Dass Giovanni Aleotti den Scouts von Bora-hansgrohe aufgefallen war, überrascht nicht. Fast alle Teams hatten den jungen Italiener auf dem Zettel. Allein der Blick in die Ergebnislisten der bedeutenden Nachwuchsrennen weckte Interesse: Zweiter der Tour de l’Avenir, 4. des Baby-Giro, Italienischer U23-Meister. „Wir hatten viel Positives über ihn gehört, waren davon beeindruckt, wie er Rennen fährt und auf dem Rad sitzt. Natürlich wollten wir ihn kennenlernen“, erzählt Dan Lorang rückblickend.

Nach dem Treffen stand fest, dass man Aleotti gern mittelfristig binden möchte. „Es wurde schnell klar, dass er ein sehr offener Mensch ist, der sehr gut Englisch spricht und auch von seinem Charakter her sehr gut zu uns passen würde“, so Lorang. Aleotti lebt den Radsport, interessiert sich sehr für die wissenschaftlichen Hintergründe seines Trainings und ist zumindest in Interviews sehr höflich, nett und zurückhaltend.

Nach dem Gespräch mit der Bora-Teamleitung und Dan Lorang steht Aleottis Entscheidung fest – er geht zu Bora-hansgrohe. „Ich habe darauf geschaut, wie das Team aufgestellt ist, wie es sich entwickelt hat und auch, wie sich die Kletterer, also Fahrer die in etwa meinem Typ entsprechen, verbessert haben“, sagte Aleotti im Januar im Gespräch mit CyclingMagazine. Er kannte Matteo Fabbro bereits zuvor und sprach mit ihm über Bora-hansgrohe. Auch Fabbro ist einer der Fahrer, die bei Bora eine positiven Entwicklung genommen haben.

Aleotti bei der Sibiu Tour

Passion

Giovanni Aleotti kam durch seinen Vater zum Radsport. Dieser war Hobbysportler und übertrug die Leidenschaft auf seinen Sohn. Später unterstütze die Familie Giovanni Aleotti bei dessen Radsportkarriere. Man merkt Aleotti schnell an, dass er sehr wissbegierig ist. Er studiert Sportwissenschaft nebenher und nutzt jede Gelegenheit, Wissen aufzubauen. Als er nach der Schule anfing zu studieren, konnte er sich noch nicht vorstellen, Radprofi zu werden. Später war es ihm wichtig, diesen Plan B neben der Karriere zu verfolgen. Als Vollzeit-Profi ist dies nun sicher nicht mehr so einfach.

Was seine sportlichen Ziele betrifft gibt sich Aleotti sehr zurückhaltend. Auf die Frage, ob er vielleicht einmal ein guter Klassementfahrer werden könne, sagt er: „Das ist viel zu früh, um sich darüber Gedanken zu machen. Ich muss noch so viel lernen. Klar, darf man träumen, aber ich muss mich noch so viel verbessern“. So wie er es sagt, wirkt es nicht wie Koketterie.

Sein Talent hat sich rumgesprochen und in Italien verglich man ihn schon mit Vincenzo Nibali. Darauf angesprochen, ob er denn ein „junger Nibali“ sei, regierte er mit einem Lachen. „Oh, das wäre schön. Es ist eine große Ehre mit ihm verglichen zu werden und natürlich wäre es ein Traum, das zu erreichen, was er geschafft hat.“ Aleotti lässt keine Zweifel daran, dass ihn noch Welten von seinem Landsmann trennen.

Potenzial

Der Plan vom Team ist klar, man will ihn langsam aufbauen und in die Weltspitze führen. Die Corona-Pandemie macht es Neo-Profis nicht leicht, sich in die WorldTour einzufinden. Doch Aleotti gelang das schnell. Er ist ein umgänglicher, intelligenter junger Mann. „Er hat absolut das erfüllt, was wir erhofft hatten. Eigentlich hat er das sogar übertroffen. Er geht toll mit seinen Teamkollegen um, ist als Helfer absolut verlässlich“, sagt Lorang.

Aleotti fand schnell seinen Platz im Team, rutschte ins Giro-Aufgebot und verbrachte vor der Italienrundfahrt gemeinsam mit Emanuel Buchmann ein Höhentrainingslager. Der Plan des Teams ging auf – die Kombination aus „erfahrener Leader und junger Schüler“ funktionierte gut. Beide sind sehr ehrgeizig, arbeiteten aber gut zusammen. Beim Giro war Aleotti dann als Helfer eingeplant, sollte Buchmann bestmöglich unterstützen. Sein Trainer, Sylwester Szmyd, war lange selbst ein exzellenter Domestik und gab ihm wertvolle Tipps: „Immer den Kapitän sehen können, eng bei ihm bleiben. Du musst stets bereit sein – wenn er Flasche verliert, die Jacke abgeben will, solche Sachen“, sagte Aleotti im Gespräch mit CyclingMagazine vor dem Giro. Doch Aleotti konnte sich dann nicht so in Szene setzen, wie er es gehofft hatte. Auch weil Buchmann frühzeitig nach dem Sturz das Rennen aufgeben musste.

Aleotti feierte am zweiten Ruhetag seiner ersten Grand Tour seinen 22. Geburtstag und beendete das Rennen als 80. Nur vier Fahrer im Giro-Feld waren jünger als er. Drei von ihnen, Evenepoel, Schmid und Jorgenson gehören auch zu seinem 1999er Jahrgang. Nur der 18-jährige Andrii Ponomar ist deutlich jünger als Aleotti.

Das Podium der Sibiu Tour – Fabio Aru, Aleotti und Michal Schlegel

Natürliches Potenzial

„Giovanni ist ein toller Fahrer, der noch reichlich natürliches Potenzial mitbringt und ich hoffe, dass er in den nächsten Jahren auch selbst Ergebnisse einfahren kann“, sagte Lorang im Mai. Nun holte der 22-Jährige bei der Sibiu Tour den Gesamtsieg. Klar, eine 2.1 Rundfahrt mit nur zwei WorldTeams, aber für Aleotti ein wichtiger Erfolg. Junge Fahrer bekommen nicht viele Chancen, sich als Kapitän zu zeigen und auf eigene Kappe zu fahren. Umso wichtiger, diese dann zu nutzen. Aleotti gilt zurecht als großes Talent, dass sich Schritt für Schritt an die Weltspitze heranarbeiten kann, wenn alles passt. Bei Bora-hansgrohe scheint man große Stücke auf ihn zu halten und ihn fördern zu wollen. Man darf gespannt sein, was man von diesem jungen, zurückhaltenden Rundfahrt-Talent noch zu sehen bekommt. Bis mindestens Ende 2023 ist er bei Ralph Denk gebunden, für Fahrer und Team bleibt viel Zeit, gemeinsam zu wachsen.