Megatalent bestätigt – Pavel Sivakov

Nachdem sich Egan Bernal kurz vor dem Giro das Schlüsselbein brach, rückte Pavel Sivakov in die Kapitänsrolle. Mit nur 21 Jahren! Sivakov ist ein Megatalent, das ist bereits zuvor niemandem verborgen geblieben. Aber bei einer Grand Tour auf Gesamtwertung zu fahren, drei Wochen lang Vollgas zu geben und ans Limit zugehen, gegen die stärksten Fahrer der Welt – das ist eine enorme Herausforderung. Sivakov hat dabei nicht nur zum ersten Mal eine Grand Tour beendet, er hat das Rennen mit 8:56 min Rückstand als Neunter beendet. Ein sehr beeindruckendes Ergebnis.

Dabei zeigte Sivakov, was in ihm steckt. Vor allem in der dritten Woche war er stark. Für einen so jungen Fahrer außergewöhnlich. Am Manghen machte er das Tempo, als Roglic und Nibali nicht mehr konnten und selbst im Abschlusszeitfahren war er nur eine halbe Minute langsamer als Primoz Roglic. Wenn Sivakov seinen Weg weitergeht, wird er bald noch mehr ins Rampenlicht rücken. Große Sprünge sind gar nicht nötig, um in 2-3 Jahren ums Podium kämpfen zu können.

Dass er bei einem Team mit großen Stars ist, dürfte sogar ein Vorteil sein. Denn bei vielen anderen Teams würde er direkt in eine Kapitänsrolle schlüpfen und sofort den Druck spüren. Gerade bei sehr jungen Fahrern ist es wichtig, dass neben der Physis auch die Persönlichkeit einen gesunden Entwicklungsprozess nimmt. 

 

Movistar ist endlich wieder da 

An Top-Fahrern hat es dem Team von Eusebio Unzué nie gemangelt. Satte 14 Grand-Tour-Siege hatte der Teammanager bereits gefeiert, nun kam der 15. hinzu. Endlich, muss man sagen. Denn beim erfolgsverwöhnten spanischen Vorzeigerennstall lief es zuletzt nicht mehr nach Wunsch. Der letzte Sieg bei einer Grand Tour war Quintanas Vuelta-Sieg 2016. Im vergangenen Jahr verpasste man bei allen drei großen Landesrundfahrten das Podium. Für solch ein Team eine Enttäuschung.

Nun also holt Carapaz den Girosieg und man wird bei Movistar ausgiebig feiern und optimistischer in die Zukunft schauen. Denn die Teamleistung beim Giro war herausragend und die Doppelspitze Landa/Carapaz funktionierte ohne Probleme.

Die Verträge von Richard Carapaz, Mikel Landa und Nairo Quintana laufen allesamt aus. Man darf gespannt sein, wie sich das Team für die Zukunft aufstellt. Carapaz wird nach dem Girosieg zwar mehr verdienen wollen, aber wohl keinen Grund sehen, das Team zu verlassen. Nun wurden 1,5 Mio Gehaltsgebot eines anderen Teams kolportiert. Keine ungewöhnliche Summe für einen Girosieger mit großem Potenzial.

Aber wenn sich Carapaz und Landa so gut verstehen, könnten sie 2020 vielleicht gemeinsam bei der Tour angreifen? Oder hat Unzué ein Auge auf den Spanier Enric Mas geworfen, der noch bei Deceuninck-QuickStep fährt? All das wird man abwarten müssen. Was fest steht ist hingegen, dass man mit ordentlich Selbstvertrauen und ohne Megadruck nach Brüssel zum Start der Tour reisen wird. Kann das Quintana helfen, als erster Kolumbianer die Tour zu gewinnen? Abwarten.

 

Event-Fans – bitte Abstand

Es nervt einfach nur noch. Kostüme sind cool, anfeuern ist großartig, gern darf gebrüllt, gesungen oder getanzt werden – aber dieses Nebenhergerenne ist unnötig. Ist die Straße breit und lässt man 2 Meter Platz mag es ok sein. Aber so ist es selten. Wenn es dann so läuft, wie beim Giro, als ein “Fan” Miguel Angel Lopez umrennt, ist es mega bitter. Klar, “Superman” hat überreagiert und seine wilden Schwinger waren drüber, aber dass er in dieser Situation überreagiert ist wenig überraschend. 

Seit ein paar Jahren hat man den Eindruck, es kommen immer mehr Eventfans zu den großen Rennen. Das muss nicht negativ sein, je mehr Menschen sich für den Radsport begeistern, desto besser. Aber was nicht passieren darf ist, dass der Respekt vor den Fahrern verloren geht. Wenn die Jungs in den Anstiegen fürchten müssen, dass sie umgerannt oder attackiert werden, leidet der Sport und am Ende auch die Fans.

Der Fall von Primoz Roglic, als zwei Fans ihn ewig anschoben und er dann mit einer Zeitstrafe belegt wurde, zeigt, dass es so nicht geht. Roglic musste bestraft werden, denn sonst werden bald alle Fahrer geschoben. Und: wie haben sich wohl Bauke Mollema und Pavel Sivakov gefühlt, als Roglic direkt vor ihrer Nase massiv angeschoben wurde? Der

Radsport ist der schönste Sport der Welt, der ohne die dürren, leidenden Jungs nicht funktionieren würde. Der Respekt vor der Leistung und den Athleten macht diesen Sport besonders – hoffentlich setzt sich das wieder mehr durch.

 

Ungewöhnliche Langeweile

Durchaus ungewöhnlich für den Giro war die erste Hälfte des Giro 2019 wenig spektakulär. Abgesehen von den Zeitfahren gab es Flachetappen, die nach Schema F verliefen und so wenig Unterhaltung boten. “Es war langweilig”, fasste Thomas de Gendt die erste Woche zusammen und nicht wenige Fans werden ihm Recht geben. Die Organisation wird ihre Schlüsse draus ziehen und man darf gespannt sein, wie die erste Woche des 2020 aussehen wird. Dann startet das Rennen übrigens in Ungarn.

 

Yates enttäuscht

Für viele Beobachter waren die selbstbewussten Worte von Simon Yates vor dem Start zu großspurig.  Er war in super Form zum Giro gekommen und wollte gewinnen. Er dachte, er sei konkurrenzfähig und wollte nach dem Vuelta-Sieg beim Giro in Rosa fahren. Doch das funktionierte überhaupt nicht. Es fehlte eine ganze Menge zu den Top-Jungs und Yates selbst hatte keine Erklärung. Sein Auftritt war enttäuschend, vor allem für ihn selbst. Was man ihm zu gute halten sollte: dass er sich nicht versteckte, als es nicht lief. Er sagte vor dem Start offen seine Meinung, und tat dies nach der enttäuschenden Performance auch. Genau dies wird einige, die sein selbstbewusstes Auftreten im Vorfeld kritisiert hatten, beeindruckt haben.

 

Danke ProConti-Teams

Wir hatten am ersten Ruhetag bereits darüber geschrieben, aber es soll hier noch einmal erwähnt sein. Die italienischen ProConti-Teams waren ein Gewinn für den Giro. Sie sind offensiv gefahren, haben jeden Tag etwas probiert. Sie animieren das Rennen und werden zurecht von den Fans gefeiert. Und sie wurden dafür belohnt. Androni Giocattoli-Sidermec und Nippo Vini Fantini Faizanè konnten jeweils eine Etappe gewinnen und Bardiani-CSF war in unzähligen Gruppen vertreten und Giovanni Carboni trug für mehrere Tage das Weiße Trikot.

Es sei hier noch einmal erwähnt, dass sich das in Zukunft vielleicht ändern wird. Denn sollte es 2020 wirklich 20 World-Tour-Mannschaften geben, (danach sieht es im Moment aus) hätte die Giro-Organisation nur noch 2 Einladungen zu vergeben, sollte es bei 22 Teams im Rennen bleiben. Androni, Nippo & Bardiani werden wohl eher nicht in die World Tour aufsteigen. Zieht man nun zusätzlich in Betracht, dass laut dem geplanten neuen Reglement die beiden besten UCI ProTeams (aktuelle ProConti) eine Startgarantie bei den Grand Tours bekommen, erhöht das für die italienischen Zweitligateams nicht gerade die Chance auf einen Giro-Start.

Wie bei allen Regeln oder Reformen der UCI muss man abwarten, was dann tatsächlich umgesetzt wird, aber egal was 2020 passiert – der Giro 2019 hat gezeigt, dass die italienischen ProConti-Teams ihre Einladung nutzen und das Vertrauen zurückzahlen.

 

Giulio Ciccone Entdeckung Teil II

Der Giro & Giulio Ciccone, das passt einfach. Der Italiener gewann bereits 2016 eine Etappe und war mit damals 21 Jahren eine große Entdeckung. Was er in diesem Jahr zeigte, war erneut beeindruckend. Seit Januar gehört er zur Trek-Segafredo-Mannschaft und liefert nun auch auf World-Tour-Niveau ab. Der Kerl gewann überlegen das Bergtrikot des Giro und holte sich zudem einen Etappensieg. Er arbeitete zudem für Bauke Mollema und war gerade in den Bergen einer der Stärksten. Dieser Kerl hat den nächsten Schritt gemacht und man darf gespannt sein, was da in Zukunft noch kommt. Vielleicht darf er bald auch mal bei der Tour auf die Jagd nach dem Bergtrikot gehen. 

 

Pechvogel Superman

Es war nicht der Giro des “Superman”. Mehrfach haderte er mit dem Material, hatte im ungünstigsten Moment bei der schweren 13. Etappe Defekt und verlor viel Zeit. Er blies mehrfach zur Attacke, aber irgendwie verpufften die Anstrengungen. Dass er dann am vorletzten Tag noch von einem Zuschauer umgerannt wurde, passte irgendwie zum diesem Giro. Doch er hat erneut das Weiße Trikot gewonnen und nie aufgegeben.

Im Jahr 2018 stand er beim Giro und auch bei der Tour auf dem Podium – nun hat er hat miterlebt, was alles schief gehen kann. Er wird sicher einige wertvolle Erfahren für die Zukunft mitnehmen. Und was man bei Lopez bedenken sollte – der Kerl ist erst 25 Jahre alt!

 

Megahype um Ackermann

Man muss nicht mehr viel über die Entwicklung von Pascal Ackermann schreiben. Es ist schlicht beeindruckend. Beim Giro hat er die Saisonsiege 4 & 5 eingefahren, sich über die Berge gekämpft und das Maglia Ciclamino geholt. Stark. 

Mit seinen Erfolgen setzte auch ein Hype ein, den der junge Kerl hoffentlich ebenso gut wegsteckt, wie die Anstiege der Dolomiten. Für das deutsche Team Bora-hansgrohe ist Ackermann ein Segen, aber dieser kam nicht per Zufall. Denn neben Ackermann dürfen auch Trainer und Teamleitung stolz auf die Entwicklung sein. Als Ackermann Profi wurde, haben nicht sehr viele einen Rohdiamaten gesehen. Er musste viel lernen, nicht nur in Sachen Training und Ernährung. Er hat sich seinen Platz hart erkämpfen müssen, feiert nun große Siege und weiß dennoch, wer ihm dazu verholfen hat. Klingt dennoch einfacher als es war. 

Im Winter traf das Team die Entscheidung mit Pascal Ackermann für die Sprints in den Giro zu gehen und Sam Bennett trotz drei Etappensiegen 2018 daheim zu lassen

Fachleute und Journalisten stellten sich auf die Seite Bennetts, als dieser das Team kritisierte. Die Entscheidung “pro Ackermann” folgte einem langfristigen Plan und sie ist nachvollziehbar. Aber sie war nicht ohne Risiko. Auch weil Ackermann den Druck sicher spürte. 

Doch mit diesem überragenden Giro ist die Bennett-Diskussion beendet und man darf der Teamleitung gratulieren. Ackermann ist wieder eine Stufe nach oben geklettert.

Wenn er irgendwann auch mal bei der Tour de France startet, wird der Hype noch größer sein. Die nächste Herausforderung für den 25-Jährigen, die er hoffentlich auch bravourös meistert.

 

Oh, Dimension Data

Als Amanuel Ghebreigzabhier während der 20. Etappe in der Ausreißergruppe war und lange zur Spitze gehörte, gab es diesen: “Stimmt, Dimension Data ist auch dabei”-Moment. Ryan Gibbons und Giacomo Nizzolo holten bei den Massensprints insgesamt sieben Top-10 Tagesresultate. Besser als Rang fünf war man während des Giro nie. Bei den anspruchsvollen Etappen konnte man sich nie in den Top-10 platzieren. Auch der achte Platz von Rundfahrt-Talent Ben O’Connor in der Nachwuchswertung lässt sich kaum als Erfolg verbuchen. Drei Saisonsiege stehen bislang zu buche, es gelang kein Erfolg bei einem World-Tour-Rennen. Die Saison lief bislang nicht berauschend, der Giro war kein Schritt nach vorn.