Remco Evenepoel ist eines der größten Radsport-Talente der vergangenen 30 Jahre. Die Liste seiner Erfolge ist lang und für einen jungen Mann, der mit 25 Jahren noch immer Teil der Nachwuchswertung bei großen Rennen ist, wirklich beeindruckend! Evenepoel ist Doppel-Olympiasieger, Weltmeister auf der Straße und im Zeitfahren, mehrfacher Monument-Sieger und Grand-Tour-Champion. Insgesamt 64 Siege hat er bereits eingefahren – eine beeindruckende Bilanz. Nun hat ihn das deutsche WorldTour-Team Red Bull-Bora-hansgrohe zur Saison 2026 vom Team Soudal-QuickStep abgeworben. Eine bedeutender Transfer, der für beide Seiten Chancen bietet aber auch Gefahren birgt.

Der Transfer zum Team von Ralph Denk – eine lange Geschichte

Evenepoel ist vielseitig, zählt bei den hügeligen Klassikern und auch im Hochgebirge zu den allerbesten Fahrern. Er hat Lüttich-Bastogne-Lüttich gewonnen und stand bei der Tour de France auf dem Podium. Kurzum – an seinen Fähigkeiten gibt es keinen Zweifel. Kein Wunder also, dass auch Ralph Denk bereits vor Jahren Anstrengungen unternahm, Evenepoel ins Team zu holen. Bereits 2021 sah Denk die Chance ihn vom damals strauchelnden QuickStep-Team zu verpflichten. Das klappte nicht und Evenepoel blieb beim Team von Patrick Lefevere, der den Fortbestand der Mannschaft sichern konnte. Von Denks forschem Bemühen einer Verpflichtung trotz bestehenden Vertrags war Lefevere nicht angetan und äußerte Kritik. Man muss allerdings die Umstände in die Betrachtung einbeziehen. Damals stand Lefevere vor unsicherer Zukunft mit seinem Team, hatte bei den Gesprächen mit Denk wohl auch auf das Ausloten einer möglichen Fusion beider Teams gehofft – Denk hatte aber nur Interesse an Remco, das er intensiv verfolgte.

Dass Ralph Denk solch großes Interesse an Evenepoel hat, liegt an dessen Potenzial – vor allem für die Tour de France. Das Gelbe Trikot ist und bleibt das ganz große Ziel, was man in Raubling verfolgt. Der Toursieg wäre die Krönung, auch für Denk. Die Toursieger der vergangenen Jahre sind in Verträgen fest gebunden, schaute man auf Fahrer mit Potenzial, gilt Evenepoel als Top-Herausforderer von Wunderkind Tadej Pogacar. Die beste Option im kleinen Kreis der potenziellen Toursieger.

Als es nicht gelang Evenepoel zu verpflichten, wurde die Suche nicht eingestellt. Del Toro konnte man nicht für sich gewinnen, dieser entschied sich für UAE Team Emirates. Bei Carlos Rodriguez schätzte man das Potenzial für den Toursieg gegen Pogacar und Vingegaard als nicht ausreichend ein, viele andere Top-Fahrer waren in den vergangenen Jahren nicht verfügbar. Als dann die Chance auf die Verpflichtung von Primoz Roglic kam, schlug Denk zu! Die große Chance, bei der Tour anzugreifen. Doch es stellte sich heraus, dass dieser Plan nicht aufging. Die Tour 2024 musste der erfahrene Slowene früh aufgeben, die Vuelta konnte er dann aber gewinnen – ein bedeutender Erfolg für das Team. Beim Giro 2025 schied er früh aus, bei der Tour landete er auf Rang acht. Gute Ergebnisse, aber das ist nicht der Anspruch im Team von Ralph Denk. Der Toursieg mit Roglic schien in diesem Jahr immer unwahrscheinlicher.

Auch nach der Verpflichtung von Roglic war das Thema Evenepoel in Raubling nie vom Tisch. Erst recht nicht, als das Geld von Red Bull das Team-Budget in neue Sphären hob. Im Jahr 2024 nahm man erneut intensiven Anlauf für eine Verpflichtung, schien lange auf einem vielversprechenden Weg. Doch das Geflecht aus verschiedenen Sponsoren und Interessen ist bei einem solchen Transfer komplex und nicht leicht zu entwirren. Persönliche Sponsoren, Vereinbarungen der Teams mit den Geldgebern, Ausrüster-Deals … eine komplexe Angelegenheit, will man vorzeitig Verträge auflösen, ändern oder umbauen – und dabei alle Parteien zufrieden stellen. Da ist vermutlich die Einigung auf eine „Ablösezahlung“ ans Team eine überschaubare Aufgabe – wenn man über die nötigen Mittel verfügt.

Nun aber endlich gelang der Transfer. Voller Euphorie die Kommunikation des Teams. „Remco steht für einen Anspruch! Er will nicht mitfahren – er will prägen“, so Ralph Denk. „Remco bringt nicht nur außergewöhnliche sportliche Fähigkeiten mit, sondern auch eine bemerkenswerte Mentalität. Seine Zielstrebigkeit, seine Professionalität und sein unbedingter Wille zum Erfolg begeistern mich.“ Die Verpflichtung von Remco Evenepoel sei für Red Bull–Bora–hansgrohe mehr als nur ein Meilenstein, sie sei „ein starkes Signal“. „Mit neuem Selbstverständnis und klarer Ambition will sich das Team mittelfristig als attraktivste Adresse auf der internationalen Radsportbühne etablieren“, heißt es vom Team. Die Kommunikation knapp zusammengefasst: Endlich gelang der Königstransfer und nun wird angegriffen. Gemeint ist auch die Tour de France. Selbstverständlich!

Remco Evenepoel gewinnt das WM-Straßenrennen 2022

Papa, Geld und Druck

Remco Evenepoel wechselte recht spät vom Fußball zum Radsport. Doch schon in den Junioren wurde sein enormes Talent überdeutlich. Er gewann Rennen nicht, er dominierte sie. Gewann auch mal mit mehr als 10 Minuten Vorsprung. Er wurde 2018 auf Ansage Junioren-Weltmeister in Innsbruck und wechselte direkt in die WorldTour zum belgischen QuickStep-Team. Merchandising-Artikel, Fan-Kollektion – all das war schnell am Start. Das Management von Remco übernimmt von Beginn an Papa Patrick Evenepoel. Selbst ehemaliger Radprofi. Er begleitet die Karriere, schaut darauf, dass er für seinen Sohn den besten Weg findet – zu sportlichen Erfolgen, Wohlhaben und Ansehen. Für den jungen und sehr ehrgeizigen Sportler Remco ein wichtiger Rückhalt und eine Vertrauensperson – der er viele Sachen überlassen kann, denen er sich selbst nicht widmen möchte. Allgemeinhin haben „Sportler-Väter“ oft keinen so guten Ruf, weil sie im Drang das beste für das Kind zu wollen, sich auch in Bereiche der Mannschaften oder Trainer einmischen, bei denen eigentlich die Kompetenz und Verantwortung für den sportlichen Erfolg liegt. Remco-Manager Patrick hat klare Vorstellungen und setzt die mit seinen Mitteln und Überzeugungen durch. Damit muss auch sein künftiger Arbeitgeber umgehen.

Finanziell hat sich der Transfer von Remco Evenepoel wohl sicher gelohnt. Doch auch zuvor bezog der Belgier ein üppiges Salär. In Sachen Ablösezahlung an das alte Team sollen von red Bull laut Gerüchteküche zwei Million Euro fließen – das erscheint durchaus angemessen, bei einem Jahr Restlaufzeit des Vertrags. Für sein altes Team wäre das auf jeden Fall ein gutes Geschäft, denn neben dem frei werdenden Gehaltsbudget gibt es noch weiteren Spielraum für Verpflichtungen und Investitionen.

Für Red Bull ist eine Investition in dieser Höhe sicher kein Grund für lange Diskussionen – da ist man von den Fußballvereinen ganz andere Summen gewöhnt. Für Red Bull ist aber nicht nur der zukünftige sportliche Erfolg von großem Wert. Sie binden einen Sportler an sich, der bereits in der Radsportwelt und darüber hinaus bekannt ist. Sein Doppel-Olympiasieg war weltweit eine Hausnummer! Dazu ist Evenepoel in Europa schon in vielen Ländern ein echter Sport-Star. Er weiß sich zu inszenieren, er funktioniert auf Social Media, ist eloquent, medienerfahren, attraktiv, polarisiert in der Fanwelt und bringt auch das nötige Auftreten eines potenziellen Stars der Top-Kategorie mit. Sehr gute Voraussetzungen, die im Hause Red Bull stets eine Rolle spielten.

Mit dem Transfer sind bei Red Bull sicher klare Erwartungen verbunden. Evenepoel kommt als Siegfahrer, als potenzieller Tour-de-France-Champion, als Aushängeschild und Werbefigur. Die Tour ist das größte Rennen der Welt, da liegt die größte Aufmerksamkeit – das ist die Bühne für den größten Gegenwert eines Sponsoren-Investments. Dort muss irgendwann abgeliefert werden. Evenepoel weiß, worauf er sich eingelassen hat.

Remco Evenepoel gewinnt als Weltmeister in Lüttich

Ehrgeiz und Struktur – Argumente für Red Bull

Evenepoel wollte den Druck, und er bekommt den Druck. Vielleicht ist es auch genau das, was er braucht. Sein Ehrgeiz ist groß, seine eigenen Erwartungen riesig. Er wechselt ganz sicher nicht (nur) wegen des Geldes und dem zu erwartenden Vermarktungspotenzial zu Red Bull. Das Team hat in den vergangenen Jahren massiv in die Infrastruktur und das Personal investiert. Das APC – Red Bull Athlete Performance Center – wird bereits voll mitgenutzt, auch in anderen Bereichen kann das Team auf die Red-Bull-Struktur zurückgreifen.

Dazu wurde das Personal verändert, wurden namhafte Leute geholt. „Wir haben Schwerpunkt-Investments gemacht in Sachen Performance, Technical Development mit Dan Bigham. Wir glauben, dass wir in der Ernährung noch etwas verbessern können mit Asker Jeukendrup vorneweg. Und Mental Performance mit York Klöppel, der auch schon mit Verstappen gearbeitet hat. Und das sind eigentlich schon drei Performance-Schwerpunkte, neben den Basics, wie Training, Motivation und Renninstinkt“, sagte Ralph Denk im Januar 2025 im CyclingMagazine-Interview. Die Verpflichtung von Trainer John Wakefield (schon 2024 im Team) erwies sich als super Verstärkung, im medizinischen Bereich wurde Jan Niklas Droste aus der Red-Bull-Struktur wieder mehr zurück in den Radsport geholt.

Für Evenepoel bedeutet der Wechsel zu Red Bull eine Veränderung, in vielen Bereichen sieht er sicher eine Verbesserung. Die Möglichkeiten beim neuen Team sind dank des üppigen Budgets enorm. Das betrifft nicht nur den Performance- und Trainingsbereich, sondern auch die Teamkollegen.

Bei Soudal-QuickStep hatte man sich enorm bemüht, die Mannschaft für die Ziele von Evenepoel umzubauen. Die Klassikerfraktion wurde dezimiert, der Fokus auf Grand Tours und hügelige Rennen gelegt – Evenepoel-Terrain. Mikel Landa wurde verpflichtet, der im ersten Jahr an der Seite von Evenepoel eine herausragende Saison ablieferte – beim Giro 2025 aber früh stürzte und auch für die Tour ausfiel. Mit Valentin Paret-Paintre wurde ein zusätzlicher Kletterer geholt, mit Schachmann ein Fahrer, der auf hügeligem und mittelschwerem Terrain zur Weltspitze zählt und Evenepoel zur Seite stehen sollte. Das Bemühen des Teams war deutlich, doch bei Red Bull-Bora-hansgrohe sind vor allem in Sachen Hochgebirge andere Fahrer im Team. Aleks Vlasov, Jai Hindley, Daniel Martinez, Primoz Roglic, Florian Lipowitz, Giulio Pellizzari … – das Potenzial im Team ist enorm.

Kurzum: Evenepoel wird das Gesamtpaket bei Red Bull, aus Infrastruktur, Team, Gehalt, Möglichkeiten und auch der Tatsache, dass er weiterhin auf Specialized-Material unterwegs ist, überzeugt haben.

Ein Team im Wandel – ein große Herausforderung

Die Personalveränderungen im Team Red Bull-Bora-hansgrohe halten nun schon einige Zeit an. Bekannt sind weitere Veränderungen, auch im Bereich der Sportlichen Leitung. Die Abgänge von Sportdirektor Rolf Aldag und dem Sportlichen Leiter Enrico Gasparotto sind bereits kommuniziert, weitere Personen werden die Mannschaft verlassen. Neu ins Team kommen Sven Vanthourenhout und wohl auch Klaas Lodewyck, der zuletzt Sportlicher Leiter bei Soudal-QuickStep war. Das Team Red Bull-Bora-hansgrohe bekommt ein ganz neu Struktur, in vielen Bereichen. Wie Knack.be berichtet, wird Zak Dempster der neue Sportchef und Tim Meeusen übernimmt die Leitung des Nachwuchsbereiches. Die neue Ausrichtung von Dan Lorang war bereits im Frühjahr klar, er wird etwas vom Team abrücken, aber noch Sportler betreuen.

Es ist ein großer Umbau im Team, auch Personen, die bereits zur Mannschagft gehören, verändern ihren Aufgabenbereich. Meist gehört zu solch intensiven Strukturveränderungen viel Kommunikationsaufwand und es braucht Zeit, ehe die Rädchen ineinandergreifen. Kommunikation – bislang vielfach eine Schwachstelle des Teams.

Und Geduld wäre gefragt. Ist im Spitzensport aber meist rar. Auch Teamchef Ralph Denk ist eher nicht bekannt dafür, besonders geduldig zu sein. Auch bei Sportlern wurde im Team nicht immer die nötige Geduld an den Tag gelegt, wurden auch Kaderentscheidungen überraschend getroffen. Beispielsweise der Abgang von Pascal Ackermann, oder auch der Fall von Nils Politt, dem nach mäßigen Klassikern zunächst kein neuer Vertrag angeboten – er wechselte zu UAE und liefert dort nun konstant ab. Im Fall von Max Schachmann, der an Zytomegalie erkrankte, war es nicht nur mangelnde Geduld, sondern passierten wohl weitreichendere Fehler. Immer wieder berichten Fahrer, dass es schnell unangenehm wird, wenn es mal nicht so läuft.

Nun also kommt Remco Evenepoel als neuer Star, der dem Team endlich den ganz großen Triumph ermöglichen soll, in einer Phase des Umbruchs. Das Team verändert sich stark, für Evenepoel ist es ein neues Umfeld, trotz einiger Begleiter. Wie viel Zeit wird man der „Eingewöhnung“ geben? Ist es realistisch, dass Red Bull und das Team den Fuß vom Gas nehmen und 1-2 Jahre entspannt bleiben, wenn es nicht sofort funktioniert? Oder wird spätestens zur Tour nicht die Frage aufkommen, ob Remco wirklich bereit ist, für das „Projekt Gelb“? Wie geduldig ist Remco selbst, im Anpassungsprozess? Das alles muss man abwarten, doch bei solch Verpflichtung schwingen große Erwartungen mit, die sofort erfüllt werden sollen. Remco ist kein Perspektiv-Fahrer, es ist einer der Top-Fahrer der vergangenen Jahre, der absolute Königstransfer und ganz sicher ist die Erwartungshaltung nicht nur bei den Fans enorm.

Ganz neue Erfahrung für Evenepoel

Vor dem Hintergrund der Entwicklung von Remco Evenepoel als Profi-Radsportler kommt auf den Belgier wohl eine neue Erfahrung zu. In Belgien ist Radsport Kultur, er ist seit den Junioren der „neue Eddy Merckx“. Er ist ein Star, um den sich alles dreht. Er kann Forderungen stellen, weil er abliefert. Er ist das Über-Talent, dass schon als Neo-Profi eine Sonderbehandlung bekam.

Im QuickStep-Team achteten viele Personen drauf, dass er nicht verheizt wird, nicht zu sehr bedrängt oder überlastet wird. Das belgische Team wurde für das Megatalent umgebaut – von der besten Klassiker-Equipe zum „Team Remco“. Nicht nur Patrick Lefevere, der langjährige gewiefte Manager des Teams, hielt schützend die Hand über Remco. So konnte er sich in der „QuickStep-Blase“ vom Megatalent zum Superstar entwickeln.

Seine neue Rolle ist eine ganz andere! Jetzt kommt er als Königstransfer, als Erfolgsgarant, teures Investment. Er muss nun in einem Umfeld liefern, dass nicht mit und um ihn gewachsen ist, er muss nun selbst gestalten und abliefern. Kann er das? Findet man direkt den berühmten „gemeinsam Strang“ an dem Team, Fahrer, Management und Sponsor ziehen? Was passiert, wenn es nicht nach dem Willen von Evenepoel läuft? Bislang waren alle bemüht, eine Lösung nach seinem Willen zu finden, bog sich das Team früher vielleicht sogar ein wenig zu sehr, zumindest wenn es nach Remcos Kollegen ging. Das Konfliktpotenzial ist ganz sicher allen bekannt, aber wie geht man um, wenn es Probleme gibt? Egal, ob Evenepoel dann möglicherweise erkennt, dass sein neues Team noch nicht so weit ist, auf dem Weg zur echten Champions League? Wie gut kann das Management beim Team mit Kritik des neuen Superstars umgehen? Findet man schnell eine Konfliktlösungs-Strategie? Auch auf diese Fragen wird es schnell Antworten brauchen.

Auch das Thema „medialer Druck“ sollte nicht vernachlässigt werden. Hier hat Remco bereits gute Routinen entwickelt, doch auch in diesem Bereich wird es Veränderungen geben. In Belgien ist Evenepoel ein Superstar, mindestens auf dem Level von Manuel Neuer in Deutschland. In Deutschland ist Radsport Nischensport, abseits der Tour spielen die Rennen in den Massenmedien keine Rolle. Das ist auch bei den deutschen Pressevertretern zu spüren, versichern Radprofis. Das wirkt sich dann auch auf die Medienarbeit des Teams und Evenepoel aus. So schrieben beispielsweise einige deutsche Medien, dass Evenepoel nun ins „Lipowitz-Team“ wechselt, die Frage keimte auf, ob man denn Remco überhaupt noch brauche, wo Lipowitz doch jetzt auf dem Tour-Podium stand. Das hat Evenepoel vielleicht nicht mitbekommen, doch er wird wohl bald Fragen beantworten müssen, mit denen er so vermutlich nicht rechnet. Er absolviert die Pressetermine meist sehr souverän, schon als Junior und auch bei den bisherigen Media-Events seiner Mannschaft. Doch es ist durchaus zu spüren, wenn er genervt ist. Das kann im kommenden Jahr durchaus mehrfach passieren, spätestens im Vorfeld der Tour de France. Auch hier ist vielleicht gegenseitiges Anpassungspotenzial gefragt.

Eine Frage der Strategie

Der wichtigste Punkt in der Beurteilung der Zusammenarbeit von Evenepoel und Red Bull-Bora-hansgrohe sind die sportlichen Erfolge. Gewinnt Evenepoel große Rennen und irgendwann die Tour, ist es die Super-Erfolgsgeschichte. Doch in Zeiten von Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard, den neuen Supertalenten Del Toro, Ayuso, Torres & Co. sind Megaerfolge sicher kein Selbstläufer. Auch nicht für Evenepoel. Dazu muss das Team sich nun strategisch auch im sportlichen Bereich optimal aufstellen. Dass in Deutschland direkt die Frage gestellt wird, warum die Mannschaft denn jetzt Evenepoel holt, wo sie doch Florian Lipowitz haben, muss man sich gefallen lassen. International wird das anders betrachtet, sprechen auch die bisherigen Erfolge des Belgiers für sich – doch nur die Tour ist die Tour und da zählt es eben, in Deutschland sowieso und für Sponsor Red Bull international ebenfalls.

Im CyclingMagazine-Interview sagte Ralph Denk Anfang 2025 noch: „Es ist wahrscheinlich menschlich, wenn jemand sagt, ich liebe den Radsport, aber ich bin jetzt nicht bereit, da 24/7 mitzugehen. Aber der ist dann vielleicht in einem anderen Umfeld besser aufgehoben, als hier in diesem ambitionierten Projekt.“ Eine klare Ansage. Bei Fahrern im Team war in diesem Jahr eine Verunsicherung zu spüren, auch wegen des anhaltenden Umbaus. Nun kommt Evenepoel als der Super-Star, da stellen sich viele Fahrer die Frage, was das für ihren Job bedeutet. Bei Primoz Roglic ist es nie wirklich gelungen, ihn in das Teamgefüge zu integrieren, dass man bei den Rennen als Einheit auftrat und optimal funktionierte. Für den Erfolg mit Evenepoel ist das aufgrund seiner Persönlichkeit vielleicht sogar noch wichtiger, als mit einem Leader wie Roglic.

Remco Evenepoel muss nun der Anführer sein, die Mannschaft hinter sich bringen, sodass Helfer und Personal alles geben, für ihren Kapitän. Vertrauen schaffen, Hingabe zeigen, keine Schwäche und Zweifel aufkommen lassen, am eigenen Willen und dem Einsatz für das Kollektiv. Sonst wird man nicht bedingungslose Aufopferung erwarten können. Doch gelingt das Evenepoel im neuen Umfeld besser, als zuletzt? Wie sieht die Mannschaft die Ziele? Was wollen die Sponsoren? Kann man tatsächlich das bestmögliche Team zur Tour de France schicken, in dem sich alle für Evenepoel aufopfern? Oder braucht es eine Doppelspitze? Wie gehen die Leader damit um, wenn sie nicht „alleiniger Kapitän“ sind? Wachsen Zweifel am Rückhalt, oder sieht man es als gemeinsame Stärke? Bei QuickStep war man über Jahre bei den Klassikern eine eingeschworene Mannschaft – nannte sich das „Wolfpack“. Bei den großen Rennen ging man mit mehreren potenziellen Siegern ins Rennen, der Erfolg des Teams war das Ziel – das wurde oft erreicht. Auch, weil die Wölfe wussten, dass für jeden im Rudel ausreichend Beute ist. Eine Mentalität, die bei QuickStep mit Evenepoel zuletzt wohl bröckelte. Woran das lag bleibt Spekulation.

Remco Evenepoel bei er Tour 2025 (Foto: © Cor Vos)

Konklusion

Das Team Red Bull-Bora-hansgrohe hat einen der besten Radsportler der Welt verpflichtet, der Konzern Red Bull eine super Werbefigur dazu gewonnen. Für den sportlichen Erfolg setzt man alle Hebel in Bewegung, hat nun einen super Kader. Doch die Veränderungen brauchen wohl Geduld und einen schlauen Umgang mit immensem Potenzial im gesamten Stab. Das Management des Teams wird beweisen können, was es drauf hat.

Remco Evenepoel wird Druck aushalten müssen, sich auf neue Gegebenheiten einstellen müssen, Flexibilität zeigen und verschiedenartige Erwartungen erfüllen. Das gilt aber auch andersrum! Die Mannschaft muss beweisen, dass sie das Potenzial von Evenepoel ausschöpfen kann, ihn begleiten, fördern und entwickeln – multidimensional. Funktioniert dieses Zusammenspiel, wird dieser „Königstransfer“ den Erwartungen gerecht und beschert allen Beteiligten große Erfolge. Funktioniert es nicht, kann auch dieser Transfer floppen.

Sicher scheint, dass die Bewertung dieses Transfers am Ende über die sportlichen Erfolge definiert wird. Gewinnt Remco Evenepoel in absehbarer Zeit die Tour de France, können sich alle Beteiligten feiern lassen. Bleiben die Erfolge aus, wird der Druck stetig wachsen. Das gehört zum Business. Fans und Medien können sich schon jetzt auf die neue Saison freuen – an interessanten Themen und potenziellen Diskussionen wird es nicht mangeln.