Nach eineinhalb Jahren haben Marcel Kittel und das Team Katusha-Alpecin ihren Vertrag aufgelöst und gehen getrennte Wege. Es ist das unausweichliche Ende einer Beziehung, die nicht funktionierte. Verglichen mit einer Liebesbeziehung, kam nach dem ersten Verliebtsein zu Tage, dass man weder Gemeinsamkeiten, noch gleiche Ziele hat. 

 

Das erste Date

Als im Sommer die ersten Infos durchsickerten, dass Kittel und Katusha-Alpecin wohl anbandeln könnten, ergab alles Sinn. Katusha hatte sich polternd von Sprinter Alexander Kristoff getrennt und Kittel war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Ein Team mit deutschen Fahrern, mit deutschem Co-Sponsor, Kumpel Tony Martin im Team – ja, selbst Kittels Haarpracht passte perfekt zum Sponsor und zum Team. Und sicher ermöglichten die Zahlen, die in Kittels neuem Vertrag standen, dass er sich mehrere rosarote Brillen zulegen konnte.

 

Händchenhalten

Kittels Verpflichtung war für Katusha-Alpecin der Hammer. Mediale Aufmerksamkeit, ein weiterer Schritt weg vom schlechten Image des Teams, hin zu einer sauberen Mannschaft. Kittel, als Medienliebling eine lohnende Investition, war der gewünschte neue Star. Man träumte bereits davon, dass Kittel erneut im Sommer von Sieg zu Sieg eilt und dem Team das beschert, wonach es giert – Aufmerksamkeit. Glückliche Gesichter, keine Zweifel, Vorfreude und Zuversicht für die neue Saison. So ging es in die Saison 2018.

 

Der erste Streit

Das gesamte Team setzte auf Kittel. Er sollte die Siege einfahren, während der Rest vorbereitet. Doch es klappte nicht sofort. Man kannte sich noch nicht lange, da gab es den ersten Streit. Der Kern des Katusha-Projektes ist der Wunsch nach Erfolg. „Race to win“ ist der Slogan der Mannschaft. Man will nicht das Team sein, dass junge Fahrer entwickelt oder das Sprungbrett nach ganz oben ist. Wenn die Fahrer gewinnen, ist alles prima, gewinnen sie nicht, wird gehandelt. Zum Saisonauftakt klappte weder der Sprint-Zug, noch das Material, noch funktionierte Kittel. Die rosarote Brille lag schnell in Scherben.

 

Kuschelkurs

Es musste weitergehen und man wollte die erste Krise überwinden. Mit den Siegen bei Tirreno-Adriatico flammte Hoffnung auf. Die Tour, das ganz große Ziel für Fahrer und Team, war noch weit weg und es sah so aus, als sei man doch irgendwie auf einem gemeinsamen Weg. Doch der Aufschwung hielt nicht lange. 

 

Scherben

Im Sommer folgte dann der große Knall, der Streit. Keine zerschmissenen Teller und Tassen, sondern verbale Tiefschläge. „Wir bezahlen ihm eine Menge, aber er ist nur an sich selbst interessiert“, warf der Sportliche Leiter Dimitri Konyschev Kittel in der französischen Sportzeitung L’Equipe vor. Bäm. Manchmal sind es Worte im Affekt, die für eine Beziehung, die bereits in der Krise steckt, das endgültige Aus bedeutet. Manchmal kann ein Streit heilsam sein. Doch hier war längst klar, dass diese Beziehungskrise nicht mit einem Blumenstrauß und einem Wochenende im Strandhaus zu kitten ist.

 

Ohne Basis

bei Katusha-Alpecin machte sich Hektik breit, am Ende einer katastrophalen Saison. Der Trainer wurde gefeuert, der langjährige Sportliche Leiter musste gehen und es wurde ein Performance Manager geholt. Aber es wirkte nicht mal nach Außen wie ein Neuanfang. Es gibt einen Punkt in einer Beziehungskrise, da gesteht man sich ein, dass es nie wieder Liebe wird. Doch bis dahin ist es oft ein langer Weg. Wann Kittel und Katusha-Alpecin gemerkt haben, dass es nicht mehr klappen wird, ist egal. Dass sie die Konsequenz gezogen haben und sich ohne Schlammschlacht getrennt haben, ist für beide gut. Und auch für den Radsport.

 

Wer ist schuld?

Kann man am Ende einer Beziehung nur einem die Schuld geben? Wohl nur in den seltensten Fällen. Auch hier geht das nicht. Marcel Kittel war auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu Katusha gewechselt. Er schwebte, nach der Über-Tour 2017. Er entschied sich für einen Wechsel, weil er einem Konflikt aus dem Weg gehen wollte. Bei QuickStep fürchtete er Fernando Gaviria und dessen mächtigen Manager und hatte Angst, im Duell um den Tour-Starplatz zu verlieren. Gedanken eines Mannes, der FÜNF Tour-Etappen gewann.

Und Kittel brachte einen schweren Rücksack mit zu Katusha. Vollgepackt mit enormen Erwartungen, auch abseits der Rennen. Er sollte mal schnell den Radsport in Deutschland wieder empor bringen. Die ARD überzeugen, Sponsoren anlocken, öffentlich auftreten. Marcel Kittel wirkt wie der kühle Sunnyboy, der durch das Leben freihändig auf dem Hollandrad gen Sonnenuntergang fährt. Doch wenn man kaum in die Pedale treten kann, weil Autogrammjäger, Reporter, Sponsoren und große Erwartungen den Weg versperren, fehlt der Schwung. Aber Kittel wusste, warum Katusha-Alpecin ihn unbedingt wollte. 

Das Team Katusha-Alpecin ist seit Jahren im Umbruch. Mit der Verpflichtung Kittels hatte man eventuell gehofft, auch an Kontinuität zu gewinnen. Doch keine Beziehung funktioniert auf Dauer, ohne das man etwas dafür tut. Das Team erweckte den Eindruck, dass man mit der Vertragsunterzeichung und der monatlichen Überweisung genug für die Beziehung macht. „Wenn Marcel bei der Tour Etappen gewinnt, ist alles gut” – so wirkte die Haltung des Teams. Doch der Hochleistungssport ist extrem komplex, da muss viel passen, damit der Erfolg kommt. Vor allem, bei sensiblen Sportlern. Eine Erfolgs-Garantie gibt es nicht. Als es nicht so richtig lief, stieg der Druck. Überall im Team. Bei der Sportliche Leitung, im Trainerteam, bei den Sponsoren, den Fahrer, überall. Den meisten Druck spürte aber Kopfmensch Kittel. Die einseitige Teamstrategie ging voll in die Hose. Man verlor die Nerven und die Schuldzuweisungen begannen. Keine Beziehung überlebt, wenn man gegeneinander arbeitet. Bei Katusha dachte man wohl, es sei ein Selbstläufer. Kittel dachte wohl, er kommt in ein Umfeld, dass ihn weiter siegen lässt. Ein Missverständnis. 

 

Neuanfang

Der Schlussstrich ist gezogen und beide müssen sich erstmal schütteln, sobald das Gefühl der Erleichterung über das Ende gewichen ist. Nach gescheiterten Liebesbeziehungen wird zunächst gern der Schmerz betäubt und nach und nach der Weg zur Normalität gesucht. Beim Team Katusha-Alpecin hat man bereits bei Giro d’Italia die Chance, mit Erfolgen den Verlust zu überdecken. Doch auch dort kann es länger dauern, ehe die Krise überwunden ist. Denn an Sponsoren, Fahrern und Staff ist die gescheiterte Beziehung sicher nicht spurlos vorbei gegangen. 

Wie lange Marcel Kittel braucht, um sich wieder auf eine neue Liaison einzulassen, muss man abwarten. Denn wie schnell der Sportler diese Trennung überwinden kann, wird auch davon abhängen, wie der Mensch dahinter mit den bitteren Erfahrungen klar kommt.