Nach der Schlacht am Tourmalet scheint das Rennen offener denn je. Titelverteidiger Geraint Thomas schwächelte im Finale, Romain Bardet musste alle Hoffnungen auf Gelb begraben und auch Nairo Quintana musste eine heftige Schlappe hinnehmen. Und nach 14 harten Renntagen und dieser heftigen Tourmalet-Etappe am Samstag folgt ein brutales Teilstück mit rund 4500 Höhenmetern und drei schweren Anstiegen im Finale. Gut möglich, dass auf dem Weg nach Foix einige der großen Namen noch größere Probleme bekommen. 

Der große Gewinner der Tourmalet-Etappe ist Julian Alaphilippe, der Mann in Gelb. Doch die Konkurrenz dürfte Morgenluft schnuppern. Thibaut Pinot, der auf der Windkante während der 10. Etappe satte 1:40 min verlor, hat nach einem starken Zeitfahren und dem Sieg am Tourmalet Selbstvertrauen getankt. Auch Steven Kruijswijk rückt in den Kreis der Favoriten auf den Toursieg. Mikel Landa soll nun für Movistar die Tour retten, Egan Bernal könnte bei Ineos zum Kapitän werden und bei Julian Alaphilippe bestehen immer noch Zweifel, dass er über drei Wochen dieses Niveau halten kann.

Zieht man all diese Parameter in Betracht und blickt voraus, könnte sich eine sehr spannende Tour de France entwickeln. Eine Prognose für den Ausgang dieser 106. Großen Schleife fällt schwerer als vor drei Tagen. Das könnte für spektakuläre Etappen sorgen, vielleicht schon am Sonntag.

Diese letzte Pyrenäen-Etappe hat es in sich und lädt zur frühen Attacke ein. Fahrer wie Richie Porte, Daniel Martin und Enric Mas stehen mit dem Rücken zur Wand und müssen die Brechstange auspacken, wollen sie im Kampf ums Podium noch ein Wörtchen mitreden. Doch wer hat überhaupt noch die Kraft, anzugreifen?

Der Kampf um Gelb bleibt spannend, aber auch der Kampf um den Tagessieg könnte am Sonntag sehr interessant werden. Das Terrain ist wie gemacht für eine starke Ausreißergruppe. Die 185 Kilometer lange Etappe von Limoux zur Bergankunft in Foix ist zweigeteilt. Die erste Hälfte geht es über moderat bergiges Terrain, doch das Finale hat es in sich. Auch wenn die Fahrer die Anstrengungen der vergangenen Tage spüren, vor dem Ruhetag am Montag werden sie alles raushauen, was in ihnen steckt. 

Kommt eine Gruppe durch, oder kontrolliert einer der Klassementfahrer und bläst dann zum Großangriff? Oder gibt es gar Favoriten-Attacken weit vor dem Ziel? Abwarten, und zuschauen!

 

Die Strecke

Karte der 15. Etappe der Tour 2019

Gestartet wird die 185 Kilometer lange Etappe in Limoux. Die ersten rund 100 Kilometer sind weniger anspruchsvoll, doch das Finale hat es in sich. Es sind nicht die ganz langen Anstieg, aber drei durchaus schwere Berge, die auf den letzten 80 Kilometern zum Ziel erklommen werden müssen. Der relativ leichte Beginn kommt den Ausreißern entgegen, sie können hier vielleicht bereits einen großen Vorsprung auf die Klassementfahrer herausfahren und sich dann bis ins Ziel “retten”.

Die ersten Kilometer sind flach und es geht auf breiter Straße aus Limouix. Vermutlich wird es erneut einen harten Kampf um die Gruppe des Tages geben. Nach rund 25 Kilometern geht es bergauf – spätestens hier sollte sich die Gruppe formieren.

Der erste kategorisierte Anstieg des Tages ist der Col de Montségur. Kein leichter Anstieg, mit durchaus steilen Passagen. Hier werden die Fahrer merken, wie sie den Vortag verkraftet haben. Der Gipfel ist nach 60 Rennkilometern erreicht. Es folgt die Sprintwertung und ein langes Flachstück, ehe es ins schwere Finale geht.

Zunächst steht 75 Km vor dem Ziel der Port de Lers an. Ein 11,4 km langer Anstieg mit durchschnittlich 7% Steigung. Vor allem im oberen Teil schmal und steil, und auch die Abfahrt ist im oberen Teil technisch anspruchsvoll.

Nach der rasenden Abfahrt wartet das Finale. Zunächst die üble Mur de Péguère mit 18% steilen Passagen. Am Gipfel wird der Bonussprint ausgetragen (8,5,2 Sek). Danach der Schlussanstieg nach Foix Prat d’Albis. Sollte ein Fahrer versuchen, an der Mur de Péguère anzugreifen, könnte er im folgenden Flachstück Hilfe aus der Spitzengruppe sehr gut gebrauchen. Denn die Abfahrt ist schnell, aber offen und die letzten 6-7 km zum Schlussanstieg sind nahezu flach. 

Die beiden letzten Anstiege der 15. Etappe der Tour 2019

Der Schlussanstieg ist heftig. Wenn die Favoritengruppe mit Vollgas in den Anstieg hämmert, haben die Fahrer bereits 4000 Hm in den Beinen. Es gibt bereits nach drei Kilometern ein Steilstück – vielleicht gibt es hier die ersten prominenten Namen, die Probleme bekommen. Die letzten Meter zum Ziel sind recht flach – vielleicht kommt es zum Sprint einer kleinen Gruppe.

 

Die Favoriten

Es ist sehr gut möglich, dass sich eine frühe Ausreißergruppe absetzt und dann den Sieg unter sich ausmacht. Auf diesem Terrain kommen aber nur bergfeste Fahrer für den Tagessieg in Frage. Alexis Vuillermoz, Warren Barguil, Thomas De Gendt , Giulio Ciccone, Jesus Herrada, Simon Geschke, Dylan Teuns, Pello Bilbao, Damiano Caruso, Simon Yates, Vincenzo Nibali oder Tiesj Benoot wären heiße Kandidaten. Vielleicht packt auch einer der Fahrer die Brechstange aus, der am Samstag viel Zeit eingebüßt hat. Etwa Adam Yates, Romain Bardet oder Daniel Martin. Es soll erneut sehr heiß werden, was für Dan Martin wohl erneut problematisch werden könnte.

Man darf gespannt sein, welche Teams das Rennen kontrollieren wollen, und welcher der verbliebenen Favoriten sich früh in die Offensive traut. Mikel Landa oder Adam Yates wäre eine Attacke vor dem Schlussanstieg durchaus zuzutrauen. Vielleicht schicken sie Helfer in die Ausreißergruppe, sodass sie nach einer Attacke an der Mur de Péguère in der Anfahrt zum Schlussanstieg Hilfe bekommen können. 

Thibaut Pinot “reicht” sicher der Schlussanstieg um erneut Zeit gut zumachen. Großes Risiko muss er nicht gehen, er hat gesehen, dass er neben Steven Kruijswijk aktuell der Stärkste am Berg ist. Auch Emanuel Buchmann muss nicht das Risiko einer frühen Attacke nehmen.

 

***** –
**** Mikel Landa, Thibaut Pinot, 
*** Steven Kruijswijk,  Egan Bernal, Warren Barguil
** Adam Yates, Thomas De Gendt, Dylan Teuns, Rigoberto Uran
* Julian Alaphilippe, Emanuel Buchmann, Richie Porte, Jakob Fuglsang,  Pello Bilbao, Simon Geschke, Simon Yates

 
Start: 12:05 Uhr
Ziel: ~17:50 Uhr

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