Der professionelle Radsport hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Noch vor 15 Jahren zählte ein Team mit rund 10 Mio Euro Budget zu den stabil finanzierten Mannschaften. Aktuell braucht man mehr als das Doppelte, will man halbwegs mitspielen. Zu den Top-Teams zählt man dann aber noch lange nicht. Mannschaften wie UAE haben mehr als 50 Mio € zur Verfügung. Insgesamt mag der Radsport für Sponsoren noch immer die günstigere Werbeplattform sein, vergleicht man es mit dem Fußball, doch die Veränderungen sind spürbar. Die Notwendigkeit üppiger Budgets hat die gesamte Struktur des Radsports ein wenig verändert. Während früher hinter nahezu allen Teams eine Betreibergesellschaft stand, die Sponsoren anwarb und damit die Mannschaft finanzierte, sind nun immer mehr Unternehmen vom Sponsor zum Teilhaber oder gar Betreiber geworden.

EF Education hat vor Jahren das Team von Jonathan Vaughters übernommen, Red Bull die Mehrheitsanteile von Ralph Denks Firma erworben und Lidl kürzlich die gesamte Struktur des Lidl-Trek-Teams, samt Frauenmannschaft und Nachwuchs-Equipe, übernommen. Ganz ähnlich ist es beim französischen Team Decathlon. Hinter der Übernahme des Teams stecken unterschiedliche Ideen – wichtige Faktoren sind dabei die Planungssicherheit, die langfristige Perspektive und die unproblematische Umsetzung der Kommunikationsziele.

Während einige Sponsoren bei anderen Mannschaften im steten Kampf mit den Teambetreibern um die optimale „Nutzung“ der Stars und der Plattformen ringen, können Eigentümer selbst bestimmen, in welche Richtung es geht. Und vor allem macht es tiefergehende Investitionen in Struktur, Material und Nachwuchs deutlich attraktiver, wenn man sich dabei sicher sein kann, die Früchte der Investition selbst ernten zu können, statt es einem möglichen neuen Titelsponsor in ein paar Jahren überlassen zu müssen. Langfristiger Ansatz, strukturierter Aufbau in Kombination mit klaren Kommunikationszielen und langfristiger Marketing-Strategie – ein aufwendiger Prozess, aber ein möglicherweise lohnender Ansatz. Dafür ist Decathlon ein gutes Beispiel.

Zeitfahrer Bruno Armirail
(Foto: © Cor Vos)

Langfristiger Ansatz

Im Jahr 2024 stieg Decathlon beim Team Ag2R als Titelsponsor ein. Der französische Sportartikelhersteller und -händler brachte sofort mehr Budget und neuen Schwung in die traditionsreiche Equipe, hatte dabei aber nicht nur kurzfristigen Erfolge im Sinn.  „Wir verfolgen eine langfristige Strategie, wollen die Entwicklung des Teams begleiten und hoffen, mit jungen Fahrern wie beispielsweise Paul Seixas, aber auch gestanden Profis wie Felix Gall bei den wichtigsten Rennen erfolgreich zu sein“, sagt Geoffry Janssens, Van Rysel Market Leader Germany. Decathlon nutzte die Bühne Profiradsport von Beginn an aus, investierte aber intensiv in die Zukunft. Inzwischen ist Decathlon mehr als nur Sponsor, man hat das Profiteam komplett übernommen. Ausdruck der langfristigen Idee und des Marketing-Ansatzes. Direkt mit dem Einstieg von Decathlon wechselten die Profis auf das hauseigene Equipment – die Räder von Van Rysel.

„Die Entwicklung machen wir nicht allein und es brauchte etwas Zeit, aber der Anspruch ist klar – wir wollen Top-Material auf höchstem Level“, so Janssens (Foto links | © Fusion Media). 2025 wurde dann ein neues Aero-Bike vorgestellt, die Profis sollen konkurrenzfähig sein, in der erste Liga des Profiradsports. 


Van Rysel gehört zu Decathlon, ist aber ein eigenständiges Projekt. Es geht um qualitativ hochwertige Produkte im Premium-Segment, die das bestehende Angebot erweitern. Eine ganz bewusste Entscheidung des Konzerns. „Wir haben schon immer Radsport-Produkte angeboten, die für Einsteiger sehr gut waren. Aber wenn man den Radsport immer mehr für sich entdeckt, wachsen mit dem Umfang auf dem Rad auch die Ansprüche an das Equipment. Hier waren wir mit unserem Angebot limitiert, was die anderen Hersteller gefreut hat“ sagt Janssens und lacht. „Diese Lücke wollten wir schließen und auch auf Top-Level Produkte anbieten, so die Kunden bei ihrer Entwicklung auf dem Rad komplett begleiten, bis zum höchsten Niveau.“ Ein Ansatz, den Decathlon auch in anderen Bereichen verfolgt, beispielsweise beim Laufsport und Bergsteigen. 

Im Rad-Bereich wurde die Marke „Van Rysel“ geschaffen und wird nun etabliert. Die Verbundenheit zum Mutterkonzern und der Heimatregion in Nordfrankreich bleibt erkennbar – ‚Van Rysel‘ bedeutet „aus Lille“. Im Nachbarland Belgien heißt die Stadt Lille ‚Rysel‘. Beim Grand Depart der Tour de France in diesem Jahr versuchte man das „Heimspiel“ optimal zu nutzen. In der Innenstadt wurde eine mehrstöckige Bar zum „House of Cycling Dreams“. Die Präsentation des Tour-Teams samt Pressekonferenz fand natürlich dort statt, die Präsentation der neuesten Räder wurde mit dem Media-Event kombiniert – es wird versucht, das Profiteam bestmöglich für die Kommunikation der neuen „Van Rysel“-Produkte zu nutzen.

Akribisch: Tests im Windkanal
(Foto: © Fusion Media)

Hinter Marke und Strategie steckt ein eigener Ansatz – Top-Produkte werden in Zusammenarbeit mit den Profis entwickelt. Das Feedback der Fahrer fließt überall ein – im ersten Schritt werden die Produkte auch für sie gemacht. Anschließend sollen dann Innovation und Erkenntnis auch auf die Produkte für die Kunden übertragen werden. „Wir arbeiten eng mit den Profis zusammen, was uns viele Vorteile bringt. Ein gutes Beispiel ist der neue Aero-Lenker. Wir hatten eine besondere Form vorgesehen, die aerodynamischer sein soll, dafür im Griffbereich etwas verbreitert. Der Aerovorteil war recht überschaubar, aber den Profis, beispielsweise Sprinter Sam Bennett gefiel die Veränderung. Er hatte für die Sprints ein besseres Gefühl, weil er die Kraft der ganzen Hand einsetzen konnte und den Lenker sicherer in der Hand fühlte“, erklärt Janssens. 

Perspektive

Nicht nur was die Räder betrifft, fließt das Feedback der Profis in die Produktentwicklung ein. Die Fahrer ziehen mit, sind Teil eines Prozesses. „Es ist den Fahrern bewusst, dass wir ein langfristiges Engagement haben, versuchen, die Produkte immer besser zu machen und sie als Fahrer des Teams davon dann auch profitieren können“, sagt Geoffry Janssens. Das Profiteam hat ehrgeizige Ziele, will zum echten Top-Team der WorldTour wachsen. Auch mit der Marke Van Rysel ist man ähnlich ambitioniert. „Wir wollen weltweit zu den fünf bekanntesten Marken zählen, in Deutschland zu den Top3-Marken. Wir verfolgen einen langfristigen Plan, wissen, dass wir noch am Anfang stehen.“

Qualität, Image, Preis-Leistung – der Fokus liegt auf allen wichtigen Aspekten. Deutschland als Markt ist für Van Rysel sehr relevant, hier engagiert man sich auch bei großen Radevents, wie beispielsweise Rund um Köln. Die Marke „Van Rysel“ ist bei Rad-Communitys präsent, möchte den Radsport in Deutschland fördern und davon profitieren. Die ersten Schritte sind gemacht, doch der Weg noch weit. 

Janssens stammt aus Belgien, wo das Herz des internationalen Radsports schlägt. „Dort herrscht eine ganz besondere Kultur. Eine Flandern-Rundfahrt ist ein großartiges Radrennen, auch beim Hobby-Rennen sind viele tausend Menschen dabei – aber es ist viel mehr als ein Radrennen. Es ist ein Stück belgische Kultur, die viel mehr über den Sport hinausgeht. Das ist hier in Deutschland ganz anders. In Belgien entdecken Menschen über die Kultur das Fahrrad für sich, hier in Deutschland kann es andersrum passieren“, sagt der Belgier, der schon viele Jahren in Deutschland lebt. „Decathlon und natürlich auch „Van Rysel“ sind ganz eng mit dem Radsport in Nordfrankreich verbunden. Es gibt ein Van Rysel Nachwuchsteam, die Verbindung nach Roubaix ist eng und die Grenze nach Belgien nur ein paar Kilometer weg. Es gibt eine Verbundenheit mit dem Radsport und der dazugehörigen Kultur, diese wollen wir zeigen, auch gemeinsam mit dem Profi-Team.“ 

Top-Kletterer Felix Gall
(Foto: © Cor Vos)

Aktuell gehört kein deutscher Fahrer zum Decathlon World-Tour-Team, aber man will auch für den deutschen Markt das Profi-Engagement nutzen. Mit dem Österreicher Felix Gall hat man einen sehr erfolgreichen Rundfahrer im Team, mit seinem Landsmann Gregor Mühlberger und dem Schweizer Stefan Bissegger einen weiteren deutschsprachigen Fahrer unter Vertrag. Im Windschatten des Profiteams will man die Marke bekannt machen, als Marke für Top-Qualität und gutem Preis-Leistungsverhältnis entwickeln. Genau wie beim Profiteam sind die Ziele hoch gesteckt, will man konsequent und beharrlich der eigenen Idee folgen. 

Für das Profiteam hat Decathlon mit dem französischen Schifffahrts- und Logistikunternehmen CMA CGM einen finanzkräftigen Partner an Bord geholt. Man verstärkte das Team mit den Sprintern Olav Kooij und Tobias Lund Andresen, Klassikerspezialist Tiesj Benoot und Rundfahrer-Talent Matthew Riccitello. Das Potenzial für sportlichen Erfolg steckt im Team, das gilt es nun bei den Rennen auszunutzen. Und ganz sicher würden große Siege auch der eigenen Marke helfen – Siege bringen stets auch Aufmerksamkeit