Dass Egan Bernal eines der größten Talente des Radsports ist, war bereits vor seinem Wechsel zum Sky-Team offensichtlich. Auf dem Mountainbike war er als Teenager in Kolumbien flott unterwegs und als er 2016 als Straßen-Profi nach Europa kam, setzte er direkt Ausrufezeichen.

Es ist kein Wunder, dass Bernal zunächst beim Italiener Gianni Savio und dessen Androni Giocattoli-Sidermec-Team fuhr. Savio ist eine schillernde Figur im Radsport und gilt als großer Entdecker südamerikanischer Talente. Jose Rujano und Jose Serpa fuhren in seinem Team, zuletzt holte er Bernal und Ivan Ramira Sosa nach Europa.

Savio pflegt enge Kontakte nach Südamerika, ist mit Movistar-Teamchef Eusebio Unzué befreundet und eng mit Kolumbiens Reporter-Legende Héctor Urrego verbunden. Doch kolumbianische Talente gibt es viele – Savio hat die Fähigkeit zu erkennen, wer es in die Weltspitze schaffen kann.

Egan Bernal 2016 bei der Settimana Internazionale Coppi e Bartali

Bernal beeindruckt sofort

Bei Bernal war sich Savio sofort sicher, welchen Diamanten er hat. Mit einem 4-Jahres-Vertrag ausgestattet, fuhr Bernal nur 2016 und 2017 für ihn. Danach floss reichlich Geld von Sky zu Savio. Angeblich konnte er mit der Ablöse den Fortbestand seines Teams sichern.

Mit 19 gewann Bernal die Nachwuchswertung des Giro del Trentino und wurde Vierter der Tour de l’Avenir, dem wichtigsten U23-Rennen der Welt. Der Südamerikaner schlug auf Europas Straßen ein, wie eine Bombe. Er hat den Ruf, extrem professionell und akribisch zu sein. Nicht nur in Sachen Training, sondern auch beim Thema Ernährung. Er sei fokussiert und ehrgeizig, heißt es. Dazu übermäßig talentiert. 

Im Jahr 2017 gewann er alle wichtigen U23-Rennen und stieg im vergangenen Jahr in die World Tour auf. Auch bei den Profis siegte Bernal sofort und fuhr im Juli seine erste Grand Tour – die Tour de France. Er wurde Gesamtfünfzehnter, als Helfer von Froome und Thomas. Irre.

Bernal von vorn, als wichtigster Helfer von “G” bei der Tour 2018

Vom Schlüsselbeinbruch zum Toursieg

Ein solches Megatalent muss man geschickt einsetzen. Beim Team Sky überlegte man im Winter genau, wo man Bernal als Kapitän starten lässt. Man entscheid sich für den Giro d’Italia. Nachvollziehbar, denn mit Froomes Chance auf den 5. Toursieg und Thomas als Titelverteidiger war man für die Tour schon klar aufgestellt.

Doch dann stürzte Bernal kurz vor dem Giro und musste die Rundfahrt absagen. Kein Giro, also Vorbereitung auf die Tour – war die logische Konsequenz. Schon damals gab es einige Fachleute, die Bernals Tourtriumph für möglich hielten. Denn das Terrain mit den langen Alpen-Anstiegen in großer Höhe liegt dem Mann aus Bogota. In seiner Heimat liege sein Lieblings-Trainingsberg auf 3000 Metern üNN, heißt es. Der Formaufbau lief, bei der Tour de Suisse siegte er ohne Probleme und als “Chef” Chris Froome nach seinem schlimmen Sturz für die Tour ausfiel, rückte Bernal plötzlich in die Co-Leader Rolle.

Perfekte erste Woche

Um Bernal war es nicht still, als er in Brüssel ankam, aber der Fokus lag dennoch auf Thomas. Gut, für den 22-jährigen Bernal. Anschließend fuhr er ein konstantes und starkes Rennen. Der Schlüssel zum Sieg war, dass er vor den Alpen keine Zeit verlor.

Im Teamzeitfahren lag Ineos nur 20 Sekunden hinter Jumbo-Visma. Bei Alaphilippes erstem Etappensieg rollte Bernal mit den Verfolgern ins Ziel. Auf der Windkanten-Etappe erreichte er ebenso das Ziel mit den großen Favoriten, wie an dem Tag, als Alaphilippe und Pinot etwas Zeit gutmachten.

In den Vogesen war Bernal nicht so auffällig wie Titelverteidiger Geraint Thomas, aber er büßte auch dort kaum Zeit ein. Am ersten Ruhetag in Albi lag Bernal auf Gesamtrang drei. 1:16 min hinter Alaphilippe und nur vier Sekunden hinter Thomas. Perfekt platziert!

Schwaches Zeitfahren, starke Pyrenäen

Nach dem Zeitfahren war Bernal enttäuscht. Satte 1:36 min verlor er auf Alaphilippe. Er war sogar langsamer als Emanuel Buchmann, der wiederum extrem stark war. Bernal ist grundsätzlich ein sehr guter Zeitfahrer, erwischte aber einen schwachen Tag.

In den Pyrenäen zeigte er dann aber, was in ihm steckt. Neben Thibaut Pinot war er der Stärkste bergauf. Am Tourmalet fehlte auf den letzten Metern etwas die Explosivität. Auf dem Weg nach Foix konnte er den Rückstand zu Pinot begrenzen, aber Steven Kruijswijk, Julian Alaphilippe und Teamkollegen Geraint Thomas wichtige Zeit abnehmen.

Bernal fuhr konstant stark, ohne zu überziehen oder unruhig zu werden. So lag er vor der Schlusswoche in den Alpen, also seinem Lieblingsterrain mit den hohen Bergen, im Soll. Als Gesamtfünfter hatte er zwar 2:02 min Rückstand auf die größte Überraschung dieser Tour, Julian Alaphilippe, aber er lag nur 37 Sekunden hinter Thomas, der Zweiter war. Der Fokus der Medien war auf Thomas, Pinot und Alaphilippe gerichtet. Bernal hatte fast seine Ruhe.

Die Alpen – der Plan geht auf

Auf der ersten der drei Alpenetappen war Bernal der Stärkste der Favoriten. Er griff am Galibier an und setzte sich ab. Er holte 32 Sekunden auf die anderen Favoriten – im Nachhinein die wichtigste Attacke dieser Tour. Denn Bernal war nun Gesamtzweiter. Sowohl im Team, als auch in der Gesamtwertung war er in herausragender Position. Nur Alaphilippe, der bereits am Galibier Schwächen offenbart hatte, musste er noch distanzieren.

Das gelang dann am Iseran, knapp 24 Stunden später. Die Etappe wurde wegen eines Erdrutsches abgebrochen und die Zeitabstände genommen, als Bernal den Gipfel passierte. Bernal eroberte Gelb und nur ein Sturz hätte wohl seinen Triumph verhindern können. Dass die letzte der drei Alpenetappen ebenfalls wegen Erdrutschen nicht wie geplant ausgetragen werden konnte, ändert nichts daran, dass der stärkste Fahrer dieser Tour in Gelb nach Paris fährt.

Konstant stark, ohne schwachen Tag, auch wenn das Zeitfahren nicht wie gewünscht lief. Wenn Bernal am späten Sonntagabend in Paris über die Ziellinie rollt und die Arme in die Luft reckt, schreibt er Tourgeschichte. Als erster Kolumbianer gewinnt er die Grand Boucle, und dies voll verdient.