Im Schlummermodus verlief die Karriere von Marco Schrettl in den vergangenen Jahren. Der Tiroler zählte zu Juniorenzeiten zu den ganz großen Hoffnungen der Alpenrepublik, wirklich umsetzen konnte es der mittlerweile 22-Jährige vor allem bei den ganz großen Rennen nicht. Doch in der Winterpause erfolgte ein Umdenkprozess. Für sein letztes U23-Jahr ordnete er seinem Lieblingssport noch einmal alles unter.

Oft geplagt von Erkrankungen fehlten die absoluten Topergebnisse. Doch 2025 sollte die Wende sein, welche nicht nur mit Siegen belohnt wurde, sondern nun auch mit der ersten WM-Medaille für sein Heimatland in der Klasse U23 seit fast 30 Jahren. Im Straßenrennen von Kigali zählte der junge Österreicher nicht nur zu en absoluten Aktivposten, sondern war auch einer der stärksten Fahrer.

“Ich habe mir im Winter echt viel durch den Kopf gehen lassen und ein wichtiger Punkt war es für mich, die Nervosität abzulegen. Das habe ich geschafft und ich gehe jetzt anders in die Rennen und das macht viel aus“, sagte Schrettl im Frühjahr. Unter zahlreichen Topergebnissen fand sich auch der Sieg bei der Trofeo Citta di San Vendemiano, einem prestigeträchtigen Nachwuchsrennen für U23-Fahrer in Italien. Wenig später holte er sich dann noch die Gesamtwertung beim Orlen Nations Grand Prix in Polen.

In der zweiten Saisonhälfte hatte er sich nicht nur die Weltmeisterschaften, sondern davor auch die Tour de l’Avenir als großes Ziel auserkoren. Mit einem dritten Platz im Prolog begann die Rundfahrt auch perfekt für den Tiroler, der sich mit einem dreiwöchigen Höhentrainingslager, organisiert von seinem Trainer Helmut Dollinger, vorbereitete.

„Erst am Renntag habe ich mich in Kigali erstmals wie zu Hause gefühlt“


Mentaler Knacks und neue Stärke

“Es hat alles gepasst, er war von Beginn an extrem stark und am Ende war es schon verwunderlich, dass er nicht so abliefern konnte, wie wir uns das erhofft haben“, erzählt sein Trainer. Denn nachdem es zu Beginn noch so aussah, als könnte der Österreicher sein Ziel, die schwere Rundfahrt der U23-Athleten in den Top Ten zu beenden, kam er am Ende nicht über Platz 23 hinaus.

“Wir haben es dann analysiert und rausgefunden, dass die Ernährung nicht gepasst hatte. Er hatte zu wenig gegessen“, bilanzierte sein Trainer, der auch als mentale Stütze gefragt war. Denn sein Schützling war nach der Tour de l’Avenir niedergeschlagen. “Alle hatten mehr von mir erwartet, als ich rausgeholt habe und ich muss gestehen, dass war ein mentaler Knacks. Als ich heimkam, war ich so gar nicht motiviert und musste mich aufs Rad zwingen für die Trainings“, erinnerte sich Schrettl.

Doch sein Trainer fand das richtige Rezept, damit der 22-Jährige wieder zurück in die Spur fand. “Die Form war ja da. Wir mussten zunächst auf die Regeneration achten und als er voll erholt war, haben wir uns ganz gezielt auf ein hartes Eintagesrennen vorbereitet“, so Dollinger, der auch als Trainer für das WorldTeam von XDS Astana tätig ist. Gesetzt wurde vor allem auf Hitzetrainings, genau jene Einheiten, die Schrettl auch vor seinem Sieg in Polen absolvierte.

Kleines Team, großer Erfolg! Team Österreich bei der WM in Kigali (Foto: © Arne Mill/Cycling Austria)

“Er kam von der Höhe, hatte eine harte Rundfahrt in den beiden und dann schlägt die Form so richtig ein. Marco braucht megaharte Rennen, denn sie liegen ihm und er fährt sie auch immer sehr aktiv. Das zeichnet ihn als Fahrer aus und aus meiner Sicht ist er auch bereit für die WorldTour“, erklärte Dollinger und hatte genau das richtige Rezept für Schrettl damit.

Und auch an seine eigenen Vorsätze aus dem Winter erinnerte er sich in der schweren Woche nach der L’Avenir wieder. “Genau das hat mich auch wieder in die Spur gebracht. Mit jedem dem ich gesprochen habe, der hat mir gesagt, hey der WM-Kurs in Kigali liegt dir perfekt und da kannst du ganz vorne reinfahren. Ich denke mit Bronze hat es wirklich ganz gut gepasst“, schmunzelte der junge Österreicher.

Sein Auftritt im Straßenrennen der U23 war eine absolute Punktlandung, auch hinsichtlich der idealen Vorbereitung in Ruanda. Denn wie viele der Teilnehmer hatte auch er mit der Anpassung an die Höhe, die Hitze und die verschmutze Luft in der ruandischen Hauptstadt zu kämpfen: “Als ich vor einer Woche angekommen bin, habe ich mich nicht gut gefühlt und hatte bei den Intervallen ziemlich zu kämpfen gehabt. Erst am Renntag habe ich mich erstmals wie zu Hause gefühlt.“

Für zusätzliche Lockerheit sorgte die gelassene Stimmung im kleinen österreichischen Team, welches mit drei Betreuern und sieben Teilnehmern nach Kigali anreiste. Schon bei den gemeinsamen Trainingsausfahrten stand der Spaß und die Entdeckung der für alle neue Straßen- und Stadtwelt Ruandas im Vordergrund. Anstatt sich von den, im Vergleich zu Europa, völlig neuen Gegebenheiten einzuschüchtern zu lassen, sorgte der humorvolle Zugang für Entspannung.

Schrettl setzte sich für sein letztes U23-WM-Rennen keine Erwartungen, weshalb die gewonnene Bronzemedaille am Ende richtig hart einschlug, zumindest emotional: “Es war ein brutales Feeling bei der Siegerehrung, wobei ich das noch immer nicht realisieren kann. Die ganze Zeremonie hatte ich einfach nur eine Gänsehaut. Etwas Zeit werde ich benötigen, um das zu verdauen.“

Viel Zeit dafür gibt es aber gar nicht, denn schon nächste Woche beginnen die Europameisterschaften in der Ardèche in Frankreich, wo der Kurs dem jungen Österreicher erneut sehr entgegenkommen kann. Darüber ist sich auch sein Trainer sicher. “Wenn er gesund aus Ruanda heimkommt, dann sollte er auch dort zünden“, blickte Dollinger voraus.


Disclaimer: Unser Autor Peter Maurer ist ebenfalls für den Österreichischen Radsportverband tätig.