Europameisterin war Marlen Reusser schon drei Mal in ihrer Karriere, der WM-Titel fehlte. Doch beim 31,2 Kilometer langen Parcours in der ruandischen Hauptstadt Kigali holte sich die 34-Jährige das Regenbogentrikot. Die Schweizerin kam erst spät zum Radsport, aber fuhr sich Stück für Stück in die absolute Weltspitze. Nun ist die Bernerin die Nummer eins der Welt im Kampf gegen die Uhr.

Angesprochen auf ihr erstes Top 20 Resultat vor sieben Jahren in Innsbruck musste sie schmunzeln. Denn damals absolvierte sie ihr zweites WM-Rennen, gefördert noch über das World Cycling Centre in Aigle. Ein Jahr zuvor hatte sie ihre erste Lizenz gelöst. 2019 folgten die ersten Straßenrennen mit dem Entwicklungsteam der UCI, danach wechselte sie zu Equipe Paule Ka und über das slowenische Team Alé BTC Ljubljana stieß sie in die Women’s WorldTour vor. Schon damals eroberte sie Silber bei den Olympischen Spielen im Zeitfahren und sorgte damit nicht nur für ihr internationales Renommee, sondern auch dafür, dass sie zu den bekannteren Sommersportlerinnen ihres Landes gehört. Rückenwind für den Radsport in der Schweiz.

“Es geht ab“, war ihre kurze Antwort auf die Frage, nach dem Boom im Schweizer Frauenradsport, der vor zehn Jahren fast verschwunden schien und jetzt seinen absoluten Höhenflug erlebt. Angeführt von den Späteinsteigerinnen Reusser und Elise Chabbey, aber auch der immer stärker werdenden Noemi Rüegg. Einen wichtigen Punkt in dieser Entwicklung sieht die frischgebackene Weltmeisterin vor allem im Nationaltrainer Edi Telser.

“Sein Einfluss ist massiv. Es liegt viel an ihm und auch ich wäre hier nicht als Radsportlerin, wenn er nicht wäre. Dass wir aufeinander getroffen sind, ist auch ein Grund für meine Entwicklung“, erklärte Reusser. Der mittlerweile 50-jährige Südtiroler stieß im Herbst 2013 zum Schweizer Verband und erlebte 2021 seinen großen Durchbruch, als er nicht nur mit seiner Zeitfahrspezialistin über Silber jubeln durfte, sondern auch als Trainer der Mountainbikerinnen einen historischen Dreifacherfolg feierte und im Anschluss Trainer des Jahres in der Schweiz wurde.

Selbst wenn du ein Riesentalent bist, aber aus einer Nation kommst, wo du diesen Support nicht hast, bleibst du chancenlos“ – Marlen Reusser

Telser hat vor allem ein Händchen für Quereinsteigerinnen, was sich auch bei seinem neuen Projekt zeigt. Denn mit Hilfe des Verbandes initiierte er ein Schweizer Frauen-Continentalteam Nexetis. Blickt man auf die jungen Sportlerinnen dort, so zieht sich die Handschrift des Trainers durch den Kader. So war Gina Caluori, die auch im WM-Aufgebot von Ruanda steht, lange Skifahrerin, Larissa Tschenett spielte in ihrer Jugend Tennis. Anina Hutter kommt vom Langlauf und Lea Huber aus dem Turnsport.

“Er ist schon sehr schlau, weiß was zählt, worauf es ankommt und was man ansehen muss“, sagt Reusser über die Fähigkeiten des Schweizer Trainers. In der Planung für Ruanda überließ er nichts dem Zufall, schon im vergangenen Herbst reiste eine kleine Abordnung des Verbandes in den afrikanischen Staat, besichtigte die möglichen Kurse und sah sich die Gegebenheiten vor Ort an.

Weshalb Reusser auch voller Selbstvertrauen in ihr Zeitfahren ging: “Ich wusste, an der Vorbereitung von Swiss Cycling wird es nicht liegen.“ Und das war auch einer der Schlüsselfaktoren für ihren überlegenen Sieg, denn ohne ein starkes Team im Hintergrund sind solche Erfolge nicht möglich. “Selbst wenn du ein Riesentalent bist, aber aus einer Nation kommst, wo du diesen Support nicht hast, bleibst du chancenlos. Ich bin da echt gesegnet von allen Seiten

Denn zusätzlich zur starken Unterstützung aus ihrem Heimatland kommt noch jene von ihrem Arbeitgeber Movistar, aber auch jene vom Lebensgefährten und Trainer Hendrik Werner. Denn gemeinsam mit dem Deutschen schraubte die Schweizerin an ihren Kletterqualitäten und schon ab dem Frühjahr flog sie die Berge hoch.

Marlen Reusser

Rollentrainer in der Sauna

Was beim Giro d’Italia noch nicht ganz klappte, Reusser verpasste den Gesamtsieg gegen Lokalmatadorin Elisa Longo Borghini um 18 Sekunden, war für das hügelige Zeitfahren mit den längeren Bergaufpassagen in Kigali aber perfekt. “Es fühlt sich so an, als habe ich die Glücksnuss geknackt. Klar bin ich eine gute Kletterin, aber auch sicherlich die schwerste, was zumindest in der Abfahrt ein Vorteil ist. Der Parcours spiegelte sicherlich viele meiner Stärken wider, auch dass es auf den Straßen in Kigali der Asphalt so gut rollt. Ich mochte den Kurs“, resümierte die neue Weltmeisterin zufrieden.

Nach einer Pause von 20 Jahren war der Triumph der Bernerin der erste Elite-Titel seit Karin Thürigs Erfolg in Madrid. Völlig überzeugt von sich war Reusser aber vor dem Zeitfahren nicht. Denn nach dem gesundheitsbedingten Ausstieg bei der Tour de France aufgrund einer Lebensmittelvergiftung, verlief auch die Vorbereitung alles andere als nach Wunsch. Ins Höhentraining reiste sie leicht kränklich an, konnte gar nicht jene Umfänge trainieren, die sie vorhatte. Zwar konnte sie im Engadin die Höhenlage von Kigali simulieren, das kühle Herbstwetter war aber nicht jene Anpassung, die sie für Afrika benötigte. Doch die Schweizerin zeigte sich kreativ, baute ihren Rollentrainer in der Sauna auf: “Dort bin ich dann so lange gefahren, bis ich mich richtig gekocht fühlte.“

Am Mittwoch will Reusser gemeinsam mit dem Schweizer Team die Medaillenjagd fortsetzen. Denn in der Mixed-Staffel gab es schon zweimal Gold bei Weltmeisterschaften, 2022 und 2023. “Wir sind alle sehr motiviert und wollen es. Aber natürlich ist es ein Zeitfahren, wo du nicht wirklich weißt, was du erwarten sollst“, blickte sie voraus.

Zunächst wird aber auf den Titel angestoßen und auch der Geburtstag nachgefeiert. Denn am Samstag wurde Reusser 34: “Es war aber irgendwie ein verlorener Tag, weil ich so nervös war. Es gab nicht so richtig was zu feiern, weil ich so im Tunnel war.“ Das nachträgliche, selbst gemachte Geschenk mit Gold und dem Regentrikot sollte dies aber mehr als entschädigen.