Die Vorgabe für die Rubrik “mein bester Tag” war, dass ich mich auf einen (Renn)Tag beschränken muss. Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde meine Entscheidung. Das Jahr 2010 war meine letzte Saison in der U23 – den 13. Juni in Erfurt werde ich nie mehr vergessen.


Die Deutsche Meisterschaft (der Klasse U23) fand 2010 in Erfurt statt. Schon zu Saisonbeginn war klar: Das sollte mein absolutes Saisonhighlight sein, an dem Tag sollte alles ausgerichtet werden. Klar, auch die WM im Herbst war ein Ziel, aber die DM in Thüringen, auf dem Kurs der Hainleite, war das wichtigste Rennen des Jahres für mich.

Ich bin in Bayern aufgewachsen und habe auch dort mit dem Radsport begonnen. Später bin ich dann nach Erfurt gewechselt und für das legendäre Thüringer Energie Team gefahren. Natürlich sollte die DM als Heimspiel UNSER Rennen sein. Wir waren damals wirklich ein fantastisches Team. Die May-Brüder (Sebastian und Maximilian), Marcel (Kittel), aber auch alle anderen waren fest verbunden. Es war eine geile Zeit! 10 Uhr Abfahrt am OSB (Olympiastützpunkt), nachmittags ins Café, abends haben wir zusammen gekocht oder sonst was gemacht.

Ein echtes Team

Als Team waren wir unglaublich stark, die Favoriten für die DM, und haben alles auf eine Karte gesetzt – ich sollte gewinnen. Es war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich diesen Druck spürte. Ich wollte unbedingt gewinnen, für uns, für das Team, für mich. Aber auch von außen gab es viele Einflüsse. Da liest du in der Thüringer Allgemeinen über dich und das Rennen. Diese Erfahrung hat mir ganz sicher für den Rest meiner Karriere sehr geholfen.

Vollgas die Arnstädter Hohle hinauf

Die Strecke der Hainleite war für mich nicht perfekt, aber die Spezialisierung ist in der U23 noch nicht so, wie bei den Profis. Zum Parcours gehörten die Schlussrunden mit dem 1 km langen giftigen Anstieg der Arnstädter Hohle (Strava). Unser Team hatte ein Heimspiel, wir waren die Favoriten und mussten auch früh Verantwortung übernehmen. Die anderen guten Teams, wie die Cottbuser oder die Baden-Württemberger zeigten auf uns, als es darum ging, den Ausreißern nachzufahren. So mussten wir früh sehr viel investieren.

Die Jungs waren unglaublich, an diesem Tag. Mein Kumpel Basti (Bügel) beispielsweise, den ich als 12-Jähriger kennengelernt hatte, hat sich für mich die Seele aus dem Leib gefahren und ist dann nicht mal ins Ziel gekommen. Noch heute sprechen wir manchmal über dieses Rennen.
Es ist sich genau ausgegangen, hätten wir auch nur einen Mann weniger gehabt, wäre ich isoliert gewesen und vermutlich chancenlos. Aber die Jungs haben sich komplett aufgeopfert und mich perfekt auf die Schlussrunden gebracht.

Ein unbeschreibliches Gefühl

Auf den Schlussrunden war es an mir, anzugreifen. Ich erinnere mich, wie ich die Hohle hochgeballert bin – ein unbeschreibliches Gefühl. Ich war dann allein vorn, musste noch einmal “die Hohle” hinauf. Es war genau so, wie ich es mir vorher ausgemalt hatte.

Ich bin allein angekommen, bei dem Rennen, das für uns so wichtig war, in der Stadt, in der ich mit meinen Freunden lebte und trainierte. Mega. Ein wunderschöner Moment, und für meine ganze Karriere einzigartig, denn sonst musste ich immer bis zur Linie voll sprinten.

Zeit für Genuss — Solo-Sieg für Degenkolb

Es kam einfach alles zusammen, an diesem Tag und die Party war richtig geil. Wir konnten es nicht ausufern lassen, weil zwei Tage später die Thüringen Rundfahrt begann. Das haben wir dann aber nach der Thüringen Rundfahrt, bei der es ebenfalls super lief, nachgeholt.

Als Profi habe ich noch ein paar große Rennen gewinnen können, was ohne Frage besondere und großartige Momente waren. Aber dieser Sieg in Erfurt, diese absolute Unterstützung meiner Kollegen und Freunde – ist einfach outstanding. Genau das sind die Momente, die den Verlauf einer Karriere beeinflussen. Ich bin so dankbar, diesen Tag erlebt zu haben.

Legendär – Team Thüringer Energie wenig später bei der Thüringen Rundfahrt – Schädlich, Steigmiller, Nuber, Degenkolb, Bürgel, May

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