Ineos – Teamwork!

Wer gewinnt hat selten viel falsch gemacht. Das Team Ineos Grenadiers hatte zwei Fahrer am Ende des Critérium du Dauphiné auf dem Podium – Richie Porte in Gelb und Geraint Thomas auf Rang drei. Doch nicht nur wegen des Ergebnisses dürfte man im Team zufrieden sein – die Art und Weise beeindruckte. Und das auf mehreren Ebenen.

Zum einen nutzte das Team jede Chance die sich bot, um Akzente zu setzen. Der Etappensieg von Geraint Thomas ist dafür das beste Beispiel. Dazu setzte man das Team geschickt ein. Tao Geoghegan Hart und Geraint Thomas opferten sich auf den beiden Schlussetappen für Richie Porte auf – dass man “das Gelbe” trotz kniffligen Situationen am Schlusstag ins Ziel brachte, dürfte dabei Selbstbewusstsein geben.

Eine weitere Ebene ist die intelligente Aufteilung der Leader-Rollen. Das fällt schon die gesamte Saison auf. Ivan Sosa bekam bei der Tour de la Provence die Unterstützung von Egan Bernal, nun war es Porte, der bei der Dauphine eine der wenigen Lücken in seinen Palmares schließen konnte. Nach dem Rennen betonte er im Siegerinterview, wie wichtig dieser Sieg für ihn ist. Er sagte auch, dass seine Rolle für die Tour klar ist – er wird Helfer sein.

Ineos gelingt es 2021 bislang herausragend, den vielen Siegfahrern ihre Chancen zu geben, selbst Erfolge einzufahren. Dazu liefern die Top-Fahrer bislang ab, wenn es darauf ankommt. Richie Porte wird sich bei der Tour nun für die Hilfe seiner Kollegen revanchieren können – mit einem fetten Sieg im Gepäck, wird er sich sicher gern aufopfern. Die geschickte Verteilung der Kapitänsrollen hat eine mentale Komponente, die man nicht unterschätzen sollte!


Wilco Kelderman – Tour kann kommen

Ein besonders explosiver Fahrer war Wilco Kelderman noch nie, dafür liegen ihm die langen Anstiege und das Zeitfahren. Doch der Niederländer mischte sich zuletzt mehrfach bei leichten Bergauf-Ankünften vorn mit ein. Das zeigt seine gute Form, aber auch sein Selbstbewusstsein.

Beim Critérium du Dauphiné verpasste er das Podium um schlappe vier Sekunden. Doch nicht nur das reine Ergebnis lässt für die Tour aufhorchen. Kelderman fuhr clever, wirkte bergauf extrem stark und aus seinen Äußerungen nach den Etappen konnte man seine Klarheit und große Erfahrung heraushören.

Es scheint so, als habe dieses Podium beim Giro 2020 dem Niederländer einen Schub an Bestätigung gegeben, der ihn deutlich nach vorn bringt. Klar, Kelderman war in der Vergangenheit oft ein Fahrer, der das Sturzpech magisch anzuziehen scheint. Er wird sicher kein Radakrobat wie Peter Sagan mehr werden, aber wenn Selbstvertrauen Ruhe gibt, wirkt das auf mehreren Ebenen.

Wilco Kelderman scheint bereit für die Tour de France. Für ihn lauern die Gefahren in der ersten Woche – Wind, Hektik, Stürze, knifflige Finals. Aber kommt er gut bis zum ersten Ruhetag durch, sollte man ihn im Kampf um die Top5 lieber nicht unterschätzen!


Colbrelli – “Kampfschwein”

Sonny Colbrelli war nie ein Top-Sprinter. Endschnell, aber nicht wie die Sprint-Monster Marcel Kittel, Mark Cavendish oder Sam Bennett. Aber Colbrelli kann bergauf lange mithalten. Manchmal sind im Feld nur noch schmale Bergfahrer zu sehen, und mittendrin der dagegen wuchtig wirkende Colbrelli. Dann ist fast klar, wer den Sprint gewinnt – so wie bei der Dauphine. Dass es nur ein Etappensieg für Colbrelli war, statt drei, lag an den Ausreißern.

Fußball-Analogien sind im Radsport verpönt – aber wäre Marc Wilmots kein Fußballer, sondern Radprofi geworden – er wäre ganz sicher ein Fahrertyp wie Sonny Colbrelli gewesen!


Movistar – es geht aufwärts

Hinter dem Team Movistar liegen schwierige Jahre. Die Valverde-Landa-Quintana-Soap hat viele Fans die Augen rollen lassen. Große Erfolge waren Mangelware. Man steuerte gegen, baute das Team um und tatsächlich – es geht sichtbar in die richtige Richtung! Wie Alejandro Valverde und Enric Mas “Superman” Lopez unterstützen, wirkte wie ein gut eingespieltes Teamwork. Ebenso die Vorbereitung für Valverdes Etappensieg. Dass der Altmeister das dann auch umsetzte, wird zusätzlich Auftrieb geben.

Miguel Angel Lopez fehlt noch ein wenig Form, um bei der Tour bei den Top-Leuten mitzufahren. Aber die Mannschaft scheint extrem verbessert und mit neuem, funktionierendem Gefüge. Man darf auf die Tour gespannt sein – es geht ihnen sicher nicht nur um die Teamwertung!


Jumbo-Visma – Kuss & Kruijswijk müssen noch zulegen

Bei der Tour de France will man mit Primoz Roglic endlich den Sieg einfahren. Der Slowene bereitet sich akribisch vor und wird sicher in Top-Form am Start stehen. Gegen Titelverteidiger Tadej Pogacar und die Ineos-Armada wird Roglic auch auf seine Helfer angewiesen sein. Sepp Kuss und Steven Kruijswijk sind wohl für die Berge als wichtige Stützen eingeplant – beim Critérium du Dauphiné waren sie noch nicht in der Verfassung, ganz vorn mitzufahren. Die Leistung ist kein Grund, in Panik auszubrechen, aber es bleiben keine drei Wochen bis zum Tourstart!


Mark Padun – Unglaublich!

Dass Mark Padun über reichlich Talent verfügt, zeigte sich bereits in den Nachwuchsklassen. Sieg beim Flèche du Sud, Podium bei der Rundfahrt Valle d’Aosta und Top5 beim U23-Giro – allein diese Ergebnisse belegen das. Doch was Padun beim schweren Finale des Critérium du Dauphiné abfackelte, war unfassbar!

Er gewann die beiden Schlussetappen, in einer Art und Weise, die staunen ließ. Am letzten Tag wurde im Feld der Favoriten am Col de Joux Plane richtig schnell gefahren – aber Padun baute den Vorsprung noch aus! Mit solch einer Leistung gehört er zu den absoluten Top-Fahrern! Die mentale Komponente nach dem ersten Sieg darf man nicht außer Acht lassen, aber es wird sehr interessant sein zu beobachten, ob er diese Leistung künftig stabil wiederholen kann. Kann er das, gehört er bald zur absoluten Weltspitze.