Was viele Jedermänner im Winter schon seit einigen Jahren praktizieren, hat nun auch bei den Profis Einzug gehalten: Mit der KISS Super League hat die Online-Plattform Zwift ein neues Rennformat etabliert, bei dem sich 15 Teams über insgesamt zehn Rennen um Punkte duellieren. Statt morgendlicher Mannschaftsbesprechung im Teambus sitzen die Fahrer also auf dem Rollentrainer und schwitzen im eigenen Wohnzimmer.

Zwift-Gründer Eric Min sieht eine große Zukunft für sein Unternehmen: “Wir wollen einen Sport innerhalb des Sports etablieren. Radprofis, Amateure und Fans weltweit sollen sich vernetzen können.“ Tatsächlich nutzen neben den Jedermännern viele Profis Zwift schon seit ein paar Jahren als Schlechtwetter-Alternative oder für erste Tritte nach einer Zwangspause. Prominente Beispiele sind Mathew Hayman und Steve Cummings, die aufgrund von Verletzungen nur auf der Rolle trainieren konnten und trotz ausschließlicher „Zwift-Vorbereitung“ Paris-Roubaix gewannen, bzw. beide nationalen Straßen-Titel in Großbritannien errangen. Auch der Triathlet Lionel Sanders, 2017 Zweiter auf Hawaii, absolviert große Teile seines Trainings auf Zwift.

Punkte für die Teamwertung

Am 23. Januar fand der erste von zehn Läufen der neuen Liga statt, an der unter anderem Pro-Kontinental-Teams wie Hagens Berman Axeon, Israel Cycling Academy oder Cofidis teilnehmen. Die ersten 30 Fahrer erhalten absteigend zwischen 25 und vier Punkten, die in eine Teamwertung einfließen. Fahrer, die das Rennen außerhalb der Top 30 beenden, erhalten dennoch einen Punkt. Jeden Mittwoch um 20 Uhr deutscher Zeit fanden die Läufe statt, die meist nicht länger als 45 Minuten andauerten, dafür aber umso intensiver ausgefahren wurden.

Nach zehn Rennen auf unterschiedlichen Kursen entschied das britische Kontinental-Team Madison Genesis um Ian Bibby, Thomas Moses und Jon Mould mit 414 Punkten die Premiere der KISS Super League für sich. Das zweitplatzierte Zwift Academy Dream Team brachte es auf 323 Zähler, vor den Zwift All Stars (244). Bester Pro-Kontinental-Rennstall wurde Hagens Berman Axeon auf Rang zehn (96 Punkte).

Doppelter Windschatten

Einer der Profis war der deutsche U23-Zeitfahrweltmeister von 2016, Marco Mathis. Der Cofidis-Fahrer musste schnell feststellen, dass die Rennen auf Zwift härter ausgefahren werden, als gedacht. Bereits nach wenigen Kilometern verlor der Tettnanger an einer Steigung den Anschluss an die Spitze: “Ich habe nicht erwartet, dass da so schnell gefahren wird. Das Rennen war abends um 20 Uhr und vom Start weg wurde Vollgas gefahren.“ Da die Rennen im “Double-Draft”-Modus, also mit doppeltem Windschatten gefahren werden, gelang dem 24-Jährigen die Rückkehr ins erste Feld nicht mehr.

Connor Dunne, Profi bei Israel Cycling Academy, wurde der Double Draft auf andere Weise zum Verhängnis. In den ersten elf Minuten des ersten Laufs produzierte der Ire knapp 500 Watt Durchschnittsleistung. Doch trotz aller Bemühungen, eine Ausreißergruppe zu initiieren – weg kam der 90-Kilogramm-Hüne aufgrund des starken Windschattens zugunsten der Verfolger nicht. Darin liegt ein großer Unterschied zu „echten“ Radrennen: Aufgrund der Kürze und des starken Windschattens sind Ausreißversuche auf flachem Terrain kaum möglich. Die Rennen gleichen eher einem Ausscheidungsfahren bei dem es darum geht, so lange wie nur möglich in der ersten Gruppe zu bleiben. So war es auch kein Wunder, dass sich am Ende der Rennserie Teams mit Fahrern durchsetzten, die eine gewisse Rennerfahrung auf Zwift mitbrachten. Gestandene Profis wie Anthony Perez (Cofidis), immerhin zweimaliger Etappensieger bei der Luxemburg-Rundfahrt und Tour-de-France-Teilnehmer, konnten sich dagegen nicht unter den Besten platzieren.

Für Mathis, in den letzten zwei Jahren für Katusha-Alpecin immerhin auf WorldTour-Niveau unterwegs, war sein frühes Abreißen beim ersten Rennen kein Grund zur Traurigkeit. „Ich sehe das als Training und würde mich nicht so aus dem Leben holen, wie das einige gemacht haben. Auch das Team erwartet keine Resultate von uns. Wenn wir nach zwei Kilometern abgehängt werden, ist das egal“, so der Zeitfahrspezialist. Entscheidend ist bei den Profis dann eben doch immer noch auf der Straße und nicht in einem Online-Spiel.

Wie realistisch sind Zwift-Rennen?

Auch wenn Zwift den Anspruch hegt, die Realität eines Radrennens möglichst genau widerzuspiegeln, nennt Mathis einen entscheidenden Unterschied zum „echten“ Rennsport: “Der große Unterschied liegt vor allem darin, dass man immer noch zu Hause allein auf der Rolle sitzt und sich motivieren muss, dranzubleiben.” Tatsächlich kommt es beim „zwiften“ auf das bloße Verhältnis von Watt pro Kilogramm an. Je höher dieser Wert, desto besser, vor allem an Steigungen. Zwar kann man vor allem bei flacheren Rennen aufgrund des Windschattens taktieren, den Gegner verausgaben und am Ende absprinten. Doch elementare Fähigkeiten eines Rennfahrers wie die Radbeherrschung, das Fahren im Feld oder das Ausnutzen von Windverhältnissen werden einem Zwifter nicht abverlangt. Auch der Rollwiderstand wird für alle gleich berechnet – einzig die Körpergröße sowie die In-Game-Wahl von Rahmen und Laufrädern beeinflussen die Aerodynamik.

Trotz seiner Skepsis sieht Mathis auch Positives im neuen Trend: “Es ist eine tolle Abwechslung beim Rollentraining. Für die, die gern Rolle fahren ist es mega cool. Und für die, die nicht gern Rolle fahren, ist es ein sehr guter Anreiz, um auf die Rolle zu gehen”. Es bleibt also abzuwarten, ob sich der Online-Rennsport auf Profi-Ebene langfristig neben den Straßenrennen etablieren kann. In der Jedermann-Szene jedenfalls sind die Zwift-Rennen mittlerweile fest etabliert. Doch mit dem Flair eines belgischen Klassikers, bei dem sich tausende von Fans an den Straßenrand oder morgens an den Mannschaftsbus drängeln und für Renn-Feeling sorgen, können die Zwift-Events nicht mithalten.