Es herrscht Getöse und Hektik im Zielbereich der ersten Etappe der Tour de France 2025. Die Fans schlagen auf die Banden, der Streckensprecher kündigt den Massensprint um das erste Gelbe Trikot dieser Tour an. Begleitfahrzeuge rauschen hupend durchs Ziel, die Helikopter kreisen direkt darüber. Medienmenschen rennen mit Mikrofonen und Kameras in Richtung Teambusse. Die Blicke der Zuschauer sind auf die große Leinwand gerichtet. Der Sprecher wird immer lauter, Fahrzeuge donnern vorbei, die Spannung ist greifbar. Mit Tempo 60 rauscht das Pulk über den Zielstrich in Lille und der Sprecher brüllt ‚Jasper Philipsen‘. Ein paar Meter weiter stoppen die Fahrer, Knäule von Journalisten bilden sich sofort um sie herum. Autos hupen unentwegt, Ordner versuchen vergeblich den Weg halbwegs freizuhalten, Geschubse von Kameraleuten. Das typische Tour-Chaos.

Pascal Ackermann hatte seinen Sprint etwas früh angezogen, wurde noch durchgereicht. Sein neues Aero-Rad hatte unterwegs schlapp gemacht, sichtlich enttäuscht ringt er um Luft. Unsere Blicke treffen sich, er kommt zu mir rüber gefahren, stoppt. Ein kurzes Fluchen, dann hängt er die Ellenbogen aufgestützt mit dem Kopf über dem Lenker. Klatschnass, fix und fertig. Nur wenige Sekunden danach kommt Niklas Märkl. Er legt die Hand auf Ackermanns Rücken, seine Worte sind im Lärm und bei seiner intensiven Atmung kaum zu verstehen. Märkl richtet sich auf, schüttelt den Kopf – er ist völlig fertig, aber sichtbar überwältigt und euphorisch. Er versucht den Moment zu greifen, seinen Emotionen Worte zu geben. Es gelingt ihm nicht.

Mehr als drei Monate später sprechen wir über die Situation in Lille, nach seiner ersten Tour-Etappe – es sprudelt sofort aus ihm heraus. „Wenn wir jetzt über diesen Moment sprechen bekomme ich Gänsehaut. Ich durchlebe die Gefühle grad nochmal“, sagt Niklas Märkl Mitte November mit seinem typischen Pfälzer Dialekt. „Das war der Wahnsinn. Am Ende im Rennen völliges Chaos. Ich hab ein paar Fehler gemacht, aber ich war in der ersten Gruppe dabei und da gab es am Zielstrich ein Gelbes Trikot zu holen. Ich war dabei, wo es um den Etappensieg geht, da greifen einfach die Instinkte des Rennfahrers und ich wollte alles reinwerfen. Meine Chancen waren super gering, gegen die besten Sprinter der Welt. Aber ich war beim wichtigsten Rennen der Welt dort, wo um das begehrteste Trikot des Radsports gekämpft wird. Davon habe ich als Kind geträumt. Das ist es, warum ich das alles mache. Dafür habe ich 15 Jahre bei Rund um den Kirchturm alles gegeben. Das war einfach überwältigend.“

„Endlich die Tour zu fahren, ist ein Schatten, der von dir wegtritt“

Niklas Märkl beim Bergzeitfahren der Tour 2025
(Foto: © Cor Vos)

Kindheitstraum

Niklas Märkl kommt aus einer echten Radsportfamilie. Opa, Vater, Onkel, Bruder, Cousin – alles Radsportler. Mutter und natürlich auch die jüngere Schwester Jule, die erfolgreich im Nachwuchsteam einer WorldTour-Equipe fährt. Alle sind mit Leidenschaft dabei, der Radsport ist stets präsent. Der Name Märkl steht für Radsport, nicht nur in der Pfalz. Niklas ist wohl das größte Talent der Familie. Im Nachwuchsbereich konnte er einige Siege einfahren, ist ein vielseitiger Rennfahrer mit Überblick und Geschick. Im Jahr 2021 wurde er Profi beim Team Picnic PostNL, nachdem er dort bereits im Nachwuchsteam fuhr und sich durchsetzte. Niklas Märkl ist kein Überflieger, kein Wunderkind – aber ein solider Profi mit viel Rennverständnis und guter Radbeherrschung. Dass er für die Tour nominiert wurde, ist sportlich wenig überraschend – aber für die gesamte Familie Märkl ein Riesending.

da wird dir klar, wie groß die Tour ist

„Die Tour war im Winter Gesprächsthema, aber erst ganz spät wirklich fix. Ich sollte den Giro fahren, mich darauf voll vorbereiten, die Klassiker möglichst weglassen und dann nach dem Giro schauen. Doch wir hatten im Frühjahr einige Ausfälle, auch Dege (John Degenkolb) war schwer gestürzt und dann komplett raus. Ich musste einspringen und bin mehr gefahren, als geplant. Da war die Tour dann nicht mehr so das große Thema“, sagt Märkl. Doch das änderte sich im Giro. Die Teamleitung kam auf ihn zu, der Plan für die Tour wurde gemacht.

„Roy (Curvers) kam zu mir und sagte: Wir können nicht ohne dich zur Tour. Da war sofort ein Glücksgefühl und ganz viel Euphorie. Aber auch sofort der Gedanke: Ich muss jetzt richtig durchziehen“.
(Foto links: gemeinsam mit Pascal Ackermann bei der Tour de France 2025).

Vom geplanten Tourstart erzählte er zuerst nur der Familie und Freund Pascal Ackermann „Ich hatte gehofft, dass Acki fit wird und wir gemeinsam zur Tour können. Hab mich insgesamt aber bedeckt gehalten. Solange das ging. Man kann stürzen, oder krank werden. Dann ist das Tourticket schnell weg“, sagt Märkl.

Als Kind hat er davon geträumt, bei der Tour dabei zu sein. Sein Umfeld fieberte natürlich auch darauf hin. Sagt er fremden Menschen, dass er Radprofi ist, folgt die stets die Frage, ob er denn schon bei der Tour de France gewesen sei. „Endlich die Tour zu fahren, ist ein Schatten, der von dir wegtritt. Um zu wissen, was die Flandern-Rundfahrt oder Giro sind, musst du dich mit Radsport beschäftigt haben. Aber die Tour kennt jeder. Es war jetzt mal Zeit, ich wollte es unbedingt und es kam zum richtigen Zeitpunkt.“

Kurz vor der Tour gab es dann noch ein Heimspiel. Weil der Deutsche Radsportverband keinen Veranstalter fand, übernahm Vater Andreas mit dem RSV Linden kurzerhand die Organisation der Deutschen Meisterschaft. „Spätestens da wussten es eh alle“, sagt Märkl und lacht. „Mein Vater tut sich da auch ein wenig schwer, das für sich zu behalten und die DM bei uns daheim war eh ne coole Sache und das ganze Tal dann im Tour-Fieber“.

Extra Druck habe er keinen verspürt. „Den macht man sich eh selbst. Es hat mir eher Aufwind gegeben, weil ich realisiert hab, wie viele Leute den Radsport feiern. Ich hab das eher genossen, dass da so ein Support war“, sagt Märkl. Die ‚Reisegruppe Märkl‚ zum Grand Depart in Lille war dann fast 15 Personen groß. „Auch mein Bruder hat das ganze Wochenende mitgemacht. Wir haben eh ein enges Verhältnis und es war toll, die Familie dabei zu haben.“

„Du rollst ins Ziel, drückst den Computer aus. Dann siehst du überall Medaillen“


Nur die Tour ist die Tour

Auf dem Weg zur Teampräsentation zwei Tage vor der ersten Etappe ist Märkl die Euphorie ins Gesicht geschrieben. Mit breitem Grinsen rollt er vom Teambus durch das Spalier der Menschen zur großen Bühne. „Die Teampräsentation, das war wie Ruhe vor dem Sturm. Aber da wird dir klar, wie groß die Tour ist. Durch die Gassen von Lille zu fahren und dann auf die Bühne – sowas hatte ich vorher noch nicht erlebt. Das ist krasser als im Fußballstadion. Ich konnte das wirklich genießen. Klar, man kann nur grob einschätzen, was auf einen zukommt, aber da ich war noch entspannt.“ Das ändert sich am Start der ersten Etappe.

„Ab dem Zeitpunkt, wo es nach der Neutralisation losging, da hab ich gedacht: Boa, so geht’s hier also ab. Wenn die Fahne fällt, dann merkst du es sofort. Da war eine Hektik, die hatte ich noch nie gesehen. Wir hatten Radrennen von Start bis Ziel – aber nicht wie sonst, wo das mal aufhört. Es hörte erst auf, als wir über die Linie gefahren sind. Vier Stunden, wo man voll parat sein musste. Erst am Ende, wo Kräfte schwinden, dann gehen die Moves. Da teilte sich das Feld und ich war vorn dabei. Klar, bei der Flandern-Rundfahrt ist das auch so, aber nicht so krass, wie bei der Tour. Da bremst keiner mehr, da geht es um alles“, sagt Märkl ruhig und schiebt mit einem Lachen nach: „Ich finde das geil. Da kommt dann der Racer aus einem raus. Ich genieße das, wenn man voll da sein muss.“ Rang 13 für Niklas Märkl bei seiner allerersten Touretappe. Ein super Start in seine erste Tour.

„Bei der Tour kostet der ganze Trubel drumrum einfach extrem viel Energie. Ich konnte Giro und Tour in diesem Jahr gut vergleichen. Beim Giro habe ich insgesamt mehr Energie verbraucht. Aber es hat dort Tage, wo du mal abschalten kannst. Du fährst über drei Berge mit drüber, machst deinen Job und setzt dich dann in eine Gruppe und rollst ins Ziel. Da kann man sich in Anführungsstrichen entspannen. Aber bei der Tour sind überall Menschen, du kommst nie zum Abschalten. Das ist total genial, gerade in den Bergen mit all den Fans die dich pushen, aber das ganze Drumherum kostet bei der Tour einfach unglaublich viel Energie.“

Niklas Märkl (Foto: © Cor Vos)

Gewachsen

Märkls Teamkollegen Oscar Onley kämpfte während der drei Wochen um einen Podestplatz und gegen Florian Lipowitz um das Weiße Trikot der Tour. „Die Anspannung bei uns im Team kam erst in der letzten Woche. Klar ist die Tour ein großes Highlight, aber es war da keine große Anspannung bei der Teamleitung zu spüren. Wir haben das alles so gemacht, wie bei anderen Rennen auch. Das ist bei uns im Team vielleicht anders, als bei anderen Mannschaften, aber ich sehe das als Vorteil. Grundsätzlich ist es so, dass unser Team manchmal in der Kritik steht, aber es wird konsequent und langfristig gearbeitet – dadurch kam jetzt auch wegen UCI-Punkten oder sowas keine große Panik auf. Der grundsätzliche Plan wurde durchgezogen, was sich für mich gut anfühlte und so vielleicht auch etwas den Druck nahm.“

Onley lieferte ein herausragendes Rennen, wird Gesamtvierter. „Jeder von uns hatte mal so einen Tag, wo er das Puzzlestück war und dann abliefern musste. Und jeder von uns hat dann auch abgeliefert. Wenn man ums GC fährt, dann kommt da eine besondere Stimmung auf, das war genial“, so Märkl. Es gab Tage, da musste auch er über sich hinauswachsen. Die Etappe nach Toulouse nach dem Ruhetag, oder auch das 15. Teilstück nach Carcassonne. „Phu, die Etappe wo Wellens in Carcassonne gewinnt. Wir hatten Fahrer in der Gruppe, was super war, aber hinten hatten einige Jungs einen schlechten Tag. Ich hatte meinen Job gemacht und war schon aufgeplatzt, am Berg. Aber in meinem Kopf war einfach nur: Du musst bei Oscar bleiben. Ich musste zurückkommen, egal wie. Und wenn du musst(!), dann kannst du mehr, als du dir zutraust. Ich kam zurück, und spürte hinterher eine extreme Euphorie. Du rollst ins Ziel, drückst den Computer aus. Dann siehst du überall Medaillen. Es waren ein paar Tage, wo ich gemerkt hab, da ist mehr Potenzial in diesem Körper, als bislang abgerufen wurde.

Paris war ein Erlebnis, das ich nie wieder vergessen werde“


Paris

Niklas Märkl ist kein leiser Typ. Googelt man ‚typisch Pfälzer‘ spuckt die KI „ehrlich, gesellig, laut und dickköpfig“ aus. Auf Niklas Märkl aus Querdesbach passt das wohl ziemlich gut. Er genießt es, täglich im Ziel dem ARD-Mann Michael Antwerpes seinen Tag zu beschreiben, auch wenn er ihn im Gruppetto verbracht hat und die Beschreibung so ausfällt, wie am Tag zuvor.

Märkl teilt gern das Erlebte, drückt sich nicht vor Fragen der Journalisten und schickt auch gern am Ruhetag Sprachnachrichten für „Besenwagen“ oder andere Podcasts. Ein offener Typ, stets ansprechbar. Doch auch ihn laugt die Tour aus. Die Einfahrt in Paris ist eine Erlösung, aber ein großer Moment und ein riesiges Fest.

„Es war unglaublich zu spüren, welche Euphorie ich ausgelöst hab. Welchen Rückhalt ich hatte, von meiner Familie, meiner Mama, meinem Papa, meinen Geschwistern, Oma, Opa, von der ganzen Region. Ich bin kein Typ, der bei der Tour de France eine Etappe gewinnen kann, und dennoch haben sich 60-70 Leute auf den Weg nach Paris gemacht. Das ist komplett irre. Wenn du das spürst, das ist unglaublich. Paris war ein Erlebnis, das ich nie wieder vergessen werde.“

Wahrnehmung

Niklas Märkl hat Monumente bestritten, ist den Giro gefahren, nun die große Tour de France. Es hat etwas verändert. „Klar, die Leute aus dem Dorf kannten mich, aber jetzt bei den Rennen nach der Tour hab ich schon gemerkt, dass es anders ist. Da kommen Leute zu Rennen, die wissen über deine Karriere besser bescheid, als du selbst“, sagt Märkl und lacht. „Meine Eltern sind immer stolz. Mein Papa und meine Mama sind voll in dem Radsport-Ding drin. Aber die Tour war auch für sie schon was Besonderes. Ich denke, mein Papa erlebt seinen zweiten Frühling mit mir (lacht). Ich hab da schon gemerkt, dass da ein anderer Stolz ist.“

„Während der Tour hat man keine Zeit, die Erlebnisse zu verarbeiten. Rennen, Recovery, Hotel, Essen, Schlafen, Essen, Rennen. Es fühlt sich an, als sitzt du in einem Bus, der nicht anhält. Erst danach kannst du die Dinge realisieren“, sagt Märkl und hält einen Moment inne. „Bernd, es ist so cool, da jetzt drüber zu sprechen, weil die Emotionen wieder hochkommen. Der Moment in Paris mit der Familie und den Freunden, aber auch der Stress, die Hektik. Die ganze Vorbereitung, das harte Training, die schwierigen Momente, die Euphorie und das Leiden. Bei der Tour hab ich gespürt, warum ich Radsport mache. Warum ich trainiere und dafür lebe.“

Im Juli, im Chaos von Lille, wenige Meter hinter der Ziellinie seiner ersten Tour-Etappe fand er dafür keine Worte, aber all das war greifbar, in diesem kurzen Moment. Märkl wirkte überfordert, fertig, überglücklich, geschockt und maximal euphorisch zugleich. Ein Moment, den vermutlich so, oder so ähnlich jedes Jahr einige Fahrer erleben. Aber nur selten erlebt man dies so hautnah, selbst als Journalist mit vielen Renneinsätzen. Sein Glücksgefühl war offensichtlich, man musste keinerlei Details seiner Karriere kennen, um das wahrzunehmen. Mit ein wenig Zusatzwissen machte es den Moment noch intensiver. „Tour-de-France-Fahrer“, sagte ich in Lille zu Niklas. Er brauchte für seine Antwort ein paar Sekunden. Er schüttelte den Kopf und lachte, schaute mich mit seinem breitesten Grinsen an, nickte und sagte: „Tour-de-France-Fahrer!“.