Der Giro geht in die entscheidende Phase. Vom Veranstalter bewusst gestaltet, steht die Schlusswoche voll imKampf um Rosa. Klar, es wird auch um Etappensiege und das Bergtrikot gekämpft, aber der große Spannungsbogen bleibt der Kampf um das Podium dieser 105. Italien-Rundfahrt. Die Sprinter wird man kaum vermissen, der Kampf um das Ciclamino ist der von Arnaud Demare gegen das Zeitlimit bei den Monster-Bergetappen.
Die Gesamtwertung vor den letzten sechs Etappen ist eng, zumindest ganz vorn. Guillaume Martin als Gesamtzehnter hat bereits mehr als acht Minuten Rückstand – es wäre wohl ein verrückter Giro, würde er noch einmal in den Kampf ums Podium eingreifen können. Auch Juan Pedro Lopez, der viele Tage mit einer herausragenden Leistung in Rosa fuhr, ist wohl kein Kandidat für das Podium. Es bleiben acht Fahrer, die um die drei Plätze auf dem Podium kämpfen. Auf diese wird nun genau eingegangen.

Jai Hindley – der Herausforderer
Mit nur sieben Sekunden Rückstand liegt Jai Hindley nahezu ideal klassiert. Sein Team muss Rosa nicht verteidigen und das Rennen machen, aber er ist so nah dran, dass alles möglich ist. Jai Hindley stand bereits auf dem Podium des Giro, ging 2020 in Rosa ins Abschlusszeitfahren und musste es am Schlusstag an Tao Geoghegan Hart abgeben. Hindley ist also kein Fahrer, der aus dem nirgendwo kommt, dennoch ist seine Leistung bislang auch ein wenig überraschend. Überraschend gut! Denn die gute Vorbereitung wurde kurz vor dem Giro gestört, als er krank wurde. Bislang liefert er ein überragendes Rennen, ist explosiv und bergfest.
Natürlich möchte Hindley den Giro gern gewinnen, doch auch ein Platz auf dem Podium wäre für sein Team herausragend. Bora-hansgrohe hat zwei Etappensiege in der Tasche, nun noch den Podestplatz absichern und man hätte eine exzellente Giro-Bilanz. Doch das Team agiert anders, fährt nicht auf absichern, sondern auf Attacke. Das wird sich, zumindest bis zum vorletzten Tag sicher auch nicht ändern. Carapaz wird Hindley keinen Meter Luft geben. Im Gegenteil. Auch die andere Konkurrenz hat nach dem Galaauftritt des Teams auf dem Weg nach Turin großen Respekt vor Bora-hansgrohe und wird dementsprechend agieren. Allianzen gegen Carapaz zu schmieden, wird nicht leicht, dafür ist Hindley zu stark.
Das bisherige Terrain lag dem Australier sicher sehr gut. Nun kommen die langen Berge, die Dauer-Watt/Kg-Anstiege. Auch das kann er, in Top-Form! Aber er darf sich keine Schwächephase leisten, darf nicht an Leistungsfähigkeit einbüßen und muss mit dem steigenden Druck umgehen können. Mit Hindley muss Bora-hansgrohe keine verrückten Aktionen bringen. Er kann bei Carapaz bleiben und versuchen, in den Finals der Etappen etwas Zeit herauszuholen, sollte das möglich sein. Er ist so nah dran, am Rosa Trikot, dass ein kleiner Fehler von Carapaz reicht. Es bleiben noch ausreichend Gelegenheiten, Rosa anzugreifen – wichtig für die nächsten zwei Tage wird vor allem, die super Position im GC nicht zu verlieren. Dann bleibt alles offen, vor allem mit diesem starken Team im Rücken.

