#Saisonthesen auf dem Prüfstand: Lag Bernd Landwehr mit seinen Thesen für 2025 richtig?

Vor der Saison 2025 haben wir die Thesen einiger Radsportexperten eingesammelt – diese kommen nun auf den Prüfstand. Hier die von Journalist Bernd Landwehr.

1 | Pogacar hakt die Liste ab

Tadej Pogacar ist aktuell der beste Radsportler der Welt. Vielleicht ist er sogar der beste aller Zeiten? Naja, um Eddy Merckx diesen Titel abzujagen, braucht es noch ein paar Siege. Große Siege! Viele große Siege! Zur Erinnerung: Merckx hat fünf Mal die Tour, fünf Mal den Giro, sieben Mal Mailand-Sanremo, fünf Mal Lüttich-Bastogne-Lüttich, die Vuelta, je drei Mal Gent-Wevelgem, Fleche Wallonne und Paris-Roubaix gewonnen. Absurd! Vielleicht sogar für Pogacar unerreichbar.

Dennoch, die Bilanz von Tadej Pogacar kann sich sehen lassen! Tour, Giro, Ronde, Lüttich, WM … viele Rennen hat er bereits gewonnen, und in diesem Jahr wird er auf seiner Liste noch hinter einigen weiteren große Rennen einen Haken setzen! Los gehts mit Mailand-Sanremo. Sein Team wird an den „Capi“ bergauf das Tempo so absurd nach oben schrauben, dass der Pogi-Attacke am Poggio niemand folgen kann. Es folgt der Haken hinter dem E3-Prijs in Harelbeke. Und voraussichtlich wird Pogacar dann im Spätsommer auch die Vuelta gewinnen. Doch ein Rennen wird er 2025 noch nicht abhaken können: Gent-Wevelgem. Aber gut, das konnte „der Kannibale“ auch nicht auf Anhieb gewinnen. Der wurde bei seiner Premiere nur Neunter und siegte erst im zweiten Anlauf.

Überprüfung

  • Mit der These lag ich größten Teils daneben – wenn auch knapp. Bei Mailand-Sanremo gelang es Pogacar nicht, Mathieu van der Poel abzuschütteln, im Sprint war er chancenlos. Gent-Wevelgem und den E3-Prijs hat er ausgelassen, die Vuelta ist er auch nicht gefahren. Dafür gewann er die Ronde, wurde Zweiter in Roubaix, gewann Lüttich, die Tour, die WM, die EM, in der Lombardei … irre. Eine krasse Saison, aber hinter Mailand-Sanremeo und Paris-Roubaix fehlt weiter ein Häkchen.

2 | WvA gewinnt (leider) wieder kein Pflastermonument

Er hätte es verdient! Er hat das Zeug dazu! Eigentlich wäre Wout van Aert nun endlich dran, eines der beiden großen Pflaster-Monumente zu gewinnen. Doch leider wird er auch 2025 bei der Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix nicht ganz oben auf dem Podium stehen. Er hat das Problem, dass er UNBEDINGT gewinnen will, fast muss. Und die Konkurrenz nutzt das taktisch gegen ihn aus. Mathieu Van der Poel hat beide Rennen schon gewonnen, kann pokern. Zudem ist Alpecin-Deceuninck zumindest bei Paris-Roubaix als Team extrem stark und dominant gewesen. Die Doppelzange mit dem sehr endschnellen Jasper Philipsen macht es für die Konkurrenz extrem schwer. Und bei der Ronde wird ein gewisser Tadej Pogacar dabei sein, der seinen zweiten Rondesieg zu gern einfahren will.

Die Konkurrenz ist extrem stark, dazu der Druck auf Van Aert riesig! Als Klassiker-Spezialist mit belgischem Pass bleibt seine Karriere unvollendet, solange er nicht die Ronde und Roubaix gewonnen hat. Ganz sicher wird auch der mediale Druck immer weiter steigen, je näher die Pflaster-Monumente rücken. Die Konkurrenz wird sich diesen Druck zu nutze machen und taktisch gegen Van Aert und dessen Team fahren. Man wird ihm und seinem Team die Verantwortung übertragen, Ausreißern nachzusetzen, das Rennen gestalten zu müssen. Zudem wird es gerade bei einem Rennen wie der Flandern-Rundfahrt schwierig, ist die eigene Taktik für die Konkurrenz vorhersehbar. Doch will Visma | Lease a Bike einen Plan aufsetzen, der nicht zu 100% auf Wout zugeschnitten ist? Es würde ihre Siegchancen als Team erhöhen, vielleicht die Konkurrenz überraschen – für Van Aert jedoch erhöht das nur bedingt die eigenen Hoffnungen.

Wout Van Aert wird eine sehr gute Saison abliefern, doch bei den beiden Pflaster-Monumenten wird es wieder nicht für den Sieg reichen. Es beschert wenig Freude, liegt man mit seinen Thesen falsch – in diesem Falle jedoch wäre es anders.

Überprüfung

  • Leider richtig. Es war nicht das Frühjahr von Wout van Aert. Zunächst fuhr er der Form hinterher, dann lief es auch noch unglücklich. Der verpasste Sieg in Überzahl bei Dwars door Vlaanderen war der negative Höhepunkt. Die Klassiker waren insgesamt sehr durchwachsen, was den Druck für die Zukunft nicht kleiner werden lässt. Weder bei der Ronde, noch in Roubaix stand der Belgier auf dem Podium. Anschließend holte er beim Giro und auch bei der Tour einen Etappensieg. Van Aert gelang am Schlusstag der Tour in Paris etwas, was man lange nicht mehr sah – er hängte bergauf im Kampf um den Tagessieg Tadej Pogacar ab. Beeindruckend und ein großer Erfolg für Van Aert. Vielleicht auch ein Trost für das weniger gute Frühjahr.

3 | Astana wie ausgewechselt

Das Team Astana hat trotz des großen Erfolges mit Mark Cavendish eine sehr schwere Zeit hinter sich. Im World-Ranking angeschlagen, immer wieder strukturelle Probleme und sportlich kaum erfolgreich. Doch die kasachische Mannschaft hat umgebaut und sich eine andere Struktur gegeben, dazu beim Fahrerpersonal mächtig aufgerüstet. Das wird sich auszahlen und man wird auftreten, wie ausgewechselt.

Fast 5000 Punkte hat man zu Saisonbeginn Rückstand auf das Team Cofidis, das aktuell im Dreijahres-Ranking auf Rang 18 steht – der letzte Rang, der die sportliche Voraussetzung für eine WorldTour-Lizenz erfüllt. Ein großer Rückstand für ein Team, dass in der abgelaufenen Saison insgesamt nur rund 6500 Punkte holte. Doch jetzt wird man aufdrehen – überall wo es geht, auf Punktejagd gehen.

Nicht auszuschließen, dass man so Uno-X Mobility und Arkéa-B&B Hotels im Ranking noch abhängt und auch Cofidis einholt! Meine These ist, dass man in jedem Fall den Tourstart 2026 sichert – entweder über die Regel der zwei besten ProTeams (die 2 besten ProTeams erhalten Startrecht bei allen WorldTour-Rennen), oder gar über Rang 18 im Dreijahresranking!

Überprüfung

Treffer! Astana fuhr wie ausgewechselt und man sicherte sich am Ende auch im Dreijahresranking einen Platz in den Top18. Ich gebe es zu, so ganz aus der Hüfte war diese These nicht geschossen – ich hatte mit Helmut Dollinger im Winter eine Podcast-Folge aufgenommen und mehrfach über die Veränderungen bei Astana gesprochen. Dass sie es dennoch so krass umsetzen konnten, war sehr beeindruckend! Als Selbstläufer darf man diese These trotz „Insider-Infos“ wohl nicht einsortieren – ich nehme den Punkt natürlich gern mit!


4 | FDJ – SUEZ – die neue Macht

Mit Demi Vollering haben sie den aktuellen Superstar des Frauenradsports verpflichtet. Die Niederländerin ist vor allem bei Etappenrennen das Maß der Dinge. Vollering hatte in ihrem vorherigen Team immer wieder Konflikte mit Teamkolleginnen. Bezüglich ihrer Rolle in der neuen Mannschaft wird es keine Zweifel geben. Sie wurde als Siegfahrerin geholt und die Ansprüche sind klar. Das bedeutet auch, dass man bei FDJ – SUEZ wohl mit klaren Hierarchien arbeitet und Vollering den nötigen Support bekommt. So wird sie ihre Stärken ausspielen können und erneut sehr erfolgreich sein. Dass Kolleginnen nach einem Sturz nicht warten, darf man also eher nicht erwarten.

Doch es wird nicht nur an Vollering liegen, dass FDJ – SUEZ zur neuen Macht aufsteigt. Die Ankunft eines Superstars kann eine gesamte Mannschaft beflügeln. Genau diesen Effekt wird man beobachten können und das Team die prägende Mannschaft der Saison 2025.

Überprüfung

Naja, ganz so kam es nicht. Dennoch, Rang eins im UCI WorldRanking der Teams, satte 22 Saisonsiege. Von denen nicht ganz die Hälfte auf das Konto von Demi Vollering gehen. Das Team fuhr stark und der Aufwärtstrend setzte sich fort. Die dominierende Übermannschaft war man in der Saison 2025 aber nicht.


5 | Arnaud De Lie gewinnt seinen ersten großen Frühjahrsklassiker

Es ist nicht so, dass Arnaud De Lie im Frühjahr noch keine Rennen gewonnen hat. Auch nicht, was Eintagesrennen betrifft. Tro-Bro Léon oder Volta Limburg Classic beispielsweise hat er bereits für sich entschieden. Aber bei den bedeutenden belgischen Rennen im Frühjahr hat er noch keinen Sieg davongetragen. Das wird sich 2025 ändern! Ob direkt zum Opening Weekend, oder bei Gent-Wevelgem, oder in Sanremo – das wird sich zeigen. Vielleicht wird er auch die ganz große Überraschung in Roubaix? Unmöglich ist wenig!

Arnaud De Lie ist erst 22 Jahre alt und besitzt noch recht wenig Erfahrung bei den ganz großen Klassikern. Doch er ist ein großes Talent und will sich bei den Klassikern unbedingt zeigen! Die Konkurrenz mit Van der Poel, Van Aert & Co erscheint übermächtig – doch an einem Tag wird für De Lie alles passen und er holt den Sieg.

Überprüfung

Leider daneben! Es war nicht das Frühjahr des Arnaud De Lie. Zu Beginn des Jahres war er wegen einer Knieverletzung zunächst außer Gefecht und dann einfach nicht in der Form, um bei den Klassikern ganz vorn mitzufahren. Schade, denn der Belgier zeigte im Spätsommer, was in ihm steckt! Zweiter in Hamburg, die Renewi Tour gewonnen, ebenso die Bretagne Cassic, den GP Wallonie, Super 8 und Paris-Chauny. Mit meiner These lag ich daneben, vielleicht erfüllt sie sich dann mit einem Jahr Verzögerung – das gab es in der Vergangenheit schon bei mehreren Thesen und wäre De Lie zu wünschen. Für meine Thesen-Bilanz 2025 nütz das aber nix – ich lag hier daneben!