Die Strecken von Tour de France und Giro d’Italia sind bekannt, die Planungen der Teams für die Saison 2026 sind vermutlich weitestgehend abgeschlossen. Mannschaften mit mehreren Klassementfahrern stehen vor der Aufgabe, ihre Trümpfe bestmöglich einzusetzen, um bei den großen Landesrundfahrten das Maximum herauszuholen. Giro und Tour sind in der Kapitänsrolle schwer kombinierbar, Giro und Vuelta, oder auch Tour und Vuelta passen besser zusammen – nur Tadej Pogacar gelang es in den vergangenen 25 Jahren Giro und Tour in Folge zu gewinnen. Die meisten Teams beginnen mit ihren Planungen mit der optimalen Aufstellung für die Tour, schauen dann, welche Kompromisse man machen kann und wie man insgesamt die bestmöglichen Ergebnissen bei den gesteckten Zielen zu erzielen glaubt.
Für Mannschaften mit mehreren starken GC-Fahrern ist das ideale Puzzle für die Grand Tours gar nicht so einfach. Rein sportlich kann man die Fähigkeiten den Rennen gut zuteilen, aber es gibt weitere Einflüsse. Die Wünsche der Sponsoren, die Vorlieben der Fahrer, die Interessen der Veranstalter, das Fernsehen, die Ideen der Helfer …. ein komplexes Thema.
Beim Team Red Bull-Bora-hansgrohe gibt es einige starke GC-Fahrer. Allen voran natürlich Florian Lipowitz und Remco Evenepoel – die Gesamtdritten der vergangenen zwei Frankreich-Rundfahrten. Dazu Altmeister und mehrfacher GrandTour-Sieger Primoz Roglic, Ex-Giro-Sieger Jai Hindley und Nachwuchshoffnung Giulio Pellizzari – bei Giro und Vuelta 2025 Gesamtsechster! Nicht vergessen Daniel Felipe Martínez, der Gesamtzweite des Giro 2024 und Aleks Vlasov, immerhin Top5 bei Tour und Giro! Insgesamt sieben potenzielle GC-Fahrer, die man auf drei Grand Tours verteilen kann – klingt nach einem Luxusproblem!
Die Ausgangslage
Um alle Einflüsse, Themenaspekte und Dimensionen die hier reinspielen ausführlich zu beleuchten, würde aus diesem Text ein halbes Buch machen – daher wird versuch es knapp zu halten und die grundsätzlichen Gedanken hinter den Aufteilungs-Ideen zu vermitteln.
Verpflichtet wurde Remco Evenepoel – ein Ausnahmetalent mit großem Potenzial, Vueltasieger, Olympiasieger, Weltmeister, Superstar. Egal wo Remco auftaucht – er sorgt für Aufmerksamkeit und Spektakel! Ganz im Interesse der Radsportmedien und auch des Sponsors. Kein Wunder, dass Red Bull einen Millionenbetrag investiert, um diesen Star in den kommenden Jahren im eigenen Team zu haben.
Florian Lipowitz ist ein anderer Charakter, aber ebenfalls extrem talentiert und erfolgreich! Er ist in Deutschland der neue Star – was für Tour-Veranstalter ASO und die ARD ein Segen ist. Die Quoten sind gut, wenn Lipowitz bei der Tour de France startet – das lockt Werbekunden und bietet der ARD einen guten Grund, die Übertragungsrechte an der Tour de France als sinnvolle Investition zu sehen. Das freut die ASO.
Primoz Roglic ist auf die Zielgerade seiner langen und supererfolgreichen Karriere eingebogen. Er kam zu Red Bull, um der Kapitän für die Tour zu sein – dem Rennen, was in seinen Palmares noch fehlt. Er hatte seine Chance, doch scheint inzwischen nicht mehr auf dem Level, um wirklich um den Toursieg zu fahren. Im Juli 2025 fuhr er sein eigenes Rennen, war wie schon bei der siegreichen Vuelta 2024 gemeinsam mit Lipowitz im Einsatz und es ist offensichtlich, dass sie kein Traumduo bilden.
Jai Hindley hatte ein schwieriges Jahr – stürzte beim Giro schwer, wurde bei der Vuelta Gesamtvierter und verpasste das Podium nur knapp. Er hat gezeigt, dass man ihn längst nicht abschreiben darf!
Daniel Felipe Martínez war 2024 noch Gesamtzweiter hinter dem übermächtigen Tadej Pogacar beim Giro, hatte 2025 aber ein echtes Seuchenjahr. Gesundheitliche Probleme bremsten ihn über lange Zeiträume aus. Er möchte gern zu alter Stärke finden, sein Ehrgeiz ist ungebremst.
Aleksandr Vlasov fuhr die erste Saisonhälfte 2024 exzellent, stürzte dann aus der Tour. Das Jahr 2025 lief bei ihm sehr durchwachsen. Er schien mit sich selbst beschäftigt zu sein, es wirkte aber auch so, als würde die Verbindung zwischen Team und Fahrer etwas bröckeln.
Betrachtet man die individuellen Voraussetzungen, erweitert die Betrachtung um die individuellen Fähigkeiten und die Besonderheiten der Strecken, kann man das GrandTour-Puzzle beginnen. Hier beginne ich mit ein paar Grundannahmen: Die Tour-Strecke ist berglastiger und die individuellen Zeitfahrfähigkeiten fallen etwas weniger ins Gewicht. Primoz Roglic wird in seiner eventuell letzten Saison eigene Ziele setzen, nicht als reiner Helfer agieren wollen. Er hat schon abgekündigt, dass ein fünfter Vueltasieg – der ihm den alleinigen Rekord beschweren würde – ein großes Ziel sein kann.
Zudem dürfte die Sponsorensicht klar sein: Die Tour de France ist größte Bühne, hier will man das Maximum rausholen, aus dem Invest. Und an dieser Stelle soll noch angefügt werden, dass bei mir die Überzeugung besteht, dass abseits dieser Annahmen die Verteilung der GC-Fahrer auf die Grand Tours weniger entscheidend ist, als die Verteilung der richtigen Helfer zu den Rennen der Top-Fahrer. Dabei geht es nicht nur um die Bergfähigkeit der Helfer – wo man bei der Tour de France 2025 offensichtlich zu schwach aufgestellt war – sondern auch um die Mentalität, die Vorbereitung und die individuellen Fähigkeiten. Gianni Moscon nach einem intensiven Giro 2025 auch noch zur Tour mitzunehmen, um Bodyguard für Roglic zu sein, war wohl nicht optimal. Hingegen zahlte sich die konsequente Vorbereitung von Helfer Nico Denz auf den Giro mehr als aus – nach dem Ausscheiden von Roglic und Hindley fuhr das Mentalitätsmonster zum Etappensieg und rettete die Giro-Bilanz. Hier gilt es für das Jahr 2026 besonderen Augenmerk zu legen – im modernen Radsport auch den Helfern die optimale Vorbereitung zu bieten.
Giro
Der Giro hat ein langes, flaches Zeitfahren, ist weniger schwer als in den vergangenen Jahren. Die Anstiege wie Blockhaus oder Pila scheinen gutes Terrain für Remco Evenepoel. Ohne Remco zur Tour de France zu fahren scheint bei den Interessen des Sponsors und auch seinem Ehrgeiz (erst recht nach dem bitteren Ausscheiden 2025) ausgeschlossen. Aber kann er Giro und Tour kombinieren? Es kommt auf einen Versuch an! Der Giroparcours dürfte ihm liegen, dass er dann im Frühjahr weniger Einsätze bekommt, dürfte verkraftbar sein – freut vielleicht Maxim van Gils und Finn Fisher-Black. Ein guter Giro – mit Etappensieg oder Podium – würde den Druck für die Tour reduzieren. Für Evenepoel, aber auch für das Team.
Zudem kann man ihm den jungen Giulio Pellizzari an die Seite als Co-Kapitän stellen. Der junge Italiener muss seine exzellente Leistung erstmal bestätigen – wird nun Druck spüren und merken, dass seine Rolle im Peloton sich verändert hat. Den Schatten von Evenepoel kann er da vielleicht sehr gut gebrauchen. Als Berghelfer könnte man Aleks Vlasov mitnehmen – der nach einem schwierigen Jahr Selbstvertrauen tanken kann und das Team davon überzeugen, dass man ihm dann im Spätsommer bei der Vuelta eine Co-Leaderrolle zugesteht. Vlasov und Italien passte oft gut zusammen. Die Helfer Giovanni Aleotti und Gianni Moscon würden gut passen, dazu könnte man einen endschnellen Mann mitnehmen oder dem jungen Luke Tuckwell (Gesamtzweiter des U23-Giro) die Chance auf sein Giro-Debüt geben. Aber hierfür sind viele Dinge zu berücksichtigen und soll an dieser Stelle nicht geschehen.
Tour
Zwei Kapitäne für die Tour de France – keine Überraschung: Florian Lipowitz und Remco Evenpoel. Der Belgier kommt mit hoffentlich reichlich Selbstvertrauen aus dem Giro, Lipowitz kommt als Sieger des Weißen Trikots 2025 und nach Top-Vorbereitung zum Tourstart. Die Aufmerksamkeit ist garantiert, Lipowitz kann vom Schatten Evenepoels profitieren. Die sportlichen Vorzeichen sind klar – beide haben die Leaderolle und vor allem auch für die Ebene und mittelschweres Terrain bewährte und starke Kräfte an ihrer Seite – Cattaneo als Bodyguard für Evenepoel, Denz für Lipowitz. Beide sind auch für das Teamzeitfahren eine Bank. Dazu die superstarken Kletterer Daniel Felipe Martinez und Jai Hindley fürs Hochgebirge, einen Roadcaptain und einen weiteren Helfer – dann steht der achtköpfige Kader. Irgendwann wird man sich entscheiden müssen, zwischen Lipowitz und Evenepoel – doch das kann „die Straße“ bzw. das Rennen entscheiden.
Vuelta
Primoz Roglic kann seinen Rekordversuch in Angriff nehmen! Ihm zur Seite stehen Helfer wie Jan Tratnik oder Ben Zwiehoff. Vielleicht bekommen auch junge Talente wie Callum Thornley, Luke Tuckwell oder Adrien Boichis die Chance für die erste Grand Tour. Ob und in welcher Rolle Vlasov, Hindley oder Pellizzari dann auch in Spanien starten, wird die Saison zeigen und man wird auch je nach Parcours abwägen, welches Team die größten Erfolgsaussichten hat. Die schwere WM in Kanada könnte bei den Überlegungen der Fahrer ebenso eine Rolle spielen.


