Zur neuen Saison fusionierten die beiden belgischen Mannschaften Lotto und Intermarché-Wanty zu „Lotto Intermarché“. Gemeinsam versuchen sich die kleineren Teams nun den großen Top-Teams mit üppigem Budget entgegenzustellen. Mehr als die Hälfte des Kaders sind Belgier, die Top-Fahrer Arnaud De Lie, Lennert Van Eetvelt und Jarno Wider große belgische Talente. Zum fusionierten Team gehören auch die beiden Deutschen Jonas Rutsch und Georg Zimmermann, die vom Team Intermarché-Wanty kamen. Für beide beginnt die Saison 2026 in Australien – beim WorldTour-Saisonstart Tour Down Under.
„Wir haben ein gutes Team in Australien dabei, mit Lennert Van Eetvelt einen richtig starken Fahrer“, sagt Zimmermann kurz vor der Abreise und scheint bereit für die Saison. „Es passt soweit, ich habe fleißig trainiert und kann mich nicht beschweren. Alles gut“, antwortet Zimmermann trocken auf die Frage, ob er gut durch den Winter gekommen sei. Für Zimmermann geht es nach der Tour Down Under in Italien weiter, später sind die Ardennen Klassiker ein erster Höhepunkt.
Große Überraschungen in seinem Rennprogramm gibt es nicht, auch wenn er in diesem Jahr voraussichtlich bei Tirreno-Adriatico statt Paris-Nizza starten wird. „Ich mag es eigentlich, das Programm zu wiederholen. Denn ich finde, so richtig kennt man sich erst beim dritten Mal bei einem Rennen aus. Beim ersten Mal ist man so okay, man wird von den Sportlichen Leitern gebrieft, aber ist schon ein bisschen im Blindflug. Beim zweiten Mal weiß man es eigentlich, aber dann passiert wieder irgendwas und dann denkt man hinterher – eigentlich hätte ich es wissen müssen. Erst beim dritten Mal hab ich eigentlich immer das Gefühl, dass ich richtig weiß, wie das Rennen läuft und man ein richtiges Gespür entwickelt hat. Und von daher fahr ich eigentlich gern die Rennen öfter“, erklärt Zimmermann.
Durch das italienische Programm im Frühjahr wird er auch zu Strade Bianche zurückkehren. „Ich bin es nur ein Mal gefahren (Anmerk. 2023) und bin ins Auto gestiegen. Aber da hat es mir schon gut gefallen und ich hatte einfach nur einen schlechten Tag. Von daher bin ich da eigentlich positiv gestimmt. Es ist ein Rennen das ich sehr gern mag und das mir sehr gut liegen kann.“
„Ich betreibe den Sport nicht nur als Beruf“
Gefallen an der Helferrolle
Seine Rolle wird sich auch im neuen Team wohl nicht groß ändern, auch bei den hügeligen Klassikern. „Wir haben richtig Qualität im Team, gerade für die hügeligen Rennen. Lennert Van Eetvelt, Jarno Widar aber auch ein Jenno Berckmoes kann bei diesen Rennen extrem stark sein“, sagt Zimmermann und glaubt, dass man taktisch die Breite des Kaders nutzen muss. „Es ist ähnlich wie im vergangenen Jahr, auch wenn man sagen muss, dass Louis Barré brutal stark war und ganz vorn mitgefahren ist, was wir so vorher leider nicht wussten. Mit einem Fahrer wie ihm im Team würde man die Taktik jetzt vielleicht anders ausrichten, aber ich denke, für unser Team ist es gut, die Breite des Kaders auszunutzen“, sagt Zimmermann, der gern selbst offensiv fährt. „Ja, aber ich bin auch gern Teil eines erfolgreichen Teams, wo ich einbringen kann. Natürlich freue ich mich, wenn ich selbst vorn reinfahren kann, aber ich hab auch großen Gefallen daran, jemanden zu supporten den ich gern mag und ihm zu helfen, weit vorn zu landen. Das gilt nicht nur für die Klassiker. Ich denke, was ich fünf Jahre für Louis (Meintjes) gemacht habe, das werde ich nun für Lennert (Van Eetveld) machen. Ich glaube, Lennert ist fast noch talentierter und hat die Möglichkeit, noch Größeres zu erreichen“, sagt Zimmermann über seinen neuen Kapitän.
Auch wenn sich Zimmermann in der Helferrolle wohl fühlt, geht es für ihn nun auch darum, die eigenen Grenzen auszuloten. Der 28-Jährige hat sich kontinuierlich weiterentwickelt, will den nächsten Schritt machen. „Natürlich hofft man immer, dass es weitergeht, aber man muss auch realistisch sein, was die eigenen Ziele anbetrifft“, sagt Zimmermann ruhig.

Gerade für die anspruchsvollen, hügeligen Eintagesrennen schlägt sein Herz. „Ein Top10-Ergebnis bei einem ganz großen Klassiker, vielleicht sogar Monument ist schon etwas, was ich noch erreichen möchte. Ich war ein Mal bei der Lombardei-Rundfahrt in den Top20 und bei der WM Fünfzehnter. Da waren die Top10 in Schlagdistanz – das möchte ich gern irgendwann erreichen.“ Welcher große Klassiker das dann ist, ist ihm nicht wichtig. „Da gehört so viel dazu, da muss so viel passen. Auch die Taktik des Teams. Es kann auch hier bei uns den nächsten Louis Barré geben, der richtig durchstartet, dann wird meine Rolle auch bei den Eintagesrennen die des Helfers sein. Aber persönlich bleibt das Top10-Ergebnis ein Ziel.“ Wie es für Zimmermann nach den Klassikern weitergehen wird, ist noch nicht klar. Bei seinem intensiven Frühjahrsprogramm scheint ein Girostart eher unwahrscheinlich.
„Sowas wie bei der Tour de France 2023 würde mich nicht mehr passieren“
Erfahrung als Schlüssel zum Erfolg
Hinter Zimmermann liegt ein Reifeprozess als Fahrer, er agiert taktisch clever und weiß seine Chancen zu nutzen. „Die beiden Rennen, die ich im vergangenen Jahr gewonnen habe, habe ich nicht nur über Stärke, sondern über Taktik gewonnen. Ich bin wirklich erfahrener geworden und würde sagen, dass mir sowas wie bei der Tour de France 2023, wo ich mich von Pello Bilbao hab schlagen lassen, nicht mehr passieren würde. Als ich letztes Jahr den Giro d’Abruzzo gewonnen habe, mit limitiertem Teamsupport auf schwer zu kontrollierendem Terrain gegen ein starkes UAE-Team und ein starkes Q36.5-Team, musste man wirklich überlegt vorgehen. Ich hatte den sehr erfahrenen Louis Meintjes an meiner Seite, der mir sehr geholfen hat. Man musste wirklich die Übersicht behalten, genau wissen, was man macht und da ist es mir gelungen, das Gelbe Trikot zu verteidigen. Ähnlich war es bei der Deutschen Meisterschaft, als Felix (Anmerk. Engelhardt) vielleicht noch ein bisschen stärker war, trotzdem konnte ich aber das Trikot holen“, so Zimmermann.
Zimmermann verbesserte sich von Jahr zu Jahr, doch das Niveau in der Weltspitze eben auch. „Das ist so. Meine Zahlen werden von Jahr zu Jahr besser, aber das Niveau steigt ebenso. So reicht meine Verbesserung gerade so um mitzuwachsen, aber ich bin nun viel effizienter geworden, was ich daraus mache. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Giro d’Abruzzo oder die Deutsche Meisterschaft vor zwei, drei Jahren mit den gleichen Beinen gewonnen hätte.“
Das ganz große Ziel bleibt ein Tour-Etappensieg
Die Erfolge von 2025 geben Zimmermann zusätzlich Selbstvertrauen, die Motivation ist ungebrochen. „Ich genieße einfach jeden Tag als Radprofi. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, fahre mit Leidenschaft und betreibe den Sport nicht nur als Beruf“, sagt Zimmermann. Der verpasste Tour-Etappensieg ist nicht vergessen, aber abgehakt. Das große Ziel ist geblieben – ein Tagessieg bei einer Grand Tour. Noch deutlich mehr, als ein Top10-Resultat bei einem Klassiker. „Ich habe schon vier Siege eingefahren und darf das Trikot des Deutschen Meisters tragen. Ein Tour-Etappensieg wäre das i-Tüpfelchen, aber mein Seelenheil hängt nicht davon ab“, sagt Zimmermann ruhig. „Über die Kraft kann ich keine Touretappe gewinnen. Dass ich attackiere und alle fallen mir vom Rad ab, das wird es nicht geben. Wenn ich gewinnen will, muss ich clever sein.“
„Um das zu erreichen muss viel zusammenkommen und man darf einen Ausreißversuch auch nicht erzwingen, braucht auch die nötige Lockerheit. Ich bin mir sicher, dass ich nochmal in die Situation kommen werde, um einen Grand-Tour-Etappensieg zu fahren und dann gilt es so sharp zu sein, wie bei der Deutschen Meisterschaft“, sagt Zimmermann. Cleverness und die nötige Lockerheit – mit der gewonnen Erfahrung scheint er bereit.


