Nach der 14. Etappe der Tour de France 2025 streifte Florian Lipowitz das Weiße Trikot erstmals über – knapp zwei Wochen später wurde er in Paris als bester Nachwuchsfahrer der 112. Tour geehrt. Der verdiente Lohn nach einer beeindruckenden Tour de France. „Es war ein erlösender Moment“, beschreibt Lipowitz die Zieleinfahrt in Paris rückblickend. Die Last fiel ab, nach drei kräftezehrenden Wochen, in denen stetig der Druck wuchs.

Florian Lipowitz lieferte eine grandiose Tour ab, fuhr mutig und als Tour-Neuling lange Zeit ‚einfach‘ Etappe nach Etappe am Leistungsmaximum. Er rückte immer stärker in den Fokus der Medien, gab immer routinierter Antworten auf die immer gleichen Fragen der Reporter. Auf dem Champs-Élysées stand er neben Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard auf dem Podium des wichtigsten Radrennens der Welt. Der Moment, in dem Florian Lipowitz endgültig in der absoluten Weltspitze angekommen ist.

Florian Lipowitz (Foto: © Cor Vos)

Kein Erfolg aus dem Nichts

Lipowitz absolvierte eine sensationelle und stabile Saison 2025. Der Erfolg bei der Tour war so nicht vorhersehbar, aber kam definitiv nicht aus dem Nichts. Gesamtzweiter bei Paris-Nizza im März, Podium beim Critérium du Dauphiné direkt vor der Tour. Doch wann konnte man kommen absehen, dass ein Tourpodium realistisch ist? Wann war Lipowitz selbst klar, dass er in der absoluten Weltspitze mithalten kann? Es gab keinen Schlüsselmoment, es war eher ein Prozess.

„Man muss eigentlich schon 2024 anfangen“, antwortet Lipowitz auf die Frage, wann er gespürt hat, dass er einen Leistungssprung machte. „Ich habe im vergangenen Jahr einen großen Sprung gemacht. Bei der Tour de Romandie habe ich das erste mal gemerkt, dass ich da ganz vorn mitfahren kann“, sagt Lipowitz gegenüber CyclingMagazine. Er wurde beim Schweizer Etappenrennen Gesamtdritter und startete wenig später in seine erste Grand Tour. Doch beim Giro 2024 wurde er krank, musste aufgeben.

Bei der Vuelta im Spätsommer lieferte er dann beeindruckend ab – wurde als Helfer von Sieger Primoz Roglic Gesamtsiebter. Es war seine erste Grand Tour, die er durchfahren konnte. Viele Fahrer berichten davon, dass die erste absolvierte Grand Tour etwas auslöst, man gefühlt auf ein neues Level kommt. „Das war bei mir nicht so. Ich habe nicht gemerkt, dass es da etwas Besonderes in diese Richtung auslöst“, erzählt Lipowitz. „Aber es hat gezeigt, dass ich drei Wochen fahren kann und mir eine Riesenportion Motivation für 2025 gegeben“. Nach der Offseason steigt er ins Training für 2025 ein, kommt gut durch die Vorbereitung. „Ich hatte einen guten Winter, war da schon in sehr guter Form“, sagt Lipowitz ruhig. Doch da spielte die Tour de France als Saisonziel noch keine Rolle.

Ziel Critérium du Dauphiné – Paris-Nizza als Motivations-Boost

Die Geschichte vom Quereinsteiger Lipowitz, der vom Biathlon zum Radsport kam, ist längst bekannt. Sein Vater knüpfte den Kontakt zu Trainer Dan Lorang, der Kontakt zu Red Bull-Bora-hansgrohe war hergestellt. Ein VO2max-Test bringt ein eindeutiges Ergebnis – jenseits der 80 (ml/min/kg) heißt es – klar war sofort: Der Kerl hat Potenzial! Auf dem Rad saß Lipowitz schon als Kind, absolvierte früh auch längere Touren mit seinen Eltern. Nur der Rad-Rennsport ist ihm lange fremd. Ab 2020 fährt er dann für das Conti-Team KTM-Tirol, das eine enge Verbindung zur deutschen Mannschaft von Ralph Denk hat.

„Lipowitz hat einen großen Motor „, drückt es Toursieger Tadej Pogacar aus. Der Deutsche ist dazu fleißig, sehr ehrgeizig und hat einen starken Willen. Doch in Sachen Taktik hat er noch Defizite. Auch wenn Lipowitz bereits 2023 in seiner ersten Saison als WorldTour-Profi bei kleineren Etappenrennen siegte, ihm ist die Rolle als Leader zu Beginn der Saison 2025 noch fremd. So beschließt die Teamleitung im Winter den Fokus für den Sommer 2025 auf das Critérium du Dauphiné zu legen.

„Die Tour hatten wir da nicht im Kopf. Ich wollte eine gute Vorbereitung machen, dann bei Paris-Nizza in Top-Form sein. Danach dann die Baskenland-Rundfahrt absolvieren und dann den Aufbau für die Dauphiné“, so Lipowitz rückblickend.

Bei Paris-Nizza läuft es dann richtig gut, er wird Gesamtzweiter hinter Matteo Jorgenson vom Visma-Team. Lipowitz übersteht dabei knifflige Situationen, ist bei einer Windkanten-Etappe vorn mit dabei. Im Baskenland dann Gesamtrang vier. Es läuft wie gehofft. „Paris-Nizza war durchaus ausschlaggebend. Ich wusste, dass nach 2024 schon Erwartungen da sind, und wenn man dann gleich ein solches WorldTour-Rennen fährt und es direkt so gut läuft, dann gibt das Selbstvertrauen„, sagt Lipowitz. Er ist kein lauter Typ, versucht im Gespräch seine Saison möglichst sachlich und präzise wiederzugeben. Welch Bedeutung der frühe Erfolg bei Paris-Nizza hatte, wird dennoch deutlich.

Plan durchziehen

Der Schlüssel zum Erfolg war eine ungestörte Vorbereitung. „Gesundheitlich kam ich bis zur Tour gut durch. Wenn man ein Dreivierteljahr ohne Rückschläge durchtrainieren kann, zwei Höhentrainingslager absolviert, dann merkt man auch im Training, dass es vorangeht, man neue Bestwerte fahren kann. Man merkt dann einfach, dass man sich schneller erholt, härter trainieren kann“.

Nach der starken ersten Saisonhälfte reifte im Team immer mehr der Gedanke, Lipowitz mit zur Tour de France zu nehmen. Die Vorbereitung war auf das Critérium du Dauphiné, unmittelbar vor der Tour, ausgerichtet. Doch in den Plan mit Training und Höhentrainingslager war ein möglicher Tourstart bereits berücksichtigt.

„Wir haben den ursprünglichen Plan nicht verändert, haben es so durchgezogen, wie es von Beginn an geplant war“, sagt Lipowitz. Trainer John Wakefield versuchte, die optimale Vorbereitung zu gewährleisten. Lipowitz war im Frühjahr bereits in Großbritannien im Windkanal – optimiert wurde, was ging. Das Critérium du Dauphiné lief dann nach Wunsch, die Tour konnte kommen.

Was dann in Frankreich passierte, verfolgten unzählige Fans an den TV-Bildschirmen. Lipowitz kam gut durch die ersten Tage, büßte bis zum ersten Ruhetag kaum Zeit ein. „Ich habe am Anfang wirklich nur von Tag zu Tag geschaut. Klar merkt man dann in der zweiten Woche, wo man steht, aber es kann immer noch ein schwacher Tag kommen“, sagt Lipowitz. Erst in den letzten Tagen hatte er dann das Podium im Blick, dann wollte er es unbedingt auch einfahren. In Paris wurde der Traum vom Podium dann Wirklichkeit.

Lipowitz, Pogacar, Vingegaard – die besten Fahrer der Tour
(Foto: © Cor Vos)

Gesundheitliche Stabilität

Der Schlüssel zum Erfolg war eine perfekte Vorbereitung. Gesundheitlich stabil sein, keine Rückschläge. „In der Vergangenheit hatte ich immer mal wieder gesundheitlich mit Problemen zu kämpfen, daran wollten und wollen wir arbeiten“, sagt Lipowitz. Das war der Hintergrund für die Operation an der Nasenscheidewand in der diesjährigen Offseason. Nach der kräftezehrenden Saison 2025 ging Lipowitz früh in die Pause. Nach der Deutschland Tour war er etwas krank, bei den Rennen in Kanada konnte er sein Potenzial nicht abrufen. Er beendete vorzeitig die Saison und verabschiedete sich in den Urlaub.

Es passte in diesem Jahr einfach sehr viel zusammen, im Vorfeld der Tour de France. Dennoch war sein dritter Platz durchaus eine kleine Überraschung. Noch nie zuvor war er die Tour gefahren, war nie zuvor in der Leaderrolle einer Grand Tour. Überhaupt hatte er zuvor erst eine einzige dreiwöchige Rundfahrt bestritten. Sein Potenzial war bekannt, dass er es auch bei der Tour umsetzen kann, ist nun gewiss.

Doch der Triumph bei der Tour, im größten Rampenlicht des Radsports, hat sein Leben verändert. Zumindest das des Athleten wird nun stets beäugt. Sollte er auch 2026 wieder Paris-Nizza bestreiten, wird man sein Abschneiden mit dem von 2025 vergleichen und versuchen, Rückschlüsse für die Tour zu ziehen. So läuft das Geschäft. Sponsoren und Medien wollen vom „Lipo-Hype“ profitieren. Das Fernsehen weiß, wie quotenwirksam ein junger deutscher Star ist. Lipowitz ist 2025 endgültig in der Weltspitze angekommen – die unbeschwerte Zeit im Schatten ist vorbei, die Saison 2026 beginnt mit anderen Vorzeichen. Die Erkenntnis des Erfolges von 2025 dürfte sein, dass eine möglichst ungestörte Vorbereitung den Weg ebnet. Wie gut das geling, wird sich zeigen.