Seinen Saisonstart hatte sich Jonas Rutsch ein wenig anders vorgestellt. Der 28-Jährige war motiviert zum World-Tour-Auftakt nach Australien gereist. Doch nach einem Sturz war bereits nach Etappe zwei Schluss. „Das war natürlich ärgerlich, auch weil es unseren Kapitän Lennert (Van Eetvelt) ebenso erwischte“, sagt Rutsch, der sich glücklicherweise nicht schwerer verletzte und nach einigen Pausentagen beim Cadel Evans Great Ocean Road Race dabei war. „Es war dann wieder ok, so konnte ich das Rennen noch mitnehmen“.
Jonas Rutsch ist einer der acht Fahrer, die bei der Fusion der Mannschaften „Lotto“ und „Intermarché-Wanty“ den Wechsel von Intermarché-Wanty zum neuen Team mitmachten. Der 28-jährige Allrounder ist vielseitig einsetzbar und ein Spezialist für die Pflaster-Klassiker. Fragt man Rutsch nach seinem Lieblingsrennen muss er keine Sekunde überlegen – Paris-Roubaix. Nach einer sehr starken Leistung landete er im vergangenen Jahr in Roubaix auf Rang sechs. „Natürlich ist das wieder mein ganz großes Ziel im Frühjahr“, sagt Rutsch, der sonst eher in der Rolle des Helfers ist. „Das ist bei den meisten Rennen ganz klar meine Rolle, das ist mir bewusst“, sagt Rutsch ruhig und reflektiert.
Das Team Lotto-Intermarché ist für die Klassiker gut aufgestellt, Rutsch eine Säule im Team. Nach dem Saisonstart in Australien wird er die Vorbereitung auf die flämischen Rennen intensivieren, absolviert ein Höhentrainingslager. Wie sein Klassikerprogramm dann ganz genau aussieht, welche Rennen er möglicherweise auslässt, wird sich noch zeigen. Kurz vor dem Abflug nach Australien war Rutsch die Vorfreude auf den Rennbeginn anzumerken, denn es ist auch ein wenig ein Neustart.
Arnaud (De Lie) hat viel mehr Talent als ich, der muss nicht die Fehler machen, die ich gemacht habe
„Es fühlt sich für mich fast ein wenig wie ein neues Team an“, erzählt Rutsch. Er hat den Trainer gewechselt und neben den Trikots und dem Teamnamen sind einige Ansprechpartner neu. „Ich war nur eine Saison im alten Team, kann die Veränderungen nicht ganz so gut abschätzen, wie beispielsweise Georg (Zimmermann). Aber ich habe schon das Gefühl, dass die Fusion gut funktioniert und es ein gutes Miteinander ist. Klar ist, dass es zwei gewachsene Team-Strukturen sind, wir müssen als Mannschaft erst zusammenwachsen. Aber ich denke es ist gut, wenn jetzt die Saison so richtig losgeht, denn dort ist es, wo es zählt. Man kann vielleicht 80-90% vorher planen, besprechen und regeln, aber in den Rennen muss es dann auch funktionieren und da hoffe ich, dass es direkt von Beginn an klappt.“

Rutsch sieht in der Veränderung eine Herausforderung, aber auch eine Aufgabe, auf die er sich freut. „Ich gehe das jetzt erstmal positiv an. Es ist schon so, dass die Erfahrung eher von unserem Team kommt, die hoffnungsvollen Talente von der Lotto-Seite. Wenn ich Fahrer wie Arnaud (De Lie) sehe, die in Top-Form bei fast jedem Rennen um den Sieg mitfahren können, dann versuche ich, ihm da unter die Arme zu greifen. Ich möchte meine Erfahrung einbringen, das weitergeben, was ich gelernt habe. Ich hab durchaus einiges weiterzugeben, hab manches vielleicht auch auf die harte Tour gelernt, das kann hilfreich sein“.
(Foto links: Rutsch und Teamkollege Georg Zimmermann (links) während der Teampräsentation“
Den Platz im Peloton gefunden – Erfahrung weitergeben
Jonas Rutsch weiß, was er kann, wo seine Stärken liegen und worauf es ankommt. Er hat als Profi eine größere Ruhe entwickelt, die ihm zu Beginn seiner Karriere noch etwas fehlte. Er ist als Fahrer insgesamt gereift. „Da wurde nicht ein Schalter umgelegt, sondern das war ein Prozess. Ich musste auch ein paar Mal, auf deutsch gesagt auf die Schnauze fliegen, um Erfahrungen zu sammeln und mich zu entwickeln. Genau darum geht es aber, das kann ich nun weitergeben. Wenn wir einen Fahrer wie Arnaud (De Lie) sehen – der hat viel mehr Talent als ich, der muss nicht die Fehler machen, die ich gemacht habe. So versuche ich mich einzubringen.“
Rutsch wurde im Januar 28 Jahre alt, bestreitet seine siebte World-Tour-Saison. In den Nachwuchskategorien war er stark, aber manchmal ungeduldig oder unsicher – das hat er abgelegt. „Ich zögere nicht mehr, Entscheidungen zu treffen“, sagt Rutsch ruhig. „Man darf keine Angst haben, Fehler zu machen. Das schlimmste ist, keine Entscheidung zu treffen, vor allem bei den Klassikern. Aus Angst vor einem Fehler nicht versuchen, das Richtige zu tun – das funktioniert nicht. In einem Klassiker muss man ständig Entscheidungen treffen, darf nicht zögern“, sagt Rutsch.
Rutsch ist gereift, was sich nicht nur in den Rennen zeigt. Für viele Fahrer der fusionierenden Teams „Lotto“ und „Intermarché-Wanty“ war das Jahr 2025 von Unsicherheit geprägt. „Es war schon so, dass eine ganze Zeit lang nicht so ganz klar war, wo es hingeht. Ich habe mich irgendwann auf das konzentriert, was ich beeinflussen kann. Das kann man durchaus auch auf andere Dinge im Leben übertragen.“
Jonas Rutsch kennt seinen Platz, weiß um seine Qualitäten, aber kann sich realistisch einschätzen. „Es ist hilfreich, wenn man etwas rauszoomen kann und die eigenen Fähigkeiten einschätzen. Der Motor, der bei mir verbaut ist, ist sicher nicht der kleinste im Peloton und damit kann ich schon was ausrichten. Man muss seinen Platz im Polton finden, sich auf das konzentrieren, was man kann. Das braucht manchmal etwas Zeit und kann für junge Sportler durchaus eine Herausforderung sein. Denn man wird ja mit den allerhöchsten Zielen Profi. Ich hab das Gefühl, die jungen Sportler haben zur Entwicklung immer weniger Zeit, die Erwartungen sind direkt da. Viele werden sehr jung Profi, verdienen viel Geld, müssen dann direkt liefern. Da ist dann auch für Dinge neben dem Radsport keine Zeit und das kann dann problematisch werden, wenn mit dem Sport Schluss ist. Das ist heute schon anders, als zu der Zeit, als ich Profi wurde.“
Jonas Rutsch im Interview nach Rang 6 bei Paris-Roubaix 2025:
Neues Selbstbewusstsein und Vorfreude auf Mailand-Sanremo
Seine Erfahrungen will Rutsch im Team einbringen, vor allem den jungen Helfern. Aber er hat auch eigene Ambitionen, auch neben seinem Lieblingsrennen Paris-Roubaix. „Mailand-Sanremo ist so ein Rennen. Das hat mich das letzte Jahr nochmal mehr angefixt, für das Team, aber auch für mich etwas rauszuholen“, sagt Rutsch. „Normalerweise ist es mein Job, den Kapitän vor der Cipressa vorn abzusetzen und dann ist die Arbeit erledigt. Ähnlich klar war mein Job 2025 auch, aber ich war dann in den Sturz vor der Cipressa verwickelt. Da hatte es einige Fahrer erwischt, die aufgehalten wurden und noch nach vorn wollten, Tom Pidcock war einer von ihnen. In den Jahren davor hätte ich gedacht, mein Job ist erledigt und gut. Aber letztes Jahr war es so, dass ich zwischen Cipressa und Poggio für Bini (Girmay) noch da sein sollte. Also musste ich wieder mit nach vorn. Und ich bin wieder in die Gruppe hinter den Astronauten (Anmerk. Pogacar, Van der Poel und Ganna) reingekommen. Ich konnte dann noch arbeiten, dachte am Poggio ist dann Schluss – aber dem war nicht so. Ich bin trotz der Arbeit noch drüberkommen und konnte Bini am Ende den Sprint anfahren. Das ist eine Fokus-Sache. Die Kapazität hatte ich bereits davor, aber der Fokus war nie darauf. Das hat mir schon gezeigt, dass da was drin ist. Ein Fahrer wie Arnaud de Lie wird da Leute brauchen, die bei ihm sind“, sagt Rutsch und glaubt fest daran, dass er dort eine wichtige Rolle einnehmen kann.
Die Klassiker im Früjahr sind das erste große Ziel in der Saison, dort will Rutsch bestmöglich in Form sein. „Aber auch dort liegt nicht alles in der eigenen Hand. Man kann sich einen Infekt einfangen oder stürzen. Ich hab in Australien gesehen, wie schnell es gehen kann. Man kann natürlich nur alles dafür tun, muss sich dabei aber auf die Sachen konzentrieren, die man selbst beeinflussen kann“, sagt Rutsch. „Komplett in der eigenen Hand liegt es nicht. Aber dass man selbst alles ausschöpft, versucht alles 100% richtig zu machen, ist die Grundlage dafür, dass man erfolgreich sein kann.“


