Die Fahrer machen das Rennen

Im Vorfeld gab es Diskussionen, ob die Strecke der Deutschland Tour 2019 nicht vielleicht etwas zu leicht geworden ist. Vielleicht hatte man etwas Angst, dass es ein langweiliges Rennen werden könnte, dass nach vier Massensprints den Stempel “langweiliges Sprinterrennen” bekommt. Doch das hatte sich nach Renntag zwei erledigt. “Das war eines der schwersten Rennen des Jahres”, sagte Pascal Ackermann. Denn wenn die Fahrer einfach Vollgas geben, braucht man keine hohen Berge. Es war richtig Radrennen, vom Start bis ins Ziel. Fast schade, dass im Fernsehen nur wenige Kilometer zu sehen waren. 

Es war sicher kein schwerer Parcours, und vielleicht hätten sich die Bergfahrer mehr lange Berge gewünscht, aber es war ein sehr unterhaltsames Radrennen und der Beweis für eine uralte Radsport-Weisheit: Die Fahrer machen das Rennen, nicht die Strecke.

 

Alle haben Bock

“Das war wie bei der Tour de France”, sagte Simon Geschke über die Zusammensetzung der Ausreißergruppe am zweiten Tag. Julian Alaphilippe, Vincenzo Nibali, Geraint Thomas, Geschke und Co. – eine Ansammlung von Top-Stars. Meist sind große Stars bei kleinen Rennen fern der Heimat nicht übermäßig motiviert, vor allem im letzten Drittel der Saison. Doch bei dieser D-Tour hatten alle Bock.

Selbst Vincenzo Nibali, der am Tag vor dem Rennen noch den Eindruck machte, als müsse man ihn zur Startlinie schieben, attackierte munter mit und verpasste das Bergtrikot nur knapp. Geraint Thomas schraubte Stundenlang im Feld von vorn, um Wunderkind Remco Evenpoel hinterher zu jagen, der sich an einem 100km-Solo versuchte. Und ein Typ wie Alaphilippe geht mit dem Ronde-Zweiten Mads Pedersen in die frühe Ausreißergruppe. Krass. Bei wie vielen Rennen sieht man sowas?

Man hatte das Gefühl, dass die Fahrer es genossen, zu fahren, wie bei einem Nachwuchsrennen – Vollgas & Feuer frei war das Motto. Auch für die Zuschauer ein großer Spaß. 

 

Konti-Glücksgefühle

Für die Konti-Teams war es durch die harte Fahrweise natürlich sehr schwer, sich in Szene zu setzen. Dennoch genossen sie scheinbar die Rundfahrt. Die meisten Teams empfanden es als Belohnung, dabei sein zu können und standen am Start um Spaß zu haben. Trotz Leiden auf dem Rad, traf man auf reichlich strahlende Gesichter. “Das haut mich um”, sagte Dominik Röber vom Team P&S über die Erfahrung mit Top-Stars gemeinsam Rennen zu fahren und ist nun extra-motiviert, den Weg zum Profi zu probieren. 

Ob den Teams die Aufmerksamkeit während der D-Tour half, neue Sponsoren zu finden, muss man abwarten. Aber es war eine tolle Erfahrung und für die Sportler nicht nur eine Standort-Bestimmung der eigenen Leistung, sondern auch die Chance, zu sehen, was möglich ist. 

 

Die Zuschauer sind da

Man konnte nicht davon ausgehen, dass die Mega-Stimmung von Stuttgart 2018 zu toppen ist. Das war aber auch nicht nötig, um dennoch ein tolles Radsportfest zu feiern. Selbst in kleinen Städten wie Halberstadt war eine gute Kulisse. Nils Politt hatte das Gefühl, es waren mehr Zuschauer an der Strecke, als 2018. “Die Zuschauerresonanz war großartig, mehr als eine halbe Million Menschen waren an den Strecken, sagte Deutschland-Tour-Chef Claude Rach.

In Eisenach organisierte die Stadt eine After Race Party in der Innenstadt samt Bühne und Live-Band. Es geht um mehr, als Emanuel Buchmann oder Julian Alaphilippe. Radsport ist so mehr als der Etappensieger oder das Rote Trikot. Jede Stadt, die ein solches Radrennen in guter Erinnerung behält, ist vielleicht mal wieder bereit, den großen Aufwand von Absperrungen und Co zu stemmen. Wer weiß, vielleicht gib es irgendwann wieder die U23-Rundfahrt in Thüringen. 

 

Die D-Tour nutzen

Die ASO ist nicht nach Deutschland gekommen, damit es wenigsten ein Etappenrennen hierzulande gibt. Sie machen die D-Tour, um den Radsport anzuschieben und um Sponsoren anzulocken. Große Unternehmen gibt es zu Hauf in Deutschland, und das Potenzial, diese für sich zu gewinnen, scheint für die ASO groß. Die Entwicklung sei positiv, sagt Rach. Für die nächsten Ausgaben in den Jahren 2020 und 2021 habe es schon Gespräche mit zahlreichen Städte-Bewerbern gegeben. 

Es scheint, als bereue man das millionenschwere Investment bei der ASO nicht. Ab wann sich die D-Tour selbst trägt oder gar Gewinn abwirft, ist von außen unmöglich abzuschätzen. Aber wer es mit dem Radsport in Deutschland hält, wünscht sich sicher, dass man diese D-Tour auch anderweitig nutzt, um den Sport anzuschieben.

Ein Abendkriterium vor dem Start ist vielleicht eine gute Sache. Vielleicht gelingt es auch, in den Städten der Jedermann-Tour ein Jedermann-Event unabhängig der ASO zu etablieren. Die regionalen Medien kommen mit dem Sport in Kontakt und sind vielleicht offener gegenüber dem Radsport. Das gilt auch für die Regionalprogramme der ARD.
Auch der BDR sollte sich Gedanken machen, wie man die Steil-Vorlage der ASO nutzen könnte.