Pascal, 13 Saisonsiege, allein sieben in der World Tour, die ersten beiden Grand-Tour-Etappensiege und das Ciclamino beim Giro – wie viele von 10 möglichen Punkten würdest du einem Sprinter für diese Ausbeute geben?

Also während der Saison hätte ich mir dafür so sieben Punkte gegeben, jetzt mit etwas Abstand nach der Saison würde ich mir dann schon fast 10 geben. Denn viel mehr wäre da kaum möglich gewesen.

Warum hättest du es während der Saison anders bewertet?

Man sieht während der Saison einfach nur das Tagesergebnis, ärgert sich über jeden zweiten Platz und hat nicht mehr so präsent, was in den Wochen zuvor war. Aber wenn man nun im Nachhinein auf die Ranglisten der Siege schaut, dann war ich schon überrascht, wie weit oben ich da stehe.

Pascal Ackermann im Ciclamino beim Giro erfolgreich

Da schaust du während der Saison nicht drauf?

Ich wusste schon, wie viele Siege ich hatte, aber ich habe nie nach den anderen Fahrern geschaut. Ich wusste nicht, wie viele Siege haben jetzt andere Sprinter, wie etwa Elia Viviani oder Dylan Groenewegen.

Der Giro war deine erste Grand Tour und mit der Geschichte um Sam Bennett im Vorfeld, der 2018 beim Giro sehr erfolgreich war, aber in diesem Jahr nicht nominiert wurde, war der Druck sicher besonders groß. Doch es ist dir mehr als gut gelungen, den Vertrauensvorschuss des Teams zurückzuzahlen. Würdest du sagen, der erste Sieg beim Giro könnte einer dieser Momente gewesen sein, die eine Karriere nachhaltig beeinflussen? 

Das Team hat mir im Vorfeld keinen Druck gemacht. Man hat mir gesagt, dass sie mit einem Etappensieg super happy wären, aber man einen langfristigen Plan verfolge. Aber ich selbst habe mir natürlich schon Druck gemacht, weil ich genau wusste, was Sam da im Jahr zuvor geleistet hat und ich wollte nicht viel schlechter rauskommen als er, denn sonst wäre das Gespött groß gewesen. Wir haben vor dem Giro extrem hart dafür gearbeitet, haben die ganze Saison auf diese Woche ausgelegt und wollten beim Giro das Bestmögliche rausholen. Wie lange wir danach die Saison durchstehen können, wollten wir einfach abwarten, denn wir hatten keine Erfahrung wie sich eine Grand Tour auswirkt. 


Völlig losgelöst – Die Entwicklung des Pascal Ackermann


Und was hat deine erste Grand Tour mit dir gemacht?

Mich auf ein ganz anderes Grundlevel gesetzt (lacht). Ich bin danach Rennen gefahren und es hat nur noch Spaß gemacht. Teilweise habe ich gedacht, wir könnten jetzt noch etwas schneller fahren, aber die anderen haben gesagt: hier fahren wir jetzt nicht mehr schneller. Dadurch, dass ich früher nie lange Rennen gefahren bin, haben schon die Einwochen-Rundfahrten gut angeschlagen, aber dass ich jetzt die drei Wochen so durchgestanden habe, hat mich noch einmal wo ganz anders hingebracht.

Deine Siege beim Giro haben einen Hype ausgelöst – gab es danach mal einen Moment, wo es dir zu viel war?

Ja, im Giro haben ich es schon gemerkt. Ich konnte am Start kaum noch ins Village (Anmerk. der Redaktion: in der Nähe des Einschreibe-Podiums gibt es einen VIP-Bereich mit Kaffee und Essen, in dem sich auch die Fahrer aufhalten können) und einen Kaffee trinken, weil ich sofort umringt war und keine Ruhe mehr gefunden habe. Ich bin dann an manchen Tagen lieber mit den Jungs im Bus geblieben und erst später zum Start gefahren. Nach dem Giro war ich dann so kaputt, dass ich erstmal Ruhe brauchte und dahin bin, wo mich keiner kennt. Auch bei den Rennen danach war es schon extrem und ich war froh, dass es danach etwas abgeklungen ist. 

“Seinen Jungs” zu Dank verpflichtet – neben Paweł Poljański (links) & Rudi Selig gehört beim Giro auch Michael Schwarzmann zum “Team Ackes”

Mit Erfolg kommt Aufmerksamkeit und ganz sicher auch viel Lob und Schulterklopfen von allen Seiten – hast du für dich einen Weg gefunden, damit umzugehen?

Klar, ist das schon viel und es darf nicht zu krass werden. Ich habe gesehen, dass ich etwas verändern muss, um weiter Spaß zu haben. Aus diesem Grund bin ich nach Österreich gezogen, wo auch Rudi (Rüdiger Selig) und Schwarzi (Michael Schwarzmann) wohnen und wir zusammen trainieren können. Dort habe ich ein Sport-Umfeld und meine Ruhe, sodass ich dort bin, wenn ich diese Ruhe brauche. Aber wenn ich meine Familie oder Freunde sehen will, dann fahre ich nach Hause. Ich denke, ich habe da einen guten Weg gefunden.

Wenn du dir für 2020 ein Rennen aussuchen könntest, dass du gewinnen könntest – welches Rennen wäre das?

Mailand-Sanremo (grinst).

Uff, dass ist ein Brett.

Klar, aber man muss Ziele haben und ich würde es gern versuchen. Ich weiß nicht, wie ich mit der Distanz klar komme und wie es anschlägt, aber wenn man darauf hintrainieren würde, könnte es irgendwann etwas sein.

Ist es realistisch für dich, das Training so zu gestalten, dass du bei Mailand-Sanremo mit Top-Form starten könntest?

Wir müssen als Team schauen, wie wir die Saison aufbauen, aber das wird erst noch im Detail besprochen. Es gibt viele schöne Rennen und einige Ziele.

Wie schwer würde es dir fallen, im Jahr 2020 auf einen Start bei der Tour de France zu verzichten?

Das hängt vom Alternativ-Programm ab und welche Ziele ich vom Team gesetzt bekomme. Ich könnte mir schon vorstellen, dass ein anderes Programm sehr gut sein kann. Gerade mit dem Profil der Tour 2020 stellt sich die Frage, ob ich es überhaupt will. Klar, ich will irgendwann zur Tour, aber ob es jetzt nächstes Jahr ist, oder übernächstes Jahr, ist mir im Moment egal. Mir sind eher die grundsätzlichen Ziele, die wir gemeinsam setzen, wichtig.

Apropos grundsätzliche Ziele, ich habe dir schon öfter gesagt, dass ich es bedauere, das du in die Sprinter-Richtung gehst, weil ich dich viel lieber bei den Klassikern sehen würde …

… ich auch (lacht laut). 

Bleiben die Klassiker also im Hinterkopf, sind aber grad nur etwas nach hinten geschoben?

Also eigentlich war ich immer derjenige, der gesagt hat, dass er nicht im Feld rumsitzen will, sondern jemand bin, der Rennen fahren will. Das ist auch immer noch so. Auf der anderen Seite bin ich im Moment so schnell unterwegs – warum soll ich die Siege herschenken? Ich habe zum Team gesagt, dass ich auch unbedingt mal ein Rennen Vollgas fahren will. Das habe ich auch in diesem Jahr gesagt und dann sind wir bei der EM Vollgas gefahren. Danach war ich eine Woche voll kaputt und habe mir gedacht: ok, vielleicht warte ich damit noch ein bisschen. 

Also ist die Klassikerkarriere nur aufgeschoben?

Ich will schon Rennen fahren, auch die Klassiker fahren. Noch nicht im nächsten Jahr und auch nicht übernächstes Jahr, aber irgendwann schon.

War die EM vielleicht auch deshalb eines der schönsten Rennen der Saison?

Das war definitiv das geilste Rennen. Es hat am meisten Spaß gemacht. Klar, ich habe am Ende mega gebibbert, ob es noch für eine Medaille reichen kann, aber es war schon ein geiles Rennen. Auch wenn ich nur Dritter geworden bin und wir an den Start gegangen waren, um zu gewinnen. Dennoch war es für mich persönlich das schönste Rennen in diesem Jahr.

Es war auch für die Zuschauer ein tolles Rennen und beeindruckend, was ihr da gemacht habt. War es vielleicht hinterher so, dass du auch etwas anders wahrgenommen wurdest, schließlich hast du schon etwas den Sprinter-Stempel?

Das geht mir schon das ganze Jahr so. Ich fahre schon immer lieber ein Rennen wo es hart ist und habe gezeigt, dass mir es liegt, wenn vor dem Sprint richtig hart gefahren wurde. Aber nun wurde ich in die Sprinter-Schublade gepackt und da sind einige dann überrascht, dass ich bei den härteren Rennen vorn ankomme. Aber das ist genau das, was mir liegt.

Etappensieg bei der Deutschland Tour – Pascal Ackermann

Gibt es einen Klassiker, abgesehen von Mailand-Sanremo, den du gern fahren würdest?

Also Paris-Roubaix würde ich gern mal probieren. Aber das hat Zeit. Wir haben mit Peter (Sagan) einen Fahrer im Team, der dort schon gewonnen hat und auf dem Pflaster zur absoluten Weltspitze gehört, aber irgendwann möchte ich mich dort auch mal ausprobieren. 

Klingt gut.

Natürlich möchte ich auch gern einen belgische Klassiker probieren, gerade mit meinem neuen Grundlevel nach dem Giro und der Erfahrung von zwei Jahren.

Gent-Wevelgem wäre vielleicht was für dich.

In diesem Jahr wäre es von der Rennbelastung zu viel gewesen und man muss abwarten, wie mein Programm 2020 im Detail aussieht. Aber irgendwann will ich so Dinger schon mal testen.

Und weil dir die EM so gut gefallen hat, käme auch der E3-Prijs in Frage?

Bestimmt (lacht).

Danke für das Gespräch, Pascal.