Lernprozess – Lipo das Megatalent

Florian Lipowitz hat erst recht spät zum Radsport gefunden. Die Geschichte des ehemaligen Biathleten, der wegen einer Verletzung aufs Rad stieg und dies nun gegen die Skier tauschte, ist längst bekannt. Seine physiologischen Fähigkeiten sind beeindruckend, das wurde schon bei seinen Radmarathons deutlich. Wie gut Lipowitz tatsächlich ist, zeigte er schon als Neo-Profi deutlich. Ohne Rückschläge verläuft seine noch junge Rad-Karriere nicht – das Aus beim Giro war sehr bitter. Nun bestreitet er die Vuelta – fährt bärenstark und trägt vor der Schlusswoche als Gesamtsechster Weiß.
„Lipo“ besitzt ohne Frage extrem viel Talent. Doch ihm steht in Sachen Profiradsport noch ein Lernprozess bevor, will er sein Potenzial voll ausschöpfen. Ihm fehlt an einigen Stellen wohl auch etwas die Erfahrung aus dem Nachwuchsbereich. Das zeigt sich vor allem in Sachen Taktik. Bei der Vuelta ließ er beispielsweise Ben O’Connor ziehen, als sich dieser das Rote Trikot holte. Solch einen Fahrer darf er nicht einfach fahren lassen. Doch genau hier ist auch das Team gefragt, muss man Lipowitz an die Hand nehmen – im Rennen und danach. Ihm die Möglichkeit geben, zu lernen. Auch mit Druck umzugehen, Fehler zu verarbeiten und sich zu entwickeln.
Florian Lipowitz fährt eine extrem starke Vuelta, ist einer der besten Kletterer im Rennen und agiert vor allem als Helfer für Roglic. Dabei sollte man bedenken, dass er seine erste Grand Tour (den Giro 2024) nach nur fünf Tagen aufgeben musste – diese Vuelta erst seine zweite Grand Tour überhaupt ist! Lipowitz muss erst einmal selbst erfahren, was die dritte Woche einer Grand Tour bedeutet, wie der Körper reagiert, was die mentale Belastung mit den Beinen anstellt und wie man sich in einem Team verhält, wenn der Körper am Limit ist, und darüber hinaus. Hier sind Teamleitung und Kollegen gefragt, ihn dabei zu begleiten.
Florian Lipowitz steckt mitten in einem Lernprozess, der wohl noch einige Zeit dauern wird. Die Erfahrungen, die er bei dieser Vuelta machen kann – an der Seite von Primoz Roglic – können extrem wertvoll sein. Bietet man ihm ein Umfeld, in dem er lernen kann, lässt man Fehler zu, hilft man ihm dabei, dass er aus diesen lernt und trägt er weiter auch selbst dazu bei, dass er voran kommt, dann ist das Ergebnis dieses Prozesses offen.
Für Lipowitz gibt es in diesem Lernprozess noch einiges zu entdecken – die Radsportfans (nicht nur in Deutschland) haben bislang großen Spaß daran, ihm dabei zuzusehen!



