CMCC: Wie war die Anreise?

Holger: Ich bin bereits Freitag angereist, um die Startunterlagen abzuholen. Der Verkehr um Brüssel herum ist übel und man kommt wohl nur nachts flott daran vorbei. Die Abholung war sehr schnell und einfach, da die Online-Bestätigung nicht ausgedruckt werden muss. Der QR-Code läßt sich auch vom Handy abscannen. Man bekam seine Startnummer und einen Oberrohraufkleber, der sehr hilfreich alle Verpflegungsstellen, Kriegsdenkmäler und die berüchtigten Hellingen nach Kilometern auflistet sowie ein Gel vom Hauptsponsor. Man hinterlegt 5 Euro Pfand, die man nach dem Rennen zurückkriegt oder alternativ ein T-Shirt des Events, welches ich aber nicht so schmuck fand.

 

CMCC: Wie lief das Rennen?

Holger: Es irritierte etwas, dass kein gemeinsamer Start erfolgte, wo doch der Start-Zielbereich mit Tribünen und allem Pipapo ausgestattet war. Die Langstreckler hatten die Vorgabe, zwischen 7 und 8 Uhr loszulegen, die drei anderen Streckenlängen gestaffelt etwas später. Ich setzte mich um 7:03 Uhr allein in Bewegung, wurde wenig später noch in Wevelgem von einem 1,90-Meter-Mann aus Paris überholt, dessen Hinterrad mir vielversprechend erschien. So fingen wir bei Tempo 35 nach und nach immer mehr Teilnehmer und sammelten wie ein Magnet eine wachsende Gruppe hinter uns. Diese selektierte sich und man arbeitete gut zusammen bis zur ersten Verpflegung, die nach 28 km eigentlich niemand benötigt. Kalorien hatte ich ausreichend an Bord, nur Flüssigkeit habe ich zweimal nachtanken müssen. Die Strecke ist auf den ersten 120 Kilometern flach, ein paar Wellen – nicht der Rede wert, wo ich mich noch mit dem großen Blatt hochdrücken konnte, nutzten viele allerdings das kleine. Die Wirtschaftswege, die man fährt, machen aus dem Parcours einen Zickzack-Kurs.

Die Kurven sind immer dreckig und so muss man stets den Flow unterbrechen, langsam fahren und nach dem Abzweig neu beschleunigen. Eine weitere Eigenheit des Events sind die Radwege neben größeren Straßen, die man hier benutzt, obwohl es nicht die Autofahrer sind, die Stress machen würden – angeblich ahndet die Polizei Nichtbeachtung auch bei Radveranstaltungen, die nicht in den Genuss gesperrter Straßen kommen.

Holgers Strava File

CMCC: Wie waren die Straßenverhältnisse?

Holger: Ein guter Tipp eines Strava-Freundes, den ich erstmals im realen Leben noch vor dem Start traf, war, immer die Augen auf der Straße zu haben, denn gefährliche Löcher, Mittelrillen zwischen Betonplatten und unerwartete Wechsel des Bodenbelags z.B. zu Kopfsteinpflaster, wenn man in Städte oder Dörfer einbiegt, sind potentielle Sturzstellen. Selbst der Radweg, den man ungefähr 20 Kilometer vor dem Ziel lange fährt, gaukelt Sicherheit vor. Hier muss man mit Fußgängern samt Kindern rechnen und sehr oft rumpelt man über unsichtbare Erhebungen, deren Ursprung ich im Vorbeiflug jedoch nicht ergründen konnte.

 

CMCC: Und dann kamen die Hellinge, die gefürchteten Anstiege.

Holger: Die Hellingen sind eine echte Abwechslung, wenn die Strecke wie aus dem Nichts hügelig wird.

Ich erinnere mich, dass der erste Berg zweimal den höchsten Punkt vortäuscht, bevor man wirklich oben war. Das Highlight ist natürlich der dramatische Höhepunkt namens Kemmelberg: Er fängt harmlos an, steigt an einem VIP-Zelt der Kategorie Schützenfest mit Glasfenstern und Holzterrasse vorbei zum Waldrand, um unvermittelt auf das letzte Steilstück mit dem berühmt-berüchtigten Kopfsteinpflaster zu wechseln, wo bereits mehr Leute ihr Rad schoben statt fuhren. Der Kemmelberg verliert etwas von seinem Schrecken, wenn man 28 Millimeter Pneus fährt. Ich habe mit 23ern, die noch aufgebraucht werden mussten, Vorlieb genommen, was die Fugenbreite nur knapp überschreitet. Das war auch der Grund, warum ich bei Ortsdurchfahrten auf Kopfsteinpflaster jedesmal den Anschluss verloren habe und so ab Ortsausgang wieder aufschließen musste. Aber die Oberschenkel brannten eh ab Kilometer 50 durchgängig. Die Kemmelberg-Abfahrt war ein Genuss, so wie manche davor auch.

Küsschen

 

CMCC: Was war kein Genuss?

Holger: Ab Kilometer 180 erreicht man ein paar Abschnitte, die sich Plugstreets nennen – ich nehme an, die heißen so, weil sie echt für‘n Arsch sind.

Es handelt sich dabei um Feldwege, die – wären sie Jeans – unter destroyed firmieren würden, denn es sind Betonwege mit kaputter Oberfläche, kein Kies wie manche im Vorfeld meinten. Sie fahren sich besser als Kopfsteinpflaster, aber hey – für so etwas wurden MTBs erfunden, oder etwa nicht? Die Zielankunft ist eine lange Gerade und man darf sich ein bisschen wie ein Pro vorkommen, wenn man sich die leeren Tribünen vor dem geistigen Auge gefüllt vorstellt.

Holger im Ziel Wevelgem

 

CMCC: Wie war die Zielankunft organisiert?

Holger: Die Organisatoren verstehen es sehr gut, die Teilnehmer abschließend so zu leiten, dass zuerst die Startnummern abgeknipst werden, man dann sein Rad in einen bewachten Parkplatz mit Nummern wie an der Theatergarderobe abstellt, bevor man sein Pfand abholt, sich die Beine massieren lässt und das Event auf einem zentralen Platz mit Ausstellern, Essen und belgischem Bier ausklingen lassen kann.

Belohnungsbier

CMCC: Wie lautet dein Fazit?

Holger: Ich bin dankbar, Gent-Wevelgem kennengelernt zu haben, muss es aber nicht jährlich wiederholen, denn der Weg dahin ist doch weit und die Bodenbeläge hier sind nicht wirklich das natürliche Habitat eines Rennrades um ehrlich zu sein. Ich persönlich schinde mich da lieber an Alpenpässen. Man muss den Belgiern aber eine außerordentliche Radbegeisterung und perfekte Organisation konstatieren bei preisgünstigen 24 Euro Teilnahmegebühr. Gent-Wevelgem-Cyclo ist äußerst europäisch, wegen all der Sprachen, die ich unterwegs gehört habe. Da ich privat bei einer radaffinen Familie untergekommen bin, durfte ich belgische Gastfreundlichkeit genauso kennenlernen wie auch die Bierkultur, die hier mit noch mehr Leidenschaft betrieben zu werden scheint als es bei uns zuhause der Fall ist. Da ich ein wunderbares Radsportbuch über die Supporter-Cafés im Regal stehen habe und ein bekennender Bierfreund bin, waren die Trappistenbiere ein schöner Lohn nach dem Sport. Und ein verspätetes Podium-Girl knutschte mich auch noch ab.

 


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