Vor exakt 400 Jahren beginnt die Handlung vom wahrscheinlich bekanntesten französischen Roman, geschrieben von Alexandre Dumas. Gemeint ist natürlich das Abenteuer von Athos, Porthos und Aramis, den drei Musketieren und deren bekanntem Credo: Einer für Alle, alle für Einen. Ob das Buch im Regal der drei französischen Starterinnen im Rennen der U23-Frauen zu finden ist, ist nicht bekannt, aber zumindest agierte das Trio bestehend aus Célia Gery, Marion Bunel und Julie Bego genauso mutig und ambitioniert wie die Protagonisten. Das Ergebnis war das Regenbogentrikot für Gery dank einer fantastischen Teamleistung am hügeligen Kurs in Kigali, der Hauptstadt Ruandas.

“Wir hatten einen Plan und respektierten ihn alle zu 100 Prozent. Wir können wirklich sagen, es ist ein Erfolg des Teams, ein kollektiver Sieg, mit einer beeindruckenden Célia am Ende. Für uns ist das ein außergewöhnlicher Tag“, erzählte Bunel, die vor allem im Finale mit ihrem Leadout alles für ihre Teamkollegin opferte, sogar eine mögliche Medaille. Denn während ihre Teamkollegin die Slowakin Viktoria Chladonova, eine der großen Favoritinnen im Sprint um Gold in die Schranken wies, wurde ihre Landsfrau auf den letzten Metern von der Spanierin Paula Blasi und der Italienerin Eleonora Ciabocco noch abgefangen.

Während Blasi jubelte und Ciabocco bittere Tränen weinte, rollte Bunel zu ihrer Teamkollegin, der jubelnden, neuen Weltmeisterin. Diese wollte sich mit einer Umarmung bedanken, musste aber fast eine Minute warten, nachdem Bunel sich gegen das Absperrgitter sinken ließ, dort verharrte, völlig erschöpft und ausgepumpt. Nach einiger Zeit konnte sie ihre Beine aus den Pedalen ausklicken und richtete sich wackelig wieder auf. Erst dann konnten die beiden Teamkolleginnen sich in die Arme fallen. “Das gehört zum Radsport. Ich habe wirklich alles gegeben und bereue es keine Sekunde, Bronze verpasst zu haben. Die Medaille werde ich mir eines Tages schon holen“, schilderte sie nach dem Rennen.


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Weltmeisterin Celia Gery
(Foto: © Cor Vos)

Die drei Französinnen gingen mit einer klaren Aufteilung ins Rennen, waren zunächst gegen die stark besetzten Teams von Großbritannien oder Kanada in der Unterzahl, doch je länger das Ausscheidungsrennen andauerte, desto besser wurde die Aussicht für das Trio, welches mit Deutschland stets vollzählig blieb an der Spitze des Rennens. “Wir wussten, wie wir unser Rennen perfekt fahren können“, erklärte Gery. Zunächst lag es an Julie Bego, der Juniorenweltmeisterin von Glasgow, ständig für Attacken zu sorgen, die viele Fahrerinnen in der Spitzengruppe an ihre Grenzen brachte.

Dabei revanchierte sich Bego bei Gery für ihren Titelgewinn vor zwei Jahren. “Meinen Titel verdanke ich auch Célia. Ihr es auf die gleiche Weise zurückzugeben, in dem ich für sie arbeite, ist wirklich etwas Außergewöhnliches“, berichtete die junge Französin, die wohl in vielen anderen nationalen Auswahlen eine Leaderin gewesen wäre. Mit ihren Attacken zwang sie die anderen Nationen zur Nachführarbeit. “Ich denke, es war ziemlich erfolgreich“, grinste Bego, die schlussendlich zehn Minuten nach der neuen Weltmeisterin als 29te den Zielstrich überquerte: “Ich hatte am Ende keine Kräfte mehr, aber das war egal, denn worauf es ankam, war, dass wir am Ende den Titel haben und nicht irgendeine individuelle Platzierung.“

Prägen ließ sich das Tricolore-Trio auch von einem afrikanischen Sprichwort, welches sie sich für ihr Abschlussrennen in Ruanda als Grundsatz auferlegten. “Allein gehen wir vielleicht schneller, aber gemeinsam kommen wir weiter. Das haben wir alle im Auge behalten“, berichtete Bunel, die sich im Laufe des Rennens mit ihrer Teamkollegin austauschte und andeutete, dass sie sich nicht so wohl am gepflasterten Anstieg hinauf, der Cote de Kimihurura, fühlte.

Die 20-Jährige aus der Normandie war eigentlich Frankreichs Ass für das U23-Rennen, doch irgendwie hatte sie bei jeder Überquerung des Pflasterbergs ihre kleinen Probleme, weshalb sie mit Gery, die das ganze Rennen über sehr souverän wirkte, die Rollen im Finale tauschte. Als es zum achten Mal über die Cote hochging, sammelte Bunel nochmals all ihre Kräfte und attackierte.

Gery wartete clever bis mit Chladonova eine der absoluten Favoritinnen attackierte. Sie klemmte sich an das Hinterrad der Slowakin, die ihrerseits wartete, bis Bunels Kräfte schwanden. Erst als das Kopfsteinpflaster wieder in Asphalt überging, übernahm Chladonova die Initiative am letzten Kilometer. Doch erneut war es Bunel mit ihrer Tempoarbeit, die die Slowakin in die Defensive zwang. 300 Meter vor dem Ziel begannen Chladonova und Gery den Sprint um den Sieg und die Französin jubelte nach souveräner Vorstellung über den Titelgewinn.

Für Gery war es nicht der erste Weltmeistertitel, schon vor eineinhalb Jahren gewann sie Gold in der Juniorenkategorie im Cyclocross in Tabor, damals vor der Britin Cat Ferguson und Chladonova. Aber auf der Straße ist es der bislang größte Erfolg für die 19-Jährige aus Talencieux in der Ardèche. “Ich hatte heute nicht das Gefühl, dass etwas Besonderes kommt. Es war ein langer Morgen, mussten wir ja bis 13 Uhr warten, ehe das Rennen startet. So richtig Selbstvertrauen spürte ich während des Rennens nicht, aber ich war mir immer sicher, dass wir ein starkes Team hatten, um den Titel zu holen“, blickte Gery auf ihren Tag zurück und die Gedanken, die sie vor dem Rennen begleiteten.

Und das Selbstvertrauen fehlte ihr auch bis zu den letzten Metern. Erst als ihre letzte verbliebene Kontrahentin den Sprint eröffnete, war sich Gery sicher: “Als sie anzog, hatte ich das Gefühl, dass ich mit meiner Explosivität in der Lage bin, die Arbeit des Teams zu vollenden und unseren Traum vom Titel zu verwirklichen.“

Das Podium: Chladoňová, Gery und Blasi (v.l.n.r) (Foto: © Cor Vos)