Diese 14. Etappe ist die erste richtig schwere Pyrenäen-Etappe und verspricht ein Spektakel. Im Finale wartet der Anstieg zum Col du Tourmalet und es wird ein heftiger Schlagabtausch der Favoriten auf den Gesamtsieg erwartet. Nach dem Zeitfahren vom Freitag haben einige Kletter bereits einen größeren Abstand und müssen versuchen, in den steilen Rampen zum Ziel Zeit gutzumachen. Es ist eine recht kurze Etappe und das Tempo könnte deshalb vom Start weg hoch sein.

Mit Attacken weit vor dem Ziel von einem der Favoriten ist weniger zu rechnen. Bislang wurde während dieser 106. Tour noch an keinem solch langen Anstieg Vollgas gefahren. So sind sich auch die Fahrer nicht sicher, wie gut ihre Bergform im Vergleich zur Konkurrenz ist. Zudem mussten die Favoriten beim Zeitfahren alles raushauen, was in ihnen steckte. Es bleibt abzuwarten, wer die Anstrengungen vom Freitag gut verkraftet hat, und wer vielleicht Tribut zollen muss. Auch das Terrain nach dem vorletzten Anstieg des Tages ist ideal für das Ineos-Team, um mit hohem Tempo Ausreißern hinter zu jagen. So wird der Kampf der Klassementfahrer wohl erst am Schlussanstieg entbrennen. 

Der Tourmalet ist ein langer, schwerer und vor allem geschichtsträchtiger Anstieg. Es gibt schwierigere Anstiege, aber kaum Berge, die so eng mit der Tour de France verbunden sind. Mit Sicherheit werden die TV-Kommentatoren wieder die Geschichte von Eugène Christophe und seiner gebrochenen Gabel erzählen, die er nach langem Fußmarsch 1913 in einer Schmiede in Sainte-Marie-de-Campan selbst reparieren musste. Anschließend bekam er eine Strafe, weil ein Junge den Blasebalg bediente und ihm so half. Legenden, Mythen, Tradition und Leiden – all dies macht die Tour zur Tour. Am Tourmalet gab es Tragödien und spektakuläre Siege – vielleicht erleben die Radsportfans auch am Samstag einen denkwürdigen Tag mit großen Überraschungen. 

Vor allem die letzten vier Kilometer sind heftig und die Fahrer werden die große Höhe spüren. Denn das Ziel ist am höchsten Pass der Pyrenäen, auf 2215 m üNN. 

 

Die Strecke

Karte der 14. Etappe der Tour 2019

Drei Anstiege sind im Roadbook vermerkt. Insgesamt müssen satte 3500 Hm auf den 117 Kilometern überwunden werden. Der erste steht bereits nach 18 Kilometern an. Dies ist die kurze Steigung zur Côte de Labatmale und nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was im weiteren Verlauf noch auf die Fahrer wartet.

Nach rund 50 Kilometern geht es hinauf zum Col du Soulor. Ein Anstieg der 1. Kategorie mit 11,9 Kilometern Länge und  7,8 % durchschnittlicher Steigung. Es folgt eine Abfahrt und ein kurzes Flachstück, bevor der Aufstieg zum Col du Tourmalet beginnt. 

Profil des Col du Tourmalet

Das Ziel ist in 2115 Meter Höhe und es wird die Sonderwertung Souvenir Jacques Goddet ausgetragen, zu Ehren des zweiten Tourdirektoren. Der Tourmalet ist einheftiger Anstieg. Im unteren Teil noch moderat steil, sind vor allem die letzten vier Kilometer heftig. Hier bietet sich die beste Gelegenheit zur Attacke. 

Die letzten Meter der Etappe

Die Favoriten

Nach dem Zeitfahren ist die Situation im Kampf um Gelb klar. Geraint Thomas bleibt der Top-Favorit, auch wenn Julian Alaphilippe das Gelbe Trikot trägt. Die guten Bergfahrer müssen angreifen, während Thomas und Alaphilippe versuchen, keine Zeit zu verlieren. Bislang ist noch nicht klar, wie die Kräfteverhältnisse in den hohen Bergen wirklich sind. In den Vogesen waren es eher mittellange Anstiege und am Donnerstag haben sich die Klassementfahrer zurückgehalten. Doch am Samstag wird man am Tourmalet sehen, wer bergauf zu den Stärksten zählt.

Theoretisch könnte sich auch eine Ausreißergruppe den Sieg bei der ersten Payrenäen-Bergankunft holen, aber die Etappe ist kurz und die Favoriten werden die Karten auf den Tisch legen. Zudem ist es eine prestigeträchtige Ankunft, bei der sicher einige der großen Fahrer zu gern jubeln wollen. So ist es recht unwahrscheinlich, dass Ausreißer durchkommen.

Fahrer wie Romain Bardet, Richie Porte oder Daniel Martin liegen weit im Gesamtklassement zurück und müssen versuchen, Zeit gutzumachen. Doch es stellt sich die Frage, ob sie schon auf dieser Etappe früh in die Offensive gehen. Die Etappen in den nächsten Tagen bieten vielleicht eher die Chance, eine Attacke weit vor dem Ziel zu starten. Zudem ist das Terrain bis zum Tourmalet ideal für die starke Ineos-Truppe. Sie können mit hohem Tempo auf den schmalen, rauen Straßen das Rennen kontrollieren

Die Gesamtwertung nach Etappe 13

Vielleicht schlägt die Stunde der Fahrer aus der zweiten Reihe. Mikel Landa und Alejandro Valverde beispielsweise, die als Helfer von Nairo Quintana bereits einige Minuten hinter Thomas zurück liegen. Oder Patrick Konrad, der auf Rang 14 zwar gut positioniert ist, aber für Alaphilippe und Geraint Thomas keine direkte Gefahr darstellt. Das gleiche gilt für Bauke Mollema. Oder greift gar Egan Bernal vom Team Ineos an? Das kann man sich eher nicht vorstellen. Da ist es wahrscheinlicher, dass Thomas selbst in die Offensive geht, um Alaphilippe Zeit abzujagen.

Vermutlich wird es im unteren Teil ein Antesten eines der Fahrer aus der zweiten Reihe geben, aber Ineos wird den Anstieg hinaufhämmern. Sie wollen ein konstant hohes Tempo, um Alaphilippe mürbe zu machen. Die letzten vier Kilometer dürften dann die Entscheidung um den Tagessieg bringen und auch für den weiteren Verlauf der Tour sehr aufschlussreich sein.

Fahrern wie Daniel Martin dürfte diese Etappe liegen. Er ist extrem stark bergauf, mag die Pyrenäen und hat einen ordentlichen Punch. Kann Geraint Thomas dann folgen? Bekommt Alaphilippe früh Probleme? Wie schlägt sich Nairo Quintana? Wie gut ist die Form von Emu Buchmann? Ist Bardet bereits aus dem Rennen? Der Tourmalet gibt Antworten auf sehr viele Fragen. Das wird ein Fest.

***** Geraint Thomas, Daniel Martin
**** Nairo Quintana, Mikel Landa, Thibaut Pinot
*** Steven Kruijswijk, Rigoberto Uran, Richie Porte, Romain Bardet
** Egan Bernal, Jakob Fuglsang, Alejandro Valverde, Adam Yates
* Julian Alaphilippe, Emanuel Buchmann

 
Start: 13:30 Uhr
Ziel: ~17:50 Uhr

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