So wie in diesem Jahr wird es das Team Katusha-Alpecin 2020 nicht mehr geben. Ausrüster Canyon steht offenbar vor dem Absprung und Sponsor Alpecin wird das Engagement wohl nicht fortsetzen. Offiziell gibt es von Alpecin keine Aussage, aber der Ausstieg bei Katusha scheint besiegelt. Dass Katusha-Alpecin abgesehen von der sportlichen Talfahrt in großen Problemen steckt, machte während der Tour de France die Runde. Es hieß, den Fahrern und Angestellten wurde mitgeteilt, dass man nach Lösungen für die Probleme sucht und sobald als möglich Klarheit schaffen will. Doch dies geschah bis heute nicht. Offiziell heißt es, man arbeite daran. Der Wunsch sei, das Team fortzuführen. 

 

Wer stopft die Budget-Lücke?

Um das Team weiterzuführen müsste die Budget-Lücke, die der Abgang von Canyon und Alpecin reißt, gefüllt werden. Hinter dem 2008 gegründeten Katusha-Team steckt der ehemalige russische Radfahrer und Multimillionär Igor Makarov. Im Sommer gab es Gerüchte, Makarov würde zur Not das eigene Portemonnaie öffnen, um die Zukunft des Rennstalls zu sichern. Doch Anzeichen dafür gibt es bislang nicht. Es wurden keine neuen Fahrer verpflichtet und eine öffentliche Aussage gibt es ebenfalls nicht. Hingegen verdichten sich die Anzeichen dafür, dass man versucht, mit einem anderen Team zu fusionieren. 

 

Zusammenschluss oder Verkauf der Lizenz

Eine Fusion mit einem anderen Team könnte für beide Seiten sinnvoll sein. Elf Fahrer haben bei Katusha für 2020 einen Vertrag, darunter auch der Roubaix-Zweite Nils Politt. Der Kölner hat mit starken Leistungen überzeugt und ist das positive Aushängeschild des Teams, das abgesehen von ihm eher enttäuschte. Für den neuen Partner würde neben Politt und dessen Teamkollegen vor allem die World-Tour-Lizenz von großem Interesse sein. Denn würde man diese für 2020 behalten, wäre ein Tourstart garantiert. Es gab Gerüchte, dass das Katusha-Management um Alexis Schoeb mit der ProConti-Mannschaft Israel Cycling Academy über eine Fusion verhandelt.

Doch für alle potenziellen Fusionspartner gilt die Frage zu beantworten, ob man an eine erfolgreiche Zukunft eines Projektes glaubt, dessen Management-Struktur in den vergangenen Jahren kaum Erfolge vorzuweisen hat, und beispielsweise beim Thema Marcel Kittel für Negativschlagzeilen sorgte. Für eine solche Fusion muss man zudem bedenken, dass nur dann die bestehenden Verträge Gültigkeit haben, wenn der “Paying Agent” gleich bleibt. Das würde bedeuten, dass bei einer Fusion entweder die weiterlaufenden Verträge des einen Teams, oder des anderen Teams Gültigkeit behalten. 


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Dies muss natürlich auch beim Verkauf der Lizenz betrachtet werden. Potenzielle Abnehmer für die World-Tour-Lizenz gibt es einige. Insgesamt 23 Mannschaften haben Interesse für eine World-Team-Lizenz bekundet. Es können aber laut Reglement maximal 20 Mannschaften eine Lizenz erhalten. In Zukunft soll es sogar nur noch 18 Erstliga-Mannschaften geben. 

Neben den World-Tour-Teams haben sich auch die ProConti-Teams Vital Concept-B&B Hotels, Team Total Direct Energie, Arkéa Samsic, Cofidis und Israel Cycling Academy für eine Lizenz beworben. Neben diesen Teams könnten aber auch ganz neue Player an der Übernahme der Lizenz interessiert sein. 

 

Welchen Wert hat die Lizenz

Eine World-Tour-Lizenz ist ohne Frage wertvoll, denn sie ist die Startgarantie für die Tour de France. Allein das garantiert eine mediale Aufmerksamkeit, die man anderweitig nur mit erheblichem finanziellen Aufwand realisieren könnte. Im konkreten Fall dürfte auch der gültige Vertrag von Nils Politt den Wert steigern. Denn er ist einer der besten Klassikerfahrer der Welt und könnte im Frühjahr für Furore sorgen.

Doch der Wert der Lizenz dürfte mächtig gesunken sein. Denn laut UCI-Reglement muss neben finanziellen, ethischen und administrativen Kriterien auch eine sportliche Bedingung erfüllt sein. Diese ist laut aktuellem UCI-Reglement so definiert, dass die ersten 18 Mannschaften des World Rankings die sportliche Voraussetzung erfüllen, für die Lizenz der Saison 2020 zusätzlich die Mannschaften auf den Positionen 19 und 20, insofern sie auch 2019 eine World-Tour-Mannschaft waren. 

Doch Katusha-Alpecin zählt aktuell im World Ranking der Teams nicht zu den besten 20 Mannschaften. Somit stellt sich die Frage, ob man bei der Übernahme der Lizenz des Teams überhaupt einen Platz in der World Tour sicher hat. Die UCI führt für Lizenz-Qualifikation eigene, nicht öffentliches Rankings und informiert die Teams über den aktuellen Stand.

Auszug aus dem Reglement
Auszug aus dem Reglement
Auszug aus dem Reglement

Was die Anwendung der UCI-Regeln und mögliche Ausnahmen betrifft, haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass auch kurzfristig Änderungen möglich sind. Noch im Herbst 2018 hatte man am Rande der WM in Innsbruck die neue Reform vorgestellt. Doch Teile davon wurden im Sommer verändert und angepasst. Gut möglich also, dass es in den kommenden Monaten erneut Änderungen gibt. 

 

Stichtag 1. Oktober

Möglicherweise herrscht bald Klarheit, selbst wenn das Team den Mitarbeitern und Fahrern weiterhin keine Freigabe erteilt. Denn laut UCI-Reglement müssen zum 1. Oktober die Lizenzunterlagen bei der UCI eingereicht werden. Geschieht dies nicht, können die Fahrer ihre bestehenden Verträge für 2020 kündigen. Bei der Einreichung der Unterlagen am 1. Oktober müssen mindestens 10 Fahrer unter Vertrag stehen. Bis zum 15. Oktober müssen es aber mindestens 15 sein. Also müsste man, insofern man die anderen Teile der Unterlagen vorschriftsmäßig einreicht, bis zum 15. Oktober weitere Fahrer verpflichten, um eine Chance auf eine Lizenz zu haben.

 

Was bedeutet das für Fahrer wie Nils Politt?

Nils Politt hat einen gültigen Vertrag und ist solange gebunden, wie das Team ihm keine Freigabe gibt. Laut Reglement dürfte er nichtmal mit anderen Teams verhandeln. Doch sollten die Lizenzunterlagen nicht fristgerecht eingereicht werden, könnte er kündigen und sich ab Oktober einen neuen Arbeitgeber suchen. Im Falle von Nils Politt ist davon auszugehen, dass er zu jedem Zeitpunkt ein neues Team finden würde. Er ist ein herausragender Klassikerfahrer und es dürfte einige Teams geben, die ihn gern verpflichten würden. Doch für Fahrer wie Rick Zabel oder Jenthe Biermans ist die Situation sicher weniger angenehm. Denn auch sie haben einen bestehenden Vertrag für 2020 bei Katusha-Alpecin und dürften nicht so leicht einen neuen Arbeitgeber finden. Je später es eine Freigabe gibt, falls das Team sich auflöst, desto schwerer wird es, irgendwo mit einem ordentlichen Vertrag unterzukommen. 

 

Was machen Canyon und Alpecin?

Canyon hat Mathieu van der Poel langfristig an sich gebunden und konzentriert sich stärker darauf. Zudem rüstet man auch das Team Movistar aus. Alpecin wird dem Radsport wohl ebenfalls als Sponsor erhalten bleiben. “Alpecin ist bereits seit 70 Jahren im Radsport engagiert und fördert den Sport seither in unterschiedlichsten Facetten”, heißt es aus Bielefeld und man darf wohl davon ausgehen, dass sich das Engagement 2020 nicht nur auf den Hobbysport-Bereich beschränkt.

 

20 WT-Teams bringen Probleme

Sollten wirklich 20 World-Tour-Lizenzen vergeben werden, hätte dies einen Einfluss auf die Rennen und die Teams. Denn dann hätten beispielsweise die Grand-Tour-Organisation nur noch 2 Einladungen zu vergeben. Zudem sollen laut dem geplanten neuen Reglement die beiden besten UCI ProTeams (aktuelle ProConti) eine Startgarantie bei den Grand Tours bekommen. Das könnte beispielsweise dazu führen, dass sich kein italienisches ProConti-Team mehr für den Giro qualifizieren könnte. So würde das die nicht berücksichtigten Teams gegenüber der Sponsoren sicher in eine schwierige Situation bringen.

Spätestens ab November herrscht in Sachen World-Tour-Lizenzen Klarheit, denn dann will die UCI den Lizensierungsprozess abgeschlossen haben und die Lizenzen vergeben.