
1 | Keine Traumhochzeit für Remco und Red Bull
Der spektakulärste Transfer zur neuen Saison ist ganz sicher die Verpflichtung von Remco Evenepoel. Red Bull-Bora-hansgrohe wollte Remco unbedingt, und Remco wollte unbedingt zu Red Bull – doch eine echte Traumhochzeit wird das nicht, zumindest nicht auf Anhieb. Meine These ist, dass 2026 trotz des sehr guten Starts keine Überfliegersaison des Belgiers wird. Zumindest bei den ganz großen Rennen.
Im Team Red Bull-Bora-hansgrohe gibt es eine Menge Kapitäne und reichlich Egos. Schon im Sommer 2025 konnte man sehen, dass es bei den Kapitänen der Tour kein Dreamteam gab, wenig Teamwork zu sehen war. Nun kommt mit Remco noch ein Topstar ins Team und man hat so viel Kapitäne, dass es eine echte Herausforderung ist, die Balance zu halten und ein Team zu formen. Meine These ist, dass es der Mannschaft in dieser Konstellation nicht gelingt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der eine „Hammer Saison“ 2026 möglich ist. Selbst für ein Ausnahmetalent wie Remco Evenepoel.
2 | Jonas Vingegaard steht nicht auf dem Podium der Tour de France
Fünf Mal ist Jonas Vingegaard die Tour gefahren, stand jedes Mal auf dem Podium. Doch 2026 wird diese Serie reißen, und das hat mehrere Gründe. Zum einen wird er sein Programm anpassen und im Mai den Giro bestreiten. Die Doppelbelastung Giro und Tour ist heftig, das hab ich am eigenen Leib erfahren. Zwar bin ich ganz sicher nie ein Fahrer auf dem Niveau von Jonas Vingegaard gewesen, doch hier geht es nicht nur um physische Leistungsfähigkeit und Belastung. Will man bei Giro und Tour in bestmöglicher Form sein, bedeutet es eine krasse erste Saisonhälfte, mit Entbehrungen und extremen Fokus. Es muss nur eine Kleinigkeit schief laufen und es fehlen sofort ein paar Prozent. Ja, Vingegaard hat Tour und Vuelta brutal erfolgreich kombiniert, aber das Giro-Tour-Doppel ist noch etwas anderes!
Und noch ein Punkt spricht gegen das Podium von Vingegaard: Die Konkurrenz hat aufgeholt. Die Lücke zu Ayuso, Onley, Lipowitz, Evenepoel und Co wird nicht mehr größer, ganz im Gegenteil. Die nächste Generation rückt nach und wird nicht zu schlagen sein, wenn selbst Ausnahmefahrer wie Jonas Vingegaard nicht bei 100% sind. Gelingt ihm der Sieg beim Giro, dann würde er in den erlauchten Kreis der Champions vorstoßen, die alle drei Grand Tours gewonnen haben. Dann wäre die Saison auch ohne Tour-Podium ein Erfolg.
3 | Ayuso und Lidl-Trek – das perfekte Match
Juan Ayuso ist ein großes Talent, hat große Ansprüche und hoch gesteckte Ziele. Er sieht sich selbst als Leader, sucht den eigenen Erfolg. Beim Team UAE war für ihn und seine Ansprüche nicht genug Platz, er wechselte zu Lidl-Trek. Für einen Fahrer wie ihn ist das genau die richtige Mannschaft und er wird auf Anhieb durchstarten und eine Grand Tour auf dem Podium beenden. Denn das Team Lidl-Trek hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie trotz mehrere Kapitäne erfolgreich und als Team zusammenarbeiten können. Sie wissen, wie man mit Egos umgeht und das wird auch mit Ayuso klappen.
4 | Tom Pidcock gewinnt einen Ardennen-Klassiker
Was Tom Pidcock kann, haben wir alle bereits gesehen. Im Jahr 2026 wird der Brite noch stärker sein. Schon sein erstes Jahr im Team Q36.5 war extrem gut, nun hat die Mannschaft aufgestockt und den nächsten Schritt gemacht. Das wird sich auszahlen – vor allem in den Ardennen. Das Team um Pidcock ist stärker, Fahrer wie Fred Wright können ihn unterstützen. Für das Ardennen-Triple wird das nicht gleich reichen, aber eines der drei Rennen wird er gewinnen.
5 | Peak-Pogacar ist erreicht
Für keinen Fahrer geht es immer nur bergauf – nicht mal für Tadej Pogacar. Bislang ging es immer aufwärts, immer mehr Erfolge, immer krassere Siege. In jedem Jahr hat er sich gesteigert – 2025 abgesehen vom Grand Prix Cycliste de Québec und der Zeitfahr-WM alle (!) Rennen auf dem Podium beendet. Von den insgesamt 50 Renntagen hat er 31 in den Top3 beendet. Das ist unglaublich und selbst für mich als Ex-Profi kaum vorstellbar. So kann es nicht weitergehen, nicht mal für Pogacar.
Er wird weiter große Rennen gewinnen, vielleicht im Sommer seinen fünften Toursieg holen – aber es wird nicht die nächste Saison mit neuen Superlativen. Peak-Pogacar ist erreicht, der Höhenflug wird gebremst, die Dominanz beginnt langsam zu bröckeln.
Die Thesen der anderen Experten gibt es hier: saisonthesen

