Ein Zeitfahren sei nie perfekt. Es gäbe immer wieder etwas, was man verbessern könnte. Diese Gedanken äußerte Jakob Söderqvist vor einem Jahr, nachdem er sowohl bei den Europa- als auch Weltmeisterschaften die Silbermedaille in der Klasse U23 abräumte. Fehlten ihm bei der EM in Hasselt 30 Sekunden auf den Belgier Alec Segaert, waren es bei der WM in Zürich 32 Sekunden auf Ivan Romeo. In Kigali siegte der 22-Jährige nun souverän, ließ die Konkurrenz um mehr als eine Minute hinter sich und schlüpfte erstmals ins Regenbogentrikot.
„Ich dachte schon, dass ich solch Performance abliefern kann, aber erwarten kannst du das nie. Im Zeitfahren muss einfach alles zusammenpassen“, so der Schwede auf der Pressekonferenz nach dem Rennen. Der Mann aus Sundsvall, was vier Autostunden entfernt im Norden von Stockholm liegt, ist kein Sprücheklopfer. Er ist ein Athlet, der die Beine für sich sprechen lässt und auch keine Energie in große Zukunftsplanungen legt.
Das Zeitfahren ist seine Paradedisziplin. Der 1,87 Meter große Schlacks ist mit seinen gut 80 Kilogramm kein Kletterspezialist, eher jemand für die Klassiker. Festlegen will er sich nicht: „Das Zeitfahren finde ich irgendwie am natürlichsten für mich und die Klassiker können mir auch liegen.“
Ab der nächsten Saison wird er bei Lidl-Trek in die WorldTour-Mannschaft aufsteigen, die letzten beiden Jahre verbrachte er im Devo-Team, wobei das 2025 eigentlich gerade einmal in drei Rennen der Fall war. Den Rest seiner 45 Renntage wurde er schon bei den Profis eingesetzt, bestritt dort seine ersten Klassiker (bsp. Kuurne-Brüssel-Kuurne, Le Samyn, Nokere Koerse, Scheldeprijs) und überraschte zuletzt als Gesamtzweiter der Dänemark-Rundfahrt, hinter Teamkollegen Mads Pedersen, wo er zudem das Zeitfahren in Kerteminde gewann.
„Der Aufstieg in die WorldTour bedeutet auch ein neues Kapitel in meiner sportlichen Karriere und ich denke, dass die Möglichkeiten dort endlos für mich sind“, verriet er im April dieses Jahres in einem Interview mit cyclingnews.com. Seinen Aufstieg in die WorldTour verkündete sein Lidl-Trek-Team im April, nachdem er Zweiter hinter dem dänischen Megatalent Albert Withen Philipsen bei Paris-Roubaix der U23-Klasse wurde. Er überließ Philipsen im Velodrom den Vortritt, nachdem das Duo alle Verfolger abschütteln konnte. Biss und Tempohärte – gute Voraussetzungen für die Klassiker.

„Ich will wissen, wie weit ich als Fahrer kommen würde“, sagte Söderqvist und entwickelt sich Schritt für Schritt weiter. Bereit für das Leben als Profi scheint er zu sein. Mit dem WM-Titel in Kigali schließt er das Kapitel U23. Einen Auftritt im Weltmeistertrikot wird es diese Saison aber wohl nicht mehr geben. Stand er im letzten Jahr noch in Les Herbiers in Frankreich am Start beim Chrono des Nations, welches er auch gewann, kollidiert in diesem Jahr der Termin mit seinem Einsatz bei der Tour of Holland, für welche er auch in die WorldTour-Mannschaft hochgezogen wird.
„Die Goldmedaille war ein wichtiges Projekt. Mich haben so viele Leute in den letzten Jahren unterstützt, wofür ich ihnen auch super dankbar bin“, so der Schwede, der diesen weltmeisterlichen Abschluss seiner U23 nicht nur für sich holen wollte, sondern eben auch für jene langjährigen Unterstützer.
Dass er wohl nicht mehr im Regenbogentrikot antreten wird, bereitet den Schweden kein Kopfzerbrechen: „Es kommen ja in der Zukunft noch Chancen und vielleicht ist das auch etwas, was ich mir für die Zukunft aufhebe.“ Auf jeden Fall will er sein Heimatland, wo vor allem der Wintersport mit dem traditionellen Skilanglauf besonders im Fokus steht, auch im Radsport weiter nach vorne bringen: „Ich hoffe, dass der Sport noch größer wird in Schweden. Es fühlt sich aktuell so an, als wären wir nur ein kleiner Kreis an Athleten, aber wir sind ein Land mit zehn Millionen Einwohnern, dass vor allem sportlich so viel Potential hat. Ich wäre gerne ein Teil davon, der das weiterentwickelt.“
Für seinen Aufstieg ist vor allem ein Landsmann mitverantwortlich – denn Söderqvist kommt aus dem Mountainbikesport. Mattias Reck, Trainer bei Lidl-Trek, legte ihm den Wechsel nahe, sorgte 2024 auch dafür, dass sein Schützling eine Chance im Devo-Team bekam. Davor war der 22-Jährige nur auf dem Mountainbike zu finden. Sein Credo für die Zukunft bleibt aber unverändert: „Ich will keine Energie verschwenden beim Grübeln, wie ich mich entwickeln muss und was passieren soll. Denn setzt man sich zu spezielle Ziele, dann kann das einen auch negativ beeinflussen und dich enttäuschen, wenn du sie nicht erreichst.“


