
Zur Saison 2026 ist in Stuttgart ein neues Radteam entstanden. Eine Amateurmannschaft für Frauen. Das ausgegeben Ziel: Jungen Sportlerinnen nach der Juniorenklasse den Übergang in die Elite zu ermöglichen, dem Nachwuchs eine Perspektive geben. Fahrerinnen im Sport halten, die nicht (sofort) den Sprung in ein Devo-Team oder eine Conti-Mannschaft machen. Echter Amateurradsport. Durchaus ambitioniert, aber ohne Profisport-Intention.
Die „EQUIPE Stuttgart Féminine“ ist angedockt an den Stuttgarter Radsportverein RSV Stuttgart-Vaihingen 1901 e.V.. In dessen Struktur gibt es bereits die Männer Equipe – ein Bundesligateam. Amateurradsport, unterstützt vom Landesverband Baden-Württemberg. Auch das Männerteam hat eine Entwicklung hinter sich, ist gewachsen, weil sich junge Radsportler zusammenfanden und viel Energie investierten. Der Fokus auch dort auf den U23-Bereich – ambitionierter Amateursport. Dass es nun auch eine Frauenmannschaft gibt, scheint wie eine logische Konsequenz der Entwicklung.
Kraftaufwand & Nachwuchsföderung
Die treibende Kraft hinter der „EQUIPE Stuttgart Féminine“ ist Sandra Geyer. Die Lebensmittelchemikerin ist selbst erst spät zum Radsport gekommen, doch dem Sport schnell verfallen. Bei nationalen Rennen konnte sie vorn mitfahren, Erfolge feiern. Auch als Amateurradsportlerin betreibt sie großen Aufwand in Sachen Training, unterstützt dabei den Radsport in Stuttgart vielfältig – sowohl ehrenamtlich beim RSV Stuttgart-Vaihingen als auch als Guide für Frauengruppen, gibt Workshops für Anfängerinnen.

Als sie im vergangenen Jahr selbst nach einer neuen sportlichen Heimat suchte, kam der Wunsch nach einem Frauen-Team innerhalb des RSV in Stuttgart auf. Für Sandra Geyer (Foto links) die Chance es selbst in die Hand zu nehmen.
Als Sandra am Rande der Race Days das erste Mal von ihrer Idee erzählt, ist schnell zu spüren, mit welch Energie sie das Projekt vorantreibt. Beim RSV Stuttgart-Vaihingen findet ihre Idee sofort Anklang. Bei der Männermannschaft ist Paul Baumann eine wichtige Person, schiebt an, was möglich ist. „Natürlich ist das großartig, dass wir jetzt auch eine Frauen-Equipe haben. Ich kenne Sandra nun schon eine ganze Weile und ich war sofort begeistert, als sie die Idee forcierte. Wir helfen uns gegenseitig, sehen es als gemeinsames Projekt und denken alles mannschaftsübergreifend“, sagt Baumann.
„Das ist eine ganze Menge Arbeit! Wir machen das alle nebenbei, stecken da phasenweise unsere ganze Freizeit rein“, sagt Baumann. „Mit der Männer Equipe im Rücken haben wir natürlich den Vorteil, dass schon eine Struktur besteht. Da war und ist für Sandra aber trotzdem noch viel zu tun. Ich weiß wovon ich rede“, sagt Baumann und lacht.
Beim Württembergischen Radsportverband ist man über die Initiative in Stuttgart sehr erfreut, stellt auch finanzielle Mittel zur Unterstützung bereit, um den Rennbetrieb zu ermöglichen. Nun hat der WRSV neben der Männermannschaft auch ein Frauenteam aus Stuttgart bei den Bundesligarennen am Start. „Die Zusammenarbeit mit dem WRSV klappt bei den Männern gut, das wird jetzt bei den Frauen sicher auch so sein“, sagt Baumann.
Infrastruktur & Aufbau

(Foto: EQUIPE Stuttgart Féminine)
Von der Idee der Frauen-Equipe bis zur Umsetzung war es ein weiter Weg, auch wenn es in Sachen Ausrüstung durch die Männermannschaft bereits eine Basis gab. Im Konzept für die ‚EQUIPE Stuttgart Féminine‘ geht es um die Förderung des Nachwuchses, das Team soll ein Mix aus erfahrenen Frauen und jungen Talenten sein.
Initiatorin Sandra Geyer sieht sich während der Saison mehr als Fahrerin. Für die Rolle der Teamleitung konnte sie Antje Jäger begeistern. „Ich bin da so ein bisschen reingestolpert“, sagt Jäger zurückhaltend. Sie kennt den Radsport, hat selbst eine Tochter, die gerade der Juniorenklasse entwachsen ist und nun bei LKT fährt. „Über meine Tochter war der Kontakt entstanden. Ich dachte schon in der Vergangenheit öfter mal, ein Team wäre was cooles. Ich lebe nicht in Stuttgart, kannte nicht viele Menschen im Verein, was sich aber schnell geändert hat.“
Für Jäger geht es vor allem darum, den jungen Fahrerinnen den Sport zu ermöglich. „Ich sehe bei meiner Tochter, was der Übergang zur Elite bedeutet. Sie müssen dann auf einmal Große sein. Vorher bei Kostas (Kostas Georgiadis – Trainer für den Nachwuchs in Baden-Württemberg), wurde alles für sie gemacht, doch das gibt es dann nicht mehr“, so Jäger. Auch wenn sie eher leise Töne anschlägt, ist zu spüren, mit welch Energie sie das „Projekt EQUIPE Stuttgart Féminine“ angeht.
„Wir haben vier U23-Fahrerinnen und vier ältere Fahrerinnen. Es war ganz bewusst eine Hälfte-Hälfte-Entscheidung. Die jungen Fahrerinnen können dann von älteren lernen, vor allem auch abseits der Rennen.“ Sie sollen Zeit bekommen sich im Elitesport zurechtzufinden. „Da geht es auch um ganz einfache Sachen. Eine strukturierte Planung, eine Balance im Tagesauflauf, auch das Wann-und-Wo“, sagt Jäger.
Im ersten Teamtreffen hat man sich kennengelernt, gemeinsam mit dem Männerteam Workshops gemacht und die organisatorischen Sachen geklärt. Der Rennplan wurde gebastelt und steht nun. „Wir konzentrieren uns auf die Bundesliga, die Deutsche Meisterschaft und auch ein Rennen in Österreich.“

Einen weiteren lokalen Sponsor hat das Team gewinnen können, der ganz bewusst den Frauenradsport unterstützen möchte. Sponsorensuche, Website neu aufsetzen, Planung, Anmeldung zu den Rennen – ein Radteam ehrenamtlich zu führen ist extrem aufwändig. Das kleine Team der Stuttgarter Equipe versucht zu helfen, mit den begrenzten Mitteln das Beste rauszuholen. Das ist bei den vielen anderen kleinen Teams ebenso.
Potenzial steckt durchaus in der EQUIPE Stuttgart Féminine, vor allem auch bei den jungen Fahrerinnen. So gehört beispielsweise Julia Servay zum Team, die 2024 mit dem Junioren-Vierer Europameisterin auf der Bahn wurde und 2025 mit dem U19-Vierer Bronze bei der WM holte. „In den Mädels steckt sicher Potenzial, es geht darum, ihnen die Möglichkeit zu bieten, ihren Sport auszuüben und ihr Potenzial auszuschöpfen. Julia konzentriert sich im Moment auf ihren Schulabschluss, kann aber dennoch den Sport weiter auf einem guten Level ausüben. Genau darum geht es uns“, so Jäger.
Sportlich ambitioniert ist man auch im Amateurradsport, beim neuen Stuttgarter Team aber mit realistischer Einschätzung. „Für uns geht es im ersten Jahr als Team ums Überleben, reinzufinden und zu wachsen. Es steckt unglaublich viel Arbeit in diesem Projekt und es freut mich sehr, dass wir es so hinbekommen haben. Dass wir Kathie (Rothe) und Frank (Riedel) als Sportliche Leiter haben, ist wichtig und extrem wertvoll.“ Die Struktur ist überschaubar, der Start des Teams aber gelungen. Nun fiebert man der Saison entgegen.
„Klar, wir hätten vielleicht gern zwei Plätze mehr gehabt, aber das Budget ist überschaubar und allein mit Ausrüstung & Co. kommen da schnell einiges zusammen. Die Mannschaft ist ganz neu, steht noch am Anfang und ich bin sehr zufrieden, was wir da alle gemeinsam hinbekommen haben“, sagt Jäger. Im Februar wird im Trainingslager in Spanien an der Form gefeilt, im März geht es dann mit dem ersten Rennen los.
Infos zur EQUIPE Stuttgart Féminine: equipe.cc

