Diese Etappe muss die Entscheidung im Kampf um das Podium der 106. Tour de France bringen. Eine heftige Etappe, mit einem brutalen Finale war geplant. 130 Kilometer mit satten 4600 Höhenmetern war der ursprünglich geplante Kurs. Eine echte Monsteretappe, bei der zudem schlechtes Wetter vorhergesagt war. Doch ein Erdrutsch machte den Weg unpassierbar und so muss, wie schon am Freitag sich das Rennen der höheren Macht beugen.

Die neue Strecke führt direkt zum Schlussanstieg. Es sind so nur 59 Rennkilometer. Egan Bernal geht nach der abgebrochenen Etappe vom Freitag in Gelb in diese entscheidende Etappe, doch die Abstände zwischen den Favoriten sind sehr gering. So muss nun an diesem langen Anstieg die Entscheidung ums Podium fallen.

Emanuel Buchmann liegt als Gesamtfünfter weniger als 2 Minuten zurück. Kein Fahrer muss nun mehr Kräfte sparen, sie können alles raushauen, was ihr ausgezehrter Körper noch hergibt. Es wird einen Großkampf geben, bei dem neben den physischen Reserven auch die mentale stärke eine Rolle spielt. Das Ineos-Team ist in herausragender Ausgangssituation, denn neben Bernal in Gelb hat auch Geraint Thomas als Gesamtdritter die besten Chancen auf einen Platz auf dem Podium. Julian Alaphilippe wird verbissen kämpfen, aber Steven Kruijswijk und auch Emanuel Buchmann sind stärker einzuschätzen. 

Es dürfte trotz der Verkürzung ein spannender letzter Tag in den Alpen werden. Das Ende einer verrückten Tour. Es ist eine der packendsten Rundfahrten der vergangenen Jahrzehnte. Mit sportlichen Überraschungen, wie dem entfesselt fahrenden Alaphilippe. Mit großen Hoffnungen und großen Dramen. Wie etwa die Aufgabe von Thibaut Pinot, der nach seiner imposanten Fahrt in den Pyrenäen Frankreichs große Hoffnung war. Es gab eine Reihe von Enttäuschungen, wie etwa Romain Bardet oder die plötzlich schwächelnden Ineos-Helfer. Was diese Tour so besonders gemacht hat, war die Unvorhersehbarkeit. Man wusste nicht, was als nächstes passieren würde, und hatte man doch eine Idee, passierte etwas Überraschendes. So wie der Hagel auf der 19. Etappe.

Bei aller Vorfreude auf den letzten Akt dieses unfassbar spannenden Schauspiels mischt sich fast Wehmut. Denn wenn die Fahrer am Samstag in Val Thorens über die Linie rollen, sind sie erlöst, von allen Qualen. Aber für die Fans endet gleichzeitig auch ein großartiges Radsportspektakel.

Taktik

Für Fahrer wie Rigoberto Uran oder Mikel Landa gibt es mit der neuen Strecke nicht mehr die Chance, mit einer Brechstangen-Attacke früh das Rennen zu sprengen. Nun geht es in den Schlussanstieg und dann werden die Karten auf den Tisch gelegt.

Buchmann und Kruijswijk waren noch nie auf dem Podium einer Grand Tour. Für Emanuel Buchmann wäre Rang fünf am Ende ein sensationelles Ergebnis. Allzu oft werden Superlative im Sport genutzt, doch für das, was Buchmann bei dieser Tour zeigt, ist sensationell angemessen. An diesem letzten Anstieg heißt es Kopf ausschalten. Treten, bis zum Ziel. Sich belohnen, für all die Arbeit, das Leiden, die Entbehrung.   

Was Julian Alaphilippe nach drei Wahnsinns-Wochen noch im Tank hat, ist ganz schwer einzuschätzen. Er schien am Iseran am Limit, hatte aber keinen Einbruch. Er war in de Lage, sein Tempo zu gestalten, dass er “nur” eine Minute nach der Gruppe um Thomas den Gipfel erreichte. Kann es ihm gelingen, einen Podestplatz abzusichern? Sicher keine leichte Aufgabe, bei einer 30-Kilometer-Bergankunft. Es wird die letzte große Schlacht der Klassementfahrer. Der Ausgang ist offen.

Gesamtwertung vor der 20. Etappe

Die Strecke

Karte der veränderten 20. Etappe der Tour 2019

Die Etappe ist nun nur noch 59 km lang. Es geht von Albertville über die N90 nach Moutiers und so direkt zum Schlussanstieg. Die ersten rund 24 Kilometer bis Moutiers sind flach. Dann geht es hinauf.

 

Der Anstieg ist lang, schwer und vor allem ungleichmäßig. Es gibt steile Rampen, dann wieder flachere Passagen. Das macht es den Fahrer schwer, einen gleichmäßigen Rhythmus zu fahren. Gleich im unteren Teil ist es sehr steil, ideal für eine frühe Attacke.

Nach flacheren Passagen im Mittelteil, wo es sogar eine kurze Abfahrt gibt, geht es die letzte 10 Kilometer ohne flache Abschnitte steil bergauf, ehe es kurz vor dem Ziel einen flachen Abschnitt gibt. Die letzten Kilometer werden auf unbefestigter Straße gefahren. Es ist Schotter, aber fest und gut zu fahren. Zumindest bei trockenen Bedingungen. Doch die Regenwahrscheinlichkeit für das Finale ist mit mehr als 70% angegeben. (Update: die Schotter-Abschnitte wurden asphaltiert)

Es ist ein langer, schwerer Anstieg, der für echte Kletterer wie gemacht ist. Die Höhe wird ebenfalls eine Rolle spielen, vor allem auf den letzten Metern zum Ziel.

 

Profil der Schlusssteigung der 20. Etappe der Tour 2019

Die Favoriten

Durch die Etappenverkürzung wird es für Ausreißer extrem schwer. Dieser Tag steht voll im Zeichen des letzten Kampfes um das Podium dieser verrückten 106. Tour de France. So sind es auch die Top-Fahrer, die hier als Favoriten auf den Tagessieg gelten. Egan Bernal, der das erste Mal das Gelbe Trikot der Tour auf seinen Schultern trägt, scheint der stärkste Kletterer im Feld zu sein. Sein Ziel ist es, keine Zeit zu verlieren und Gelb zu verteidigen. Doch fühlt er sich auf den letzten Metern gut, wird er versuchen, auch einen Etappensieg einzufahren.

Die anderen Favoriten sind Steven Kruijswijk, Geraint Thomas, aber auch Emanuel Buchmann. Ob Rigoberto Uran, Mikel Landa oder auch Simon Yates am Ende um den Tagessieg mitfahren können, hängt davon ab, wie die Favoriten taktisch vorgehen. Sollten sich die Klassementfahrer belauern, könnten dass Fahrer wie Yates ausnutzen.  

***** Egan Bernal
**** Emanuel Buchmann
*** Geraint Thomas, Steven Kruijswijk
** Mikel Landa, , Rigoberto Uran
* Warren Barguil, Simon Yates , Alejandro Valverde, Pello Bilbao

 
Start: 14:30 Uhr
Ziel: ~17:30 Uhr

 
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