Schmerzliebe
Was machen die da? Diese Frage tauchte während der 13. Etappe vielleicht im Kopf einiger Beobachter auf. Denn wer bereits einen Blick auf die anstehenden Etappen geworfen hat, wunderte sich eventuell über der Fahrweise des Pelotons. Es gab zwar schon einige „lockere“ Etappen – nun scheint das Peloton eher am Gegenteil interessiert. „Die Fahrer machen das Rennen“ – der alte Spruch mit unbestrittenem Wahrheitsgehalt – legt nahe, dass das Peloton dieser Tour de France nun ganz offensichtlich viel Leidenswillen und ein ausgeprägtes Faible für Beinschmerzen besitzt.
Statt im Kontrollmodus in Richtung Pyrenäen-Wochenende zu rollen, wurde direkt die Popcorn-Maschine angeworfen. Adam Yates – vor der Etappe Gesamtachter – sprang in die starke Gruppe des Tages und drückte Visma | Lease a Bike die Verantwortung fürs Rennen in die Hand. Diese wiederum nutzten die erste Chance bei Seitenwind, das Feld komplett zu zerlegen. Anschließend wurde einfach weiter geballert und sich am Ende bei jeder Welle hart an den Ohrläppchen gespielt.
Die Tour ist die Tour – Haushalten gibt es nicht, jeder Tag wird volley genommen. „Ich bin die Etappe wie ein Eintagesrennen gefahren, hab mich voll verausgabt“, sagte John Degenkolb im Ziel der ARD. Brutal hart war diese Etappe – das bestätigten viele Fahrer. Warum an morgen denken, wenn ich mir heute komplett den Stecker ziehen kann? Beeindruckend, zumal der schwerste Teil dieser Tour erst noch in der brutal schweren dritten Woche kommt! Wenn das sportlich nun so weiter geht, ist jeder Fahrer* ein Held, der das Rennen überhaupt bis zum Ende durchsteht!
Zum Thema Schmerz in Radrennen sei an dieser Stelle auf die Theorie des Radsport-Philosphen Jens Voigt hingewiesen: Ihm zufolge gibt es ein ‚gebendes‘ und ein ’nehmendes‘ Ende des Schmerzes. Die einen Fahrer (meist vorn) geben den Schmerz, die anderen (meist hinten) empfangen ihn. An dieser Tour de France 2024 ließe sich vielleicht eine Studie zur Wechselwirkung der beiden Radsport-Schmerzpole vornehmen. Die zu überprüfende These wäre: Wer heute schmerz empfängt, hat morgen umso größeres Vergnügen, Schmerzen zu senden. Den Fans gefällt das!
* das Über-Duo mal ausgenommen



