Beim Team Visma | Lease a Bike laufen die Vorbereitungen auf die neue Saison schon seit Oktober auf Hochtouren. Sportchef Grischa Niermann arbeitete intensiv daran bis zum Dezember-Traningslager die Rennpläne fertig haben. Diese werden dann mit den Coaches und den Fahrer besprochen – im Januar beim Mediaday dann offiziell vorgestellt.

Das Hauptziel wird auch 2026 die Tour de France sein. „Die steht ganz oben auf der Liste, von dort aus wird geplant. Wir haben den Parcours analysiert, wissen worauf es ankommen wird und erstellen einen Plan“, sagt Niermann im Gespräch mit CyclingMagazine. „Das Ziel ist weiterhin, dass wir im Winter unseren Tourkader möglichst fix haben. Daran halten wir fest, auch wenn wir natürlich wissen, dass man flexibel sein muss, immer mal jemand ausfallen kann“.

Nicht alle Mannschaften legen so früh den Kader für die Tour fest, doch anders als vor 15 Jahren sind es inzwischen viele Mannschaften. Nicht alle kommunizieren den geplanten Tourkader bereits im Winter, beim Team Visma | Lease a Bike war man in den vergangenen Jahren diesbezüglich meist früh auskunftsfreudig. „Am liebsten würde ich sogar schon für das ganze Jahr einen Plan machen“, sagt Niermann ruhig. „Aber bei 29 Fahrern fällt immer mal einer aus. Es gibt immer auch Fahrer, die keinen optimalen Plan haben, die immer mal Lücken füllen müssen. Aber auch das kommunizieren wir offen“. Zum Plan-Puzzle gehören neben den Rennen auch Höhentrainingslager. „Wir wissen, wann es im Kalender eng wird. Es gibt Phasen, da sind zwei WorldTour-Rennen parallel und eigentlich müsste man da mit dem halben Kader im Höhentraningslager sein – das gilt es zu beachten und dann den optimalen Plan zu finden.“

Grischa Niermann gehört seit vielen Jahren zum Team, ist eines der Gesichter der niederländischen Mannschaft. Nach dem Abgang von Merijn Zeeman vor rund einem Jahr hat Niermann eine etwas andere Rolle bekommen. Mehr Managemt-Tätigkeiten, weniger nah dran am Sport. Die Rennplanung aber war schon zuvor in seinen Händen und bleibt dort. „Meine Rolle wird sich noch weiter in Richtung Management verschieben. Das war in diesem Jahr ein Lernprozess, aber wir sind da auf einem guten Weg uns die Aufgaben gut aufzuteilen“, sagt Niermann.

Das größte Kompliment für uns war, dass die anderen nicht wussten, was wir wollen

Tour-Taktik 2025 von Visma | Lease a Bike

Grischa Niermann war selbst viele Jahre Profi, hat nun auch als Sportlicher Leiter große Siege gefeiert und viel Erfahrung gesammelt. Er hat alles im Radsport erlebt und wirkt dennoch voller Energie und Motivation. Er liebt und lebt den Sport, schaut dabei aber so nüchtern und analytisch drauf, wie es viele Außenstehende nicht können. Sätze wie: „In Flandern und bei der Tour de France gewinnt meistens der Stärkste“ können schnell wie Phrasen klingen, oder die perfekte Antwort auf die Frage, warum der Rivale den Sieg holte – doch bei Niermann ist es einfach die Erkenntnis des Erlebten und der tiefen Analyse. Fans, Journalisten, Youtuber, Podcaster … gern verlieren sie sich in Taktik-Gedanken und Szenario-Ideen. Grischa Niermann ist für journalistische Rennanalysen nicht der richtige Gesprächspartner, will man sich in abgehobene Ideen hineinsteigern. Er bringt es auf den Punkt, reduziert das Rennen und Geschehene auf einen analytischen Kern. In der Regel ohne ausschweifende oder emotionale Erklärungen. Kein Zauber, keine Theatralik. Einfach nüchterner Radsport. Dabei ist Niermann stets auf der Suche nach dem nächsten schlauen Plan für den überraschenden Angriff und beste Taktik.

Während der Tour de France 2025 rätselten Beobachter, was denn die taktische Marschroute der Mannschaft Visma | Lease a Bike sei, weil sie zu Beginn jede Chance suchten, in die Offensive zu gehen. Auch Simon Geschke und Bernd Landwehr suchten im Podcast nach der Erklärung für das Verhalten und es schien, als wolle man unbedingt für Stress sorgen – Tadej Pogacar in Fehler treiben oder reizen, dass er unnötig Körner verschießt. So richtig in die Karten will sich Niermann auch mehr als vier Monate nach der Tour nicht schauen lassen. „Das größte Kompliment für uns war, dass die anderen nicht wussten, was wir wollen „, sagt Niermann ruhig. Was auch immer der Plan war, er ging nicht auf.

„Dass es nicht immer zum Erfolg führt, ist ok. Aber wir haben uns viele Gedanken gemacht und hatten eine klare Idee. Anderseits muss man auch sagen, dass es ein Risiko gewesen wäre, defensiv zu fahren. Dann hätte uns UAE ihr Rennen aufdrücken können und wir wissen, dass Tadej extrem explosiv ist.“ Auch wenn die Team-Taktik einiger Kritiker fand und Experten gar einen „zu theoretischen Ansatz“ ausgemacht haben wollen, der mehr dem eigenen Team schadete als nütze – dass Tadej Pogacar der stärkste Fahrer bei der Tour de France 2025 war und verdient siegte, darüber herrscht Einigkeit.

Niermann und Van Aert
(Foto: © Cor Vos)

Auf Sieg fahren

„Meistens ist es so: Es gewinnt am Ende der stärkste Fahrer, nicht der mit der besten Taktik“, sagt Niermann trocken. „Wir werden nicht aufgeben, machen uns Gedanken, wie kann man gewinnen kann, wo einen Überraschungseffekt erzeugen. Ob man unsere Taktik nun als gut ansieht, oder nicht, wir werden nicht kampflos aufgeben, fahren nicht um einen Platz, sondern mit dem Ziel zu gewinnen. Dass das schwierig ist, wenn ein Fahrer in allen Belangen so extrem gut ist, das ist klar. Aber Tadej war am Ende der Tour auch durch, körperlich und mental“, sagt Niermann und drückt sofort seinen Respekt für die Leistung Pogacars aus. „Dass er dann nochmal bei der WM und EM so zurückkehrt, dass ist schon außergewöhnlich und beeindruckend.“

Man darf nicht denken, dass es keiner besser machen kann als wir„, Grischa Niermann

Selbstbewusstsein getankt – 2026 besser machen

Insgesamt war es eine relativ erfolgreiche Saison. Wir haben zwei Grand Tours gewonnen. Bei den Frühjahrsklassikern und der Tour de France ist nicht alles gelungen, aber es war ein gutes Rennen und Tadej einfach stärker“, fasst Niermann die Saison 2025 kurz und knapp zusammen. Auf den Erfolg beim Giro mit Simon Yates ist man im Team Visma | Lease a Bike durchaus stolz. Niermann stellt schnell klar, dass er das Rennen nur von außen beobachtet hat, die herausragende Taktik in den Händen der Kollegen vor Ort lag. „Wir hatten beim Giro nicht von vornherein erwartet ganz oben zu stehen, das stimmt. Bei der Vuelta schon eher. Aber wir wussten, dass die Etappe über den Finestre entscheidend sein wird und so sind wir da rangegangen. Und man muss auch sagen, dass die Leistung von Simon (Yates) am Finestre sehr, sehr krass war. Das war die beste Leistung von allen Fahrern im gesamten Giro„, lobt Niermann den Sieger.

Der Blick bei Niermann geht längst voraus. Das erste ganz große Saisonziel sind die Klassiker. Für Kapitän Wout van Aert lief es 2025 nach dem schweren Sturz bei der Vuelta 2024 nicht rund. „Es ist kein Geheimnis, dass die Klassiker für Wout immer ein großes Ziel sind. Er war auch dieses Jahr gut in Form, aber nie so nah dran, dass er wirklich um den Sieg gekämpft hat. Er hat dann aber die schönste Etappe des Giro gewonnen und dann auch bei der Tour die schönste Etappe gewonnen“, sagt Niermann um die Leistungen seines Klassiker-Kapitäns zu unterstreichen.

„Wir sind davon überzeugt, dass er mit einer konstanten Vorbereitung statt einer Reha deutlich besser sein kann“(Anmerk. Van Aert war bei der Vuelta 2024 schwer gestürzt und hatte sich am Knie verletzt) , sagt Niermann und spricht die lange Aufbauphase von Van Aert im vergangenen Winter an.

„Aber auch bei einer Flandern-Rundfahrt gewinnt am Ende der stärkste Fahrer, nicht unbedingt die beste Taktik. Wenn Tadej da 40 Kilometer vor dem Ende alle vom Rad abhängt, wird es schwer für alle anderen. Aber das absolute Ziel ist es, es im kommenden Jahr besser zu machen. Die Margen, wo man Sachen besser machen kann, werden nicht größer. Wir sind sehr gut, auf diesem Gebiet, sind aber auch immer dabei aufzupassen. Man darf nicht denken, dass es keiner besser machen kann als wir. Es gilt dabei auch anzuerkennen, dass UAE auch abseits von Tadej viel richtig gemacht hat. In den Jahren 2022 und 2023 haben sie sehr gründlich analysiert, was wir richtig machen. Nun schauer wir zur Konkurrenz und überlegen, ob da etwas ist, was uns besser machen kann. Das ist ein stetiger Prozess, aber ganz sicher werden die Margen nicht größer“, so Niermann.

Zukunftssicherung beim Team Visma | Lease a Bike

Auf die Frage, auf welche Fortschritte im eigenen Team er sich besonders gefreut hat, fällt schnell der Name Matthews Brennan. „Das ist großartig zu sehen, welche Entwicklung er genommen hat. Das hat in diesem Ausmaß sicher niemand so erwartet“, sagt Niermann über Brennan, dessen Vertrag kürzlich bis 2029 verlängert wurde. Die Nachwuchsförderung sieht er als entscheidenden Baustein für die Zukunftssicherung an. „Das Ziel ist, dass oben was ankommt. Je früher wir die Jungs unter unseren Fittichen haben, mit ihnen arbeiten können, unsere Philosophie umsetzen können, desto größer ist die Chance, dass sie sich in die Weltklasse entwickeln. Wir haben 2029 angefangen, damals gab es das PicNic-Team und FDJ – inzwischen haben alle großen Teams ein eigenes Nachwuchsteam. Es gibt längst Gefechte um die Talente, auch da muss man auf Zack sein. Da haben wir mit Robbert de Groot einen Exzellenten Mann. Wenn wir beim Beispiel Matthew Brennan bleiben. Der war in den Junioren gut, aber nicht das absolute Top-Talent.“

Mit einem langfristigen Plan will man Talente zu Top-Fahrern entwickeln um bei den größten Rennen der Welt um Siege zu fahren. Die Ziele des Teams sind stets hoch gesteckt, auch die kurzfristigen für das Jahr 2026. Die Klassiker sind ein Ziel, die Grand Tours sowieso. „Da gibt es keine großen Überraschungen“, sagt Niermann über die Zielsetzung für 2026. Wie der Kader für die Tour de France aussehen wird, bei welchen Grand Tours die Kapitäne starten sollen, wird man erst bei der Teampräsentation bekanntgeben. Was Niermann bereits jetzt schon hat, ist eine Idee von einem Plan, wie man die Konkurrenz und auch Tadej Pogacar im kommenden Jahr versuchen wird zu schlagen. „Aber die wird wird natürlich nicht verraten“, sagt Niermann zum Abschluss und lacht.