in Schwierigkeiten zu bringen. Vielleicht werden die langen Abfahrten zur Attacke genutzt. Romain Bardet ist ein herausragender Abfahrer, doch der Franzose war angeblich am Portet unterzuckert. Ob das stimmt, oder er einfach, wie im vergangenen Jahr, am Ende seiner Kräfte ist, wird man sehen. Die besten Karten für Attacken hat das LottoNL-Jumbo Team mit Kruijswijk und Roglic. Vielleicht attackiert Roglic in einer Abfahrt, er hat eine gute Radbeherrschung. Tom Dumoulin wird das Spiel der Konkurrenz beobachten und lange warten. Er muss seine Attacke er auf den letzten Kilometern setzten, vielleicht am Soulor, und dann die Abfahrt zum Ziel nutzen. 

 

***** 
**** Adam Yates, Rafal Majka
*** Romain Bardet, Geraint Thomas
** Bauke Mollema, Mikel Nieve, Primoz Roglic, Tom Dumoulin, Warren Barguil 
* Steven Kruijswijk, Mikel Landa, Chris Froome, Domenico Pozzovivo, Robert Gesink, Julian Alaphilippe

 

Start: 12:05 Uhr
Ziel: ~17:40 Uhr

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20. Etappe | Samstag, 28. Juli | Saint-Pée-sur-Nivelle – Espelette | 31 km Einzelzeitfahren
21. Etappe | Sonntag, 29. Juli | Houilles – Paris | 115 km

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