Das Podium der Vuelta: Enric Mas, Remco Evenepoel, Juan Ayuso

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Remco – das Wunderkind wird erwachsen

An dieser Stelle könnte man einen kilometerlangen Text über die Karriere von Remco Evenepoel schreiben. Über das Wunderkind, das vom Fußball aufs Rad wechselte und im Handumdrehen die Weltspitze in den Junioren neu definierte. Der Kerl, der mit 18 in die WorldTour kam und direkt den WorldTour-Klassiker in San Sebastián gewann. Der Bursche, der als Teenager so gehypt wurde, dass er mit den Erwartungen in die Profi-Karriere startete, der „neue Eddy Merckx“ werden zu müssen. Dieser Kerl, der als 19-Jähriger ein komplettes Fan-Sortiment vertrieb, zum Star wurde und schnell die ganze Wucht der Sportstar-Welt zu spüren bekam. Das alles soll hier nur angerissen werden, denn dieses Kapitel seiner Geschichte ist längst auserzählt.

Evenepoel ist ein extrem ehrgeiziger junger Mann, der sich dem Hype nicht entziehen konnte. Der im doppelten Sinne hart landete, bei der Lombardei-Rundfahrt 2020, bei der er schwer stürzte und sich schwer verletzte. Er hatte zuvor alle Rennen gewonnen, bei denen er 2020 gestartet war. Vier Rundfahrten, vier Siege. Dann der Sturz, der alles veränderte.

Sein erstes Rennen nach dem Unfall war der Giro d’Italia. Die Ansprüche an ihn waren nicht kleiner geworden. Er wurde genau beobachtet. Die Kritik und die Häme, die er einstecken musste, als er beim Giro nicht konkurrenzfähig war, war enorm. Es hat sich einmal mehr gezeigt, dass die Über-Talente zwar große Massen anziehen, aber auch die Kritiker, Neider und vor allem Hater im Netz. Evenepoel bemühte sich, einen Panzer zuzulegen, doch seine Art, teils gestenreich und aufbrausend, lässt ihn oftmals arrogant wirken. Er sieht sich selbst als Radprofi der Extraklasse, so muss er auch mit den Begleiterscheinungen umgehen.

Wie sehr ihn die Kritik nach dem Giro getroffen hatte, wurde im Interview nach der 20. Etappe deutlich. „Ich denke, ich habe jene Kritik, die ich im letzten Jahr bekommen habe, nun mit meinen Beinen beantwortet“, sagte er in dem Moment, als der Druck abfiel, der Vuelta-Sieg klar war.

Es war keine leichte Vuelta für den Belgier, auch wenn er souverän siegte. Der dumme Sturz, der sich zwei Tage später auswirkte, als er das einzige Mal richtig wackelte. Aber er brach nicht zusammen, er kämpfte sich durch. Das war ein Moment der mentalen Stärke, eine Situation, in der einige in Panik geraten, zusammenbrechen. Er hat diesen Moment überwunden. Ganz sicher hat es ihm dabei geholfen, bereits andere Rückschläge weggesteckt zu haben.

Danach hat Remco abgeliefert, jeden Tag. Er hat souverän die Interviews geführt, seine Teamkollegen gelobt und ihnen gedankt. Er hat erklärt, wie wichtig die Erfahrungen als Anfahrer für Fabio Jakobsen im Frühjahr waren, wie dankbar er für die Unterstützung des Teams sei. Im obligatorischen Siegerinterview der Organisation wirkte er müde. Kurze Antworten, die gleichen Worte, die er schon hundertfach den Journalisten gesagt hatte. Genau das war einer der Momente, wo man sich in Erinnerung ruft, dass der Belgier erst 22 Jahre alt ist und beeindruckt ist, aber längst routiniert.

Vor der Vuelta standen drei große Fragen im Raum, bezüglich Evenepoel und seiner Fähigkeit als Grand Tour Fahrer. Kann er drei Wochen? Kann er in der Höhe Leistung bringen? Und vor allem: Ist er mental in der Lage, mit Rückschlägen umzugehen, ein Team zu führen und dem Druck standzuhalten? Remco Evenepoel hat alle Fragen mit „ja“ beantwortet. Er ist 22 Jahre alt, hat sich nach einem schlimmen Sturz zurückgekämpft, hat in diesem Jahr ein Monument gewonnen und eine Grand Tour.

Das Wunderkind ist erwachsen geworden. Er will eine Pause machen, im Winter heiraten. Hoffentlich bekommt er die Zeit, das alles zu verarbeiten und findet einen Weg, mit den nun nochmals gestiegenen Erwartungen umzugehen. Gelingt ihm das, könnte die Radsportwelt noch viel Freude an ihm haben – denn ob man ihn mag, oder nicht, er ist einer der besten Radsportler der Welt.

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