Durch den anspruchsvollen Kurs mit fast 4700 Höhenmetern bietet die Strecke den Kletterern eine seltene Chance auf den WM-Titel. Im Finale geht es über den extrem steilen “Höll-Anstieg” mit bis zu 28%. Doch ob erst hier die Entscheidung um den Sieg fällt, bleibt abzuwarten, denn es gibt einige Fahrer, die explosive und endschnelle Männer wie Julian Alaphilippe und Alejandro Valverde lieber schon zuvor abhängen wollen.

Rennen ohne Funk und mit Nationalmannschaften sind immer speziell. Aus dem Auto sind die Fahrer für die sportlichen Leiter nicht leicht zu steuern. Verstärkt sind Rennintelligenz und Flexibilität gefragt. Im Vorfeld leicht auszurechnen sind WM-Rennen nie. Welche Nation kann das Rennen kontrollieren? Arbeiten die Teams mit mehreren potenziellen Siegfahrern wirklich gut zusammen? Wer traut sich früh in die Offensive?

Es ist möglich, dass es erst auf der vorletzten Runde spannend wird, weil man zunächst eine kleine Gruppe weit weg lässt und keine Mannschaft das Rennen früh in die Hand nehmen will. Aber es ist auch möglich, dass schon mehrere Runden vor Schluss heftig attackiert wird und das Feld komplett gesprengt wird. Man weiß nie so genau, was passiert – aber genau das macht diese Rennen besonders.

 

Die Strecke

Auch die Männer tragen das Straßenrennen auf dem gleichen Kurs aus, wie U23, Junioren und Frauen zuvor.  Die Männer fahren sechs Runden über den Olympia-Berg und dann eine weitere, wo im Anschluss noch die berühmte “Höttinger Höll” bewältigt werden muss. So kommt man auf 258,5 km.

Zunächst gibt es eine lange Anfahrt vom Start in Kufstein nach Innsbruck. Dabei geht es auch über den Anstieg nach Gnadenwald. Nach 84,7 Kilometern ist der anspruchsvolle Rundkurs erreicht. Eine Runde ist 23,7 Kilometer lang. Die letzte Runde inklusive Höll-Anstieg ist 31 km lang.

Karte WM-Parcours 2018 Innsbruck
Anstiege des Rundkurses – WM 2018 Innsbruck

 

Die Favoriten

Schaut man sich den Kurs an, sind es die Ardennen-Spezialisten, die man sofort auf die Favoritenliste setzt. Denn wer hier gewinnen will, muss ordentlich klettern können und sollte bestenfalls noch über reichlich Punch verfügen, denn das Ziel ist im Tal und es könnte einen Sprint einer kleinen Gruppe geben. Julian Alaphilippe ist bei vielen Experten der Top-Favorit. Der Franzose ist in Top-Form und heiß auf das Rennen. Zudem hat er ein extrem starkes Team, doch dadurch vielleicht auch Konkurrenz. Denn Romain Bardet und Thibaut Pinot haben ebenfalls Chancen, auf diesem Kurs. Vielleicht gibt man den Plan aus, dass Bardet und Pinot es 1-2 Runden vor Schluss probieren können und Alaphilippe der Mann für die letzte Runde ist. Können diese Jungs 100% zusammenarbeiten, obwohl sie sonst Rivalen sind? Eine Aufgabe für die sportliche Leitung!

Mehr motiviert als der Spanier Alejandro Valverde wird wohl niemand im Feld sein. Der 38-Jährige war bei Weltmeisterschaften gefühlt schon 200 Mal auf dem Podium und immer nah dran, hat aber noch nie das Trikot getragen. Viele Chancen wird er nicht mehr bekommen, auch wenn bei Valverde der natürliche Alterungsprozess außer Kraft gesetzt scheint. Die Strecke in Innsbruck ist nahezu perfekt für ihn. Doch er musste bei der Vuelta “All In” gehen, durchziehen bis zum letzten Tag. Es wird auch eine Frage sein, wie er sich davon erholt hat. Sein Team wird sicher voll hinter ihm stehen. Ein Bonus für ihn ist sicher seine enorme Erfahrung und Rennintelligenz.

Auch die Briten muss man auf der Rechnung haben. Denn mit dem Yates-Bruderpaar haben sie für diesen Kurs ebenfalls Siegkandidaten. Adam ist vielleicht noch stärker einzuschätzen, als Vuelta-Sieger Simon. Denn Adam hat sich bei der Vuelta gezielt in Form gefahren und musste nicht 3 Wochen Vollgas geben. Beide sind nicht als herausragende Abfahrer bekannt – vielleicht versucht man sie hier in Schwierigkeiten zu bringen, damit sie anschließend Kraft investieren müssen, die Lücken wieder zu schließen. Die Schweizer haben das in der U23 in Perfektion gezeigt

Die Italiener sind ein wenig unberechenbar. Vincenzo Nibali dürfte der Kurs liegen, doch nach seinem Wirbelbruch bei der Tour de France ist der Hai noch nicht wieder in Top-Form. Ist das die Chance für Gianni Moscon? Möglich, aber beide dürfen nicht bis zur letzten Runde warten, denn mit Alaphilippe und Yates werden sie an der Höll wohl nicht so leicht mithalten können.

Ähnliches gilt für die Niederländer. Mit Tom Dumoulin, Steven Kruijsjwijk und Wout Poels können sie das Rennen prägen. Aber auch sie müssen früher losfahren und dürfen nicht auf die Höll warten.

Das gilt auch für die Belgier, die mit Tiesj Benoot, Tim Wellens und Greg Van Avermaet drei absolute Klassiker-Spezialisten dabei haben. Schaut man das Profil an, dürfte Dylan Teuns vielleicht sogar die besten Chancen haben.

Die Kolumbianer sind mit extrem starken Kletterern dabei, doch Nairo Quintana, Miguel-Angel Lopez und auch Rigoberto Uran müssen ebenfalls früh angreifen, um eine Chance auf den Sieg zu haben.

Dazu sind noch einige Fahrer dabei, die vielleicht nicht das stärkste Team haben, aber auf diesem Kurs gute Medaillen-Chancen. Michal Kwiatkowski zum Beispiel. Oder auch Jacob Fuglsang und Michael Woods. Unterschätzen sollte man auch die Slowenen nicht. Mit Primoz Roglic haben sie einen sehr starken Fahrer dabei und Helfer wie Matej Mohoric werden sich voll aufopfern.

Die Österreicher sind beim Heimspiel mit Patrick Konrad, Georg Preidler, Gregor Mühlberger und Co. sicher mehr als heiß drauf, sich zu zeigen.

Und was ist mit Peter Sagan? Dass er auf diesem Terrain seinen 4. Sieg in Folge holen kann, scheint nahezu unmöglich. Aber es ist Peter Sagan – bei ihm muss man mit (fast) allem rechnen. Doch dieser Kurs scheint zu schwer für ihn.

Was macht das deutsche Team? Man darf von der deutschen Mannschaft kein Top5-Resultat erwarten. Aber auch wenn der ganz große Favorit fehlt, hat man eine starke Mannschaft. Sie sind nur mit 6 Startern dabei, müssen das Rennen nicht bestimmen, können aber offensiv agieren. Max Schachmann ist noch nie so ein langes Rennen als Kapitän gefahren, hat aber das Potenzial in einer der drei letzten Runden in einer Gruppe mitzugehen und dann zu überraschen. Simon Geschke ist ebenfalls ein Mann, der aus einer Gruppe überraschen kann. bei Emanuel Buchmann muss man abwarten, wie er die Vuelta verkraftet hat. Auch er dürfte nicht bis zur Höll warten, denn dort wird er wohl nicht mit den Besten mithalten können.

Das deutsche Team ist motiviert und will sich zeigen – auch wenn sie nicht zu den Favoriten zählen, scheinen sie Bock auf Rambazamba zu haben. 

 

***** Julian Alaphilippe
**** Alejandro Valverde, Michał Kwiatkowski
*** Adam Yates, Gianni Moscon, Thibaut Pinot
** Simon Yates, Dylan Teuns, Bob Jungels, Primoz Roglic
* Vincenzo Nibali, Rogoberto Uran, Wout Poels, Romain Bardet, Miguel Angel Lopez

Start: 9:50 Uhr
Ziel: ~17 Uhr

Die offizielle Startliste