Nach gut neun bis zehn Stunden Schlaf startet der Tag im Trainingslager für den Schweizer Radprofi Slivan Dillier. Erste „Diensthandlung“ im Camp ist der morgendliche Gesundheits-Check mit wiegen, Morgenpuls messen und Blutdruck nehmen. „Mit den Daten kann unsere Performance-Abteilung monitoren und beurteilen, wie erholt wir Fahrer sind und wie stark uns das Training bislang gefordert hat“, so der Team Alpecin-Fenix-Profi. 

Danach geht es direkt ab zum Frühstück. Je nach anstehender Trainingseinheit gibt es dann ein leichtes, ein normales oder ein großes Frühstück. „Wenn wir beispielsweise sogenannte Fatmax-Trainingseinheiten absolvieren, bekommen wir ein kohlenhydratreduziertes Frühstück, damit wir den Fettstoffwechsel möglichst gut stimulieren können“, so Dillier. Ziel dieser Trainingsform ist nicht, Fett zu verlieren, sondern effizienter Fett zu verbrauchen und es in Leistung umzuwandeln. Hier wären zu viele Kohlenhydrate hinderlich, um das Trainingsziel zu erreichen. Der Team-Koch ist in den Trainingsplan eingeweiht und richtet sich danach. Bei Fatmax-Einheiten bereitet er dann an solch einem Morgen einfach mehr Eier beziehungsweise Omeletts zu. 

Trotz des Bekochens ist jeder Fahrer für sich dafür verantwortlich, was und wie viel er isst. „Jeder muss dann für sich selbst das Frühstück kalkulieren. Wir orientieren uns an einer Nutrition-Guideline, aus der wir ablesen können, wie hoch die einzelnen Nährwerte für die Gerichte sind. Aber wer sich beispielsweise das Porridge noch mit Honig versüßen möchte, muss das Ganze halt noch mal neu berechnen“, so Dillier.

Gesetzt den Fall, der Fahrer wird satt dann hat er zwei Möglichkeiten. Entweder: „Er wartet erst einmal fünf bis zehn Minuten zu, bis das Sättigungsgefühl einsetzt“, so Dillier. Oder: Er diskutiert das mit dem Performance-Staff aus, um eine Lösung zu finden. „Die Jungs aus der Performance-Abteilung überlegen sich so viel und kalkulieren das wirklich so genau, dass man als Fahrer ziemlich gut dabei bist, wenn man sich einfach strikt an die Vorgaben hält. Dann wird der Energiebedarf abgedeckt, den wir brauchen“ so der amtierende Schweizer Meister.

Der optimale Trainings-Mix

Nachdem Frühstück bleibt den Fahrer gar nicht allzu viel Zeit, bevor wir sie sich in den Sattel schwingen. Schnell noch einen Kaffee an der Bar trinken, bevor sie sich umziehen und sich dann in der Fahrradgarage des Hotels treffen.

Last Minute ist nicht angesagt, denn fünf bis zehn Minuten vor der eigentlichen Abfahrt versammelt sich die Trainings-Bubble. Dann gibt es die letzten Instruktionen vom Coach oder der sportlichen Leitung, was für den Tag auf dem Plan steht. Und dann geht es auch schon los. Apropos Bubble: „Wir sind immer in unserer eigenen Trainings-Gruppe zusammen und versuchen, dies auch in der Lobby und beim Essen zu respektieren. Das hat einen einfachen Grund: Wenn jemand positiv ist aus einer anderen Gruppe, ist nicht gleich das gesamte Team betroffen“, erklärt Dillier das Procedere.  Immerhin sind wir im Trainingslager mit rund 35 Fahrern. Die Gruppen umfassen sieben bis zehn Fahrer. Je nach Trainingsprogramm sind wir dann zwischen zwei und sechs Stunden pro Tag unterwegs. 


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Auf dem Trainingsplan für die Fahrer stehen in den zehn Tagen Trainingslager ganz unterschiedliche Einheiten.  Neben dem erwähnten Fatmax-Training fahren sie VO2max-Intervalle, absolvieren ein sogenanntes Medio-Training – die höchste Stufe des aeroben Ausdauertrainings – und sprinten aber auch mal ganz gezielt.

„Beim Sprint-Training geht es zum einen darum, die Explosivität nicht zu verlieren beziehungsweise diese zu trainieren. Zum anderen hilft uns ein Lead-out-Training auch, die Distanzen und unsere Kraft besser einzuteilen. Es geht darum zu wissen, wie sich 300 oder 150 Meter All-out bis zur Ziellinie anfühlen. Dies ist ja nicht nur für die reinen Sprinter wichtig, sondern auch für die Anfahrer beziehungsweise alle, die an der Sprintvorbereitung beteiligt sind“, sagt Dillier.

Einen Tag mussten die Fahrer auch zum Leistungstest: aber nicht auf den Rollentrainer, sondern an einem Anstieg im Naturpark Desierto de Las Palmas wurde das Leistungsvermögen der Profis ermittelt. Verschiedene Intervalle mit ganz unterschiedlichen Intensitäten bis hin zur Ausbelastung wurden gefahren, davor und danach Blut angenommen.

Aus den so gewonnenen Daten und Blutlaktatwerten können die Coaches mithilfe einer speziellen Software nicht nur ein Stärken- und Schwächen-Profil ableiten, sondern auch ein metabolisches Profil für jede Fahrer erstellen inklusive dem Energie- sowie Kohlenhydratverbrauch für bei unterschiedlichen Intensitäten und auch Trainingsbereiche bestimmen.

Spätes Mittagessen

Wieder zurück vom Training ist der erste Ansprechpartner der Mechaniker. Denn die Schrauber müssen sich darum kümmern, dass bis zum nächsten Morgen wieder alles in Ordnung ist – ob die Discs nochmal justiert werden müssen oder die Schaltung feiner eingestellt werden muss. „Ich habe – ehrlich gesagt – nie etwas gefunden, was nicht funktioniert hat. Unsere Mechaniker machen echt einen super Job. Es gab also immer von mir den Daumen hoch, wenn ich zurückgekommen bin“, lobt Dillier die Arbeit der Mechaniker.

Noch bevor die Fahrer ins Hotelzimmer zum Duschen gehen dürfen, gibt es den obligatorischen Recovery-Shake. Aber das ist nicht mehr der Klassiker, bei dem Wasser mit Pulver angerührt wird. „Unser Performance Team hat sich was Neues überlegt. Wir bekommen von unseren Soigneuren einen Frucht-Smoothie mit etwas Protein drin frisch gemixt. Schmeckt auch leckerer“ sagt Dillier. Nach dem Duschen wird dann das Mittagessen serviert – zugegeben verspätet. „Teilweise essen wir den Lunch halt erst um 15:00 Uhr oder sogar 15:30 Uhr.“

Freizeit und Team-Meeting

Ab dann hat Fahrer im Endeffekt Freizeit beziehungsweise kann sich die Zeit ein wenig freier einteilen. Die einen legen sich hin, andere lesen ein Buch, wieder andere sitzen beispielsweise in der Lobby zusammen und trinken einen Kaffee. Es gibt auch Tage, in denen die Fahrer ein individuelles Meeting mit dem Coach haben, um das Trainingsprogramm zu besprechen oder massiert werden.

Rund eineinhalb Stunden nach dem Mittagessen gibt es allerdings noch einen eiweißreichen Snack. „Das ist wichtig, da wir über den Tag verteilt Protein aufnehmen sollen“, erklärt Dillier den Sinn dieses Zwischenimbisses. 

15 Minuten vor dem Abendessen bespreche sich die Fahrer in ihren Trainingsgruppen mit den Coaches und Sportlichen Leiter: „Wir bekommen ein Feedback, was gut war oder was wir vielleicht im Training für die nächsten Tage verbessern können. Wir als Fahrer können natürlich auch unseren Teil dazu beitragen, wie vielleicht eine veränderte Routenführung.“

Nach dem Abendessen macht dann jeder, was ihm Spaß macht. Mal wird sich noch locker unterhalten, mal etwas gespielt wie Schach oder Karten. „Ich nutze dann die Zeit mit meinen Kindern zu telefonieren, ehe sie ins Bett gehen.“ Zwischen 21 und 22 gehen die Fahrer dann wieder zurück in ihre Zimmer. „Bevor ich schlafen gehe, mache ich noch ein wenig Stretching.  Ich habe mir das zum Ritual gemacht, das relaxt mich und ich bin nicht bis zur letzten Minute am Telefon oder irgendwie digital beschäftigt. So kann ich dann ruhig ins Bett gehen und einschlafen.“