
Es muss sich angefühlt haben wie eine Stunde, als Marlen Reusser in der Mixed-Staffel bei den Weltmeisterschaften am Straßenrand stand und auf ein neues Rad wartete. Die Zeitfahrweltmeisterin kämpfte mit einem defekten Umwerfer und fluchte, sicher nicht nur in den Gedanken, wie sie auf der Pressekonferenz verriet. Doch obwohl ihre Teamkolleginnen Jasmin Liechti und Noemi Ruegg voll durchzogen, holte Reusser sie wieder ein und stürmte mit Ruegg hinauf ins Ziel. Am Ende verpassten sie um zehn Sekunden Gold, gewannen zumindest mit Bronze noch eine Medaille.
“Das war schon eine brillante Taktik“, beschrieb Reusser ihr Malheur mit der dazugehörigen Aufholjagd etwas süffisant. Aber sie fand mit dem Ausdruck Masterclass auch die perfekte Beschreibung dafür. Denn es war wahrlich weltmeisterlich den Rückstand auf ihre Teamkolleginnen im Alleingang wieder wettzumachen. “Ich habe sie nie gesehen, ehe sie dann am Pflaster an mir vorbeiflog“, meinte Ruegg dazu, die sich wie Liechti einige Male umblickte, wo ihre Teamkollegin abgeblieben war.
Stefan Küng, der gemeinsam mit Jan Christen und Mauro Schmid den ersten Part der Staffel aus Sicht der Schweizer Männer absolvierte, hätte gerne eine direkte Leitung ins Betreuerauto der Frauen gehabt. “Ich wollte beide stoppen, aber es ist hart den richtigen Call zu machen“, sagte der 31-Jährige.
In Sekundenschnelle musste im Schweizer Auto die richtige Entscheidung fallen. “Es ist einfach schwer einzuschätzen in dem Moment, weil im Nachhinein bist du immer schlauer. Jetzt können wir alles ins Detail zerlegen, aber am Ende weißt du sowieso nicht wirklich, ob es besser oder anders gelaufen wäre“, erklärte Reusser, die Zeit verlor beim Radwechsel, die diese Zeit nachjagend musste und dabei auch noch mehr Kräfte verbrauchte als an der Seite ihrer Teamkolleginnen.
Das unterstreicht Küngs These vom verlorenen WM-Titel deutlich, was auch dem Schweizer Team bei der Siegerehrung deutlich anzukennen war. “Es war unglücklich, aber Respekt an Marlen. Das war echt so stark, wie sie zurückgekommen ist“, fügte Rüegg an.
Schwer für das Schweizer Team war auch die eigene Zeit einzuschätzen. Denn von jenen Nationen, die in den Kampf um die Medaillen eingriffen, waren sie als erste gestartet. “Die Frauen hatten kaum eine Referenz, da sie ja gegen die Bestzeit von Spanien fuhren“, schilderte Küng, der nach seiner Fahrt mit den Männern im Ziel mitzitterte: “Du leidest da physisch mit.“
Der Leader der drei Männer war sich bei Reussers Defekt sicher, dass Gold weg war. “Den Titel haben wir dort verloren, aber mit mehr Glück, hätte ich auch schon andere gewonnen“, so der Schweizer, der auch auf der Straße oft nur um wenige Sekunden die Goldmedaille verpasste. “Wir haben aber das Beste gegeben und ich gratuliere Australien und Frankreich, die das auch sehr gut gemacht haben heute“, gab er sich fair.
Besonders hervor hob Küng dann noch mal den Pechvogel des Tages: “Das letzte Stück über das Pflaster war von Marlen schon im Zeitfahren der Wahnsinn. Da hat sie all ihren Kontrahentinnen 30 Sekunden abgenommen. Und genau dort kam sie wieder zu den anderen zurück.“ Als Reusser dann nochmal das Tempo anzog, fieberten ihre Teamkolleginnen mit Ruegg mit, denn erst die zweite Fahrerin am Zielstrich löst die finale Zeit aus in der Mixed-Staffel.
“Wir haben fast mehr sie angefeuert, dass sie da dranbleibt“, erzählte der 31-Jährige, der noch von einem anderen Format die Schwierigkeiten kennt, die eine Überfliegerin oder ein Überflieger seinen Teamkollegen bereiten kann: “Sie ist der Motor, aber du brauchst auch die beiden anderen Fahrerinnen. Ich kann mich noch erinnern, als wir zu BMC-Zeiten die Mannschaftsfahren bestritten und Rohan Dennis die Nummer eins der Welt in dieser Disziplin war. Das ist nicht einfach, so einem Champion zu folgen.“
Versöhnlich war die Bronzemedaille vor allem auch für Mauro Schmid, der nach seinem Sturz im Einzelzeitfahren ein kleines Fragezeichen für die Schweizer Equipe war. “Zum Glück habe ich nur etwas Haut am Asphalt liegenlassen, hatte ein paar Schwellungen. Ich wusste vor allem nicht, wie es funktioniert, wenn ich den Arm auf den Auflieger gebe, aber sobald du losfährst, ist der Schmerz in den Beinen eh größer.“

