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Primoz Roglic – verständliche Reaktionen & Fragen für die Zukunft

Es fiel Primoz Roglic offensichtlich nicht leicht, die eigene Leaderrolle aufzugeben und Sepp Kuss den Vortritt zu lassen. Er bekam von Fans und Experten viel Kritik, für seine Attacke gegen Sepp Kuss am Angliru. Durchaus unberechtigt, denn die Mannschaft hatte den drei Leadern gesagt, sie können sich gegenseitig attackieren, solange davon die Konkurrenz nicht profitiert. Damit war die Aktion von Roglic legitimiert, doch den eigenen Teamkollegen im Leadertrikot anzugreifen, wenn die gesamte Konkurrenz bereits abgehängt ist und man zu dritt vom eigenen Team an der Spitze fährt, kommt nicht super an. Verständlicherweise.

Doch, man sollte sich in die Rolle des Primoz Roglic versetzen, bevor man zu hart urteilt. Im Winter musste Roglic die Kröte schlucken, dass Vingegaard der Mann für die Tour ist und Roglic „nur“ Giro und Vuelta bleiben. Die Tour de France – das ganz große Karriereziel des Slowenen.

Roglic gewann den Giro, lieferte eine perfekte Saison – gewann alle Rennen, bei denen er 2023 antrat! Eine unfassbar starke Leistung, der eine extreme Trainingsbereitschaft und der absolute Wille zum Sieg zugrunde liegen.

Roglic kam also zur Vuelta als Kapitän. Ihm wurde mit Jonas Vingegaard, dem Toursieger, ein weiterer Kapitän an die Seite gestellt. Jubelstürme löste das sicher nicht aus. Für Roglic begann die Vuelta nicht optimal, aber solide. Er stürzte dann auf der dritten Etappe – nicht extrem wild, aber nicht ideal. Dann kam Etappe 6 – die taktisch super fürs Team war – weil Kuss viel Zeit auf Evenepoel rausholte und dieser unter Druck war. Das Zeitfahren war sehr gut – nur 20 Sekunden Rückstand auf Evenepoel, Rang drei.

Roglic lieferte, er machte seinen Job so, wie man es von ihm erwartete, holte sogar noch einen Etappensieg. Er war sehr gut in der Gesamtwertung platziert – Kuss eben voraus, wegen der taktischen Flucht an Tag sechs. Am Tourmalet war es dann Vingegaard, der zuerst angriff. Taktisch richtig, denn so konnten Roglic und Kuss dahinter kontrollieren, auch Vingegaard in der Gesamtwertung vorrücken. Dann ging Kuss, und Roglic war in seinem Rennen eingeschränkt. Er wartete bis auf den letzten Kilometer, zündete erst dann den Turbo, kam noch auf Rang drei. Doch Roglic verlor so Zeit auf seine Kollegen.

Auf Etappe 16 spielte das Team wieder die Karte Vingegaard. Dieser holte den Sieg, schien nun gemeinsam mit Roglic der stärkste Fahrer im Rennen zu sein. Roglic blieb in der Gruppe der Favoriten und sicherte ab – so zog Vingegaard in der Gesamtwertung vorbei. Am Angliru – einem der bedeutungsvollsten Anstiege der Vuelta wollte dann Roglic auch seinen Sieg – legitimiert von der Teamtaktik griff er an und siegte. Es hagelte Kritik, weil er das Rote Trikot – den Teamkollegen – angegriffen hatte.

Aus der Perspektive eines sehr ehrgeizigen, trainingsfleißigen Primoz Roglic erscheint die Attacke „gegen Kuss“ nicht verwerflich. Roglic ist Kapitän, ihm wurde diese Rolle angedacht – über Jahre. Er muss den Druck des Leaders aushalten, bekommt im Gegensatz viel Geld und die Unterstützung der besten Mannschaft der Welt. Zudem hatte das Team ihm ja grünes Licht zur Attacke gegeben.

Zukunftsfragen

Primoz Roglic ist extrem ehrgeizig, er ist ein Siegertyp. Er will nicht Radrennen fahren, um Spaß zu haben. Er geht ans Limit, alles für den Sieg. Am 29. Oktober wird Roglic 34 Jahre alt. Die Saisons, bei denen er um große Siege mitfahren kann, scheinen gezählt. Ein ganz großes Ziel hat er noch – die Tour de France. Doch bei Jumbo-Visma ist er „nur“ Kapitän Nummer zwei. Muss sich unterordnen, wie auch jetzt bei der Vuelta. Mit Johannes Staune-Mittet rückt bei Jumbo-Visma das nächste Über-Talent in die WorldTour auf. Matteo Jorgenson stößt auch zum Team.

Primoz Roglic wird sich vielleicht die Frage stellen, ob er bei seinem aktuellen Team noch einmal die Chance bekommt, bei der Tour de France ohne Kompromisse auf Sieg zu fahren. Man darf durchaus gespannt sein, ob er auch im nächsten Jahr noch im gleichen Team fährt – Vertrag hat er noch.
Ob tatsächlich, scheint dabei von ihm, aber auch von den Zusagen des Teams abzuhängen. Gerüchte, über interessierte Teams gibt es schon länger. Abwarten.

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